PATRICK WELTER

Die enge Verflechtung zwischen dem deutschen Bundesnachrichtendienst (BND) und der NSA sorgt auch hierzulande für erregte Gemüter.

Die Frage nach dem Warum dieser symbiotischen Zusammenarbeit klärt sich leicht. Der eine ist das Ziehkind des anderen. Als man sich fand, hieß der BND noch „Fremde Heere Ost“, eine Abteilung der Wehrmacht, die alles über Stalin wusste. Deren Kommandant, Generalmajor Reinhard Gehlen, war klug genug, mit seinem gesamten Archiv und seinen engsten Mitarbeitern im Mai 1945 in US-Gefangenschaft zu gehen. Die Amerikaner kapierten schnell, wer da im heraufziehenden kalten Krieg vor ihnen saß. Während der eine US-Dienst Gehlens Stab als Kriegsverbrecher jagte, hockte die Truppe drei Baracken weiter und brachte einen anderen US-Dienst auf den Stand der Dinge. Ab 1949 gab es eine Verabredung zwischen der neuen CIA und der privaten (!) „Organisation Gehlen“ über die dauerhafte Zusammenarbeit. Nach der Wiedererlangung der Souveränität der Bundesrepublik 1955 wurde aus der Organisation Gehlen dann der Bundesnachrichtendienst. Erst in den 1970ern verließen die letzten Nazis den Dienst.

Wer sich jetzt wundert, dass da eine komplette Wehrmachtstruppe mit nur wenigen Wochen Unterbrechung 1945 einfach so weiter gearbeitet hat, dem kann man andere Beispiele nennen. Da ist die „Deutsche Dienststelle“, die Personalabteilung der Wehrmacht, die 1945 von den USA übernommen und 1991 wieder zu einer deutschen Behörde wurde. Die Schnellboote wurden 1945 samt Mannschaften an die Briten übergeben. Die Royal-Navy wusste alles über Schlachtschiffe, hatte aber von S-Booten keine Ahnung. Bis zur Gründung der Bundeswehr 1955 betrieb der so genannte Verband Klose, deutsche Boote unter englischem Kommando, Feindaufklärung in der Ostsee. Am bekanntesten dürfte das Schicksal der Raketenversuchsanstalt Peenemünde sein. Deren leitende Ingenieure, zum Teil im hohen SS-Rang, bildeten die Kernmannschaft eines ganz besonderen Unternehmens , nämlich der NASA.

Zurück zum BND. Das Unrechtsbewusstsein des Dienstes wegen der gemeinsamen Abhöraktionen dürfte aus den genannten historischen Gründen nicht sonderlich groß ausfallen. Man hat mit den Amerikanern seit 1945 alles geteilt. Auch spektakuläre Niederlagen.

Man greift aber zu kurz, wenn man den BND als Anhängsel von CIA oder NSA betrachtet. Auch die Pullacher haben ihre Stärken. Der deutsche Nachrichtendienst, obwohl oder gerade weil Berlin nie Kolonialmacht im mittleren Osten war, gilt als in der arabischen Welt extrem gut vernetzt. Peinlicherweise bis in die 1970er hinein mit diversen Alt-Nazis vor Ort. Das hat aber nichts daran geändert, dass es bis heute keinen israelisch-palästinensischen Deal gegeben hat, der nicht über den von beiden Seiten akzeptierten Makler BND gelaufen ist.

Für die NSA gilt heute immer noch dasselbe wie vor 70 Jahren: Gegen den Feind - damals die UdSSR, heute die Islamisten und andere Spinner - ist alles erlaubt. Egal ob man eine ganze Nazi-Truppe „under new management“weiterführt oder locker Freunde abhört. Der BND war zwar der Ausführende der Abhöraktionen, die Paranoiker sitzen aber jenseits des Atlantiks.