TRIER
BIRGIT REICHERT (DPA)

Premiere: Seegängiger römischer Frachter an der Universität Trier originalgetreu nachgebaut

Es ist ein Handelsschiff, wie es einst in der Antike über das Mittelmeer gesegelt ist: 16 Meter lang, fünf Meter breit, fast ebenso hoch, aus Eichen- und Kiefernholz gezimmert. Trierer Forscher haben den Segelfrachter in den vergangenen zwei Jahren mit Studenten und Handwerkern originalgetreu nachgebaut. In den nächsten Wochen soll er als Forschungsschiff in die Mosel gelassen werden: „Für uns ist fantastisch, dass wir dann zum ersten Mal die Eigenschaften eines römischen Segelschiffes exakt messen können“, sagt Projektleiter Christoph Schäfer.

Vorlage für den Bau des Frachters, der vorläufig „Laurons 2“ heißt, ist ein versunkenes Schiff aus dem 3. Jahrhundert: Ein Segelschiff, das in der Bucht von Laurons an der südfranzösischen Küste nahe Marseille bei einem Sturm untergegangen und als Wrack in den 1980er Jahren ausgegraben worden war. Zu dem Schiff gab es viele Angaben: „Weil es seitlich gekippt war und im Schlick lag, war die eine Hälfte vom Rumpf fast komplett erhalten und Teile der Decksaufbauten“, sagt Schäfer, Professor für Alte Geschichte an der Universität Trier.

Zigtausende Stunden ist in einer Halle auf dem Uni-Parkplatz in dem interdisziplinären Forschungsprojekt an dem Schiff gearbeitet worden. Mit im Boot sind die Hochschule Trier mit ihrer Expertise in Sachen Technik und Maschinenbau und die Deutsche Forschungsmeinschaft. In der Nacht zu diesem Donnerstag soll die „Laurons 2“ an die Mosel transportiert werden. Dann müssen unter anderem noch der 16 Meter hohe Mast und das Segel aufgebaut werden, bevor das Schiff dann in wenigen Wochen zu Wasser gelassen werden kann.

Neue Erkenntnisse über Schiffsverhalten und Handelsrouten

Und dann geht die wissenschaftliche Arbeit eigentlich erst richtig los. Mit modernsten nautischen Messinstrumenten werden dann Daten zur Leistungsfähigkeit des seegängigen Schiffes gesammelt: Wie muss der Wind stehen, dass das Schiff wie schnell fahren kann? Bei welcher Last und welcher Strömung? „Auf der Grundlage der Segeleigenschaften können wir Simulationen zu Fahrzeiten und Transportkosten machen“, sagt Schäfer (57). Auch später dann für andere Schiffstypen. „Das bringt uns das Wissen antiker Kapitäne zurück, das nirgendwo dokumentiert ist.“ Auch neue Erkenntnisse zu einer „Globalisierung“ in der Antike erhoffen sich die Forscher. Der römische maritime Handel lief ja nicht nur auf dem Mittelmeer ab, sondern erstreckte sich bis ins Schwarze Meer, an die Atlantikküsten Europas und Nordafrikas bis in die Nord- und Ostsee. „Haupt-Handelsrouten waren quasi wie Autobahnen“, sagt der Althistoriker. „Wenn wir da aufgrund unserer Daten zurückrechnen können, ist das eine Revolution.“

Die Pläne für den Nachbau stammen aus dem Museum für Antike Schifffahrt in Mainz. „Der besondere Reiz des Eins-zu-eins-Bauens und des experimentellen Nutzens besteht darin, dass man eine ganze andere Wahrnehmung hat“, sagt Museumsleiter Ronald Bockius. Auch die anderen römischen Schiffe, die Schäfer bereits rekonstruiert habe, gingen auf Pläne aus Mainz zurück. Dazu zählte ein römisches Militärschiff „Victoria“ (2009), das entstand, als Schäfer noch an der Uni Hamburg lehrte, und das antike Militärschiff „Lusoria Rhenana“ (2011), das im Kreis Germersheim Besucher an Bord nimmt. An dem römischen Schiffsbau in Trier haben bis zu 80 Studenten mitgearbeitet. Gebaut wurde die Rekonstruktion unter Anleitung des Bootsbaumeisters Matthias Helterhoff aus Usedom. Das Projekt ist angedockt an das Trierer Uni-Institut „Transmare“, das den Transport von Menschen, Gütern und Idee von der Antike bis zur Gegenwart erforscht.