ESCH/BELVAL
MARA KROTH

Gedanken über eine der schlimmsten und besten Erfahrungen, die ich je gemacht habe - Teil 2

Nach dem Besuch bei der Heilpraktikerin, der Diagnose „Candidamykose“ und meinem Vorhaben, in den nächsten vier Wochen auf Getreide, Zucker jeglicher Art sowie Süßungsmittel und Alkohol zu verzichten, versuchte ich so gut es ging, meine Mahlzeiten für die kommende Zeit zu planen. Beim Frühstück begann es bereits zu kriseln: Müsli war natürlich verboten, Früchte sowieso und Soja-Jogurt durfte auch nicht sein. Damit war schon einmal die Routine meiner letzten 20 Lebensjahre zerstört. Meine Alternative: ein Mix aus Lein- und Chiasamen, eingeweicht in Reismilch mit Kokosflocken für den Geschmack. Das Mittagessen erwies sich als flexibler, da ich meistens im „Food Lab“, der Mensa aß. Hier gab es eine abwechslungsreiches Salat-Bar. Abends aß ich meistens Gemüse aus der Pfanne oder dem Ofen.

Woche 1: Der schöne Freitag

Die ersten paar Tage verliefen recht positiv. Mein Körper freute sich, dass sich jemand um ihn kümmerte. Ich begann an einem Freitag Ende September. Der Freitag sollte in der folgenden Zeit mein liebster Tag der Woche werden. Das Wochenende war gut, bis zum Montag. Mein Energielevel war gleich null und ich fühlte mich ausgelaugt und schlapp. Am nächsten Morgen wachte ich mit Bauchschmerzen auf. Keine normalen Bauchschmerzen. Es waren die Art von Bauchschmerzen, die sagen „Geh sofort in die Küche, schmier Dir ein Nutellabrot oder iss ein Müsli mit Früchten!“ Das ging natürlich nicht. In meiner Verzweiflung rief ich meine Mutter an und erzählte ihr von meinem Gemütszustand, der sich schon irgendwo im depressiven Spektrum wiederfand. Das sei normal, sagte sie. Der Körper entgiftete, und das sei sehr anstrengend. Es gab nervige Nebeneffekte dieser Diät: Man muss sich vor jedem rechtfertigen und immer erklären, wieso man was nicht essen kann. Im späteren Verlauf lernte ich dies jedoch zu schätzen, da ich mich nicht dafür rechtfertigen musste, an einem Donnerstagvormittag keinen Sekt trinken zu wollen. Es ging eben aus gesundheitlichen Gründen nicht, was in Luxemburg anscheinend als gültige Ausrede akzeptiert wird. Die erste Woche zog sich langsam dahin und fühlte sich wie ein Monat an, ständig hatte ich Hunger. Am Freitag der Woche 1 hatte ich meinen ersten mentalen Break- Down.

Woche 2 und 3: Menstruation, Party und Pommes

Natürlich hatte ich während der ganzen Essensplanung nicht vorgesehen, dass ich in dieser Zeit meine Tage bekommen würde. Die weiblichen Leserinnen mögen mich verstehen: Frau braucht Zucker und Fett und alles, was der Seele gut tut. Die ersten Gemütsschwankung machte sich an diesem Freitag der Woche 1 bemerkbar und ich war einfach nur genervt, frustriert und auf Krawall gebürstet. Das Ganze wurde noch dadurch verstärkt, dass an diesem Freitag eine Party auf dem Campus stattfinden würde. Ich würde natürlich hingehen, aber ohne etwas zu trinken und ohne die Aussicht auf einen Foodtruck vor Ort, der mir das Aushalten besoffener Party-Besucher in Form von Pommes rot-weiß erleichtern würde. Ich rief erneut meine Mutter an: Das sei ja alles Quatsch und total unwissenschaftlich und außerdem wisse man ja gar nicht, ob man den Candida wirklich habe. Bei einer solchen Ernährung würde es jedem früher oder später besser gehen, aber man könnte wenigstens noch gesunde Früchte essen. Meine Mutter war ziemlich unbeeindruckt. Sie habe die Medikamente nun nicht gekauft, damit ich nach einer Woche keine Lust mehr habe. Das brachte mich im Gegenzug natürlich in Rage: Ging es jetzt tatsächlich um diese blöden Medikamente? „Na gut“, sagte Mama. „Du wirst am Ende stolz auf dich sein und darauf, dass du es durchgehalten hast!“ An diesem zweiten Wochenende hatte ich wortwörtlich an Leib und Seele gespürt, wie abhängig ich von Zucker war. Meine Geschmackswelt war nur noch schwarz-weiß.

Ich war anscheinend so abhängig, dass ich Entzugserscheinungen bekam. Wir sind so abhängig von Zucker, dass wir ihn wie jede andere Droge einsetzen. Mir geht es nicht gut, ich esse Schokolade. Die Party ist langweilig und ich kann nichts trinken, also esse ich wenigstens was Nettes oder trinke ’ne Cola. Es ist Nachmittag und ich bin träge, ich brauche ein Stück Kuchen zum Aufputschen. All das wurde mir in dem Moment klar, als mir die Droge Zucker entzogen wurde.

Erfreulicher Endspurt

Nach Woche 2 hatte ich mich akklimatisiert und bemerkte die ersten positiven Effekte an meinem Körper und auch an meinem Verhalten. Wenn ich morgens in den Spiegel schaute, sah meine Haut gesund und ausgeruht aus. Pickel verschwanden und ich hatte eine stets frische Gesichtsfarbe. Auch mein restlicher Körper reagierte dementsprechend mit straffer Haut an Bauch, Beinen und Po. In Woche 1 und 2 hatte ich versucht, meine ständigen Hungergefühle mit Süßkartoffeln in gebackener, gebratener und gekochter Form zu stillen. Diese waren mittlerweile jedoch verschiedenen Varianten an Gemüse- und Kürbissuppen gewichen. Ich fing an, mir mehr Zeit zum Kochen und zum Essen zu nehmen. Endlich purzelten auch die ersten Kilos. Ich befand mich also auf einem guten Weg, auch mein Gemüt hatte sich wieder beruhigt.

In den ersten Wochen hatte sich in meinem Regal eine „Zucker-Ecke“ angesammelt, bestehend aus zwei Tafeln Schokolade, die im Angebot waren, zwei Packungen Frühstückskekse, die ich vorm Wegwerf-Tod gerettet hatte und ein Glas Nutella, das ein Willkommensgeschenk eines neuen Supermarkts gewesen war, der kürzlich in Belval geöffnet hatte.

In den ersten zwei Wochen liebäugelte ich noch mit dieser Ecke, in den folgenden zwei Wochen konnte ich sie schon bewusst ausblenden. In der Mensa konnte ich am Brotkorb vorbeigehen, ohne sehnsüchtig hinein zu starren. Mein ultimativer Lieblings-Moment war, als ich an einem anstrengenden Montagabend nach Hause kam und mich fit und ausgeglichen fühlte. In diesem Moment hatte sich alles ausgezahlt.

Das Ende der Candida-Diät wurde mit einem ausgiebigen Frühstück gefeiert. Die Schokoladencreme mit Butter und Banane schmeckte nicht mehr so gut, wie ich es in Erinnerung hatte, aber das war in Ordnung. Diese Diät hatte mir und meinem Körper gut getan, ob ich nun „Candidamykose“-frei war oder nicht. Ich konnte Gerichte und Getränke ohne Zucker genießen. Ich hatte wieder angefangen, achtsam zu kochen und neue Rezepte auszuprobieren.

Mein Fazit lautete ganz klar: Kein Industriezucker mehr unter der Woche. Wenig bis kein Weißbrot mehr. Zucker am Wochenende nur in Maßen und mit Genuss. Nicht während man die Lieblingsserie im Bett schaut und oder gerade telefoniert.

So ernähre ich mich jetzt schon seit drei Wochen und bin bis jetzt sehr zufrieden. Ich kann diese Diät nur empfehlen, wenn man sich zu einem Neustart zwingen will. Denn diese Diät hat mir eine Sache deutlich gemacht: Jeder kann auf etwas verzichten, wenn er oder sie nur will. Oder eben wenn es „nicht anders geht“ - bis man selbst merkt, dass es sehr wohl auch anders geht.