LUXEMBURG
SVEN WOHL

Nintendo ohne Mario – das kann sich niemand vorstellen

Am Ende der olympischen Spiele ist es üblich, dass sich das nächste Gastland bereits vorstellt. In Rio war 2016 aber niemand darauf gefasst, dass der Premier Japans, Shinzo Abe, als Mario verkleidet aus einer grünen Röhre aufsteigen sollte. Doch der italienische Videospielklempner war längst zu einer der bekanntesten Pop-Ikonen des Landes der aufgehenden Sonne geworden.
Mit über 40 Millionen verkauften Modulen, zahlreichen Portierungen und digitalen Neuauflagen gehört das ursprüngliche „Super Mario Bros.“ bis heute zu den meistverkauften Spielen aller Zeiten. Das ist wenig verwunderlich, wurde das Spiel doch oft zusammen mit der NES-Konsole verkauft. Die Praxis sorgte dafür, dass die Hardware sich dank der Software gut verkaufte und so einen guten Nährboden für weitere Spielehits schuf. Im Feld seiner NES-Zeitgenossen blieb das Original ungeschlagen – trotz des mächtigen Hypes, der den Launch des dritten Teils begleitete. Für Nintendo hatte die Hauptreihe rund um das Maskottchen stets einen besonderen Stellenwert. Mario war das Zugpferd, egal, wo er auftrat. Beim Start des Super Nintendo zeigte er die neuen Möglichkeiten der 16-Bit-Generation, auf dem Nintendo 64 demonstrierte er, wie es mit der dritten Dimension klappt und auf dem Gameboy zeigte er, dass auch unterwegs mehr drin war, als Puzzlespiele wie Tetris. Doch auch er schafft es nicht, Konsolenflops zu verhindern: „Super Mario Sunshine“ konnte den Gamecube nicht über Wasser halten und selbst die Doppelpackung aus „New Super Mario Bros. U“ und „Mario 3D World“ vermochten nicht, die Wii U zu retten.
Unter den Marken Nintendos genießt die ganze Serie samt ihrer zahlreichen Spin-Offs eine Sonderposition. Über 600 Millionen Spiele wurden verkauft, die nächste Nintendo-eigene Reihe Pokémon kommt auf lediglich etwa 360 Millionen. Von den NES-Urgesteinen kommt „The Legend of Zelda“ mit ungefähr 110 Millionen verkauften Spielen auf den nächsten Rang.
Solche Zugpferde hatten natürlich auch andere Konsolenhersteller. Sega wusste, dass wenn man mit Nintendo konkurrieren wollte, man ein gutes Maskottchen brauchte. Für sie sollte es der blaue Igel Sonic sein, dem im Rahmen der 16-Bit-Generation einen respektablen Gegenentwurf gelang. Obwohl dies für die 16-Bit-Generation galt, konnte sich der blaue Igel nicht als Erfolgsgarant behaupten. Das Scheitern des CD-Addons für den Mega Drive konnte er nicht verhindern, den Sega Saturn übersprang er und die Sega Dreamcast trug er mit „Sonic Adventure 2“ zu Grabe. Heute ist der Igel auf allen Konsolen heimisch - auch auf Nintendos Geräten.
Sony leistete sich kein offizielles Maskottchen, auch wenn Crash Bandicoot es in vielen Spielerherzen war. Neben einer bemerkenswerten, innerhalb von drei Jahren erschienenen Trilogie und einem diesjährigen Revival mit „Crash Bandicoot 4: It’s about time“ konnte der Plattformer aber nie sonderlich mithalten. Bliebe noch Lara Croft zu nennen, deren „Tomb Raider“-Spiele zumindest teilweise PlayStation-exklusiv waren. Doch die Britin war eher die Vorhut eines sich ankündigenden Wandels.
Microsoft stieß zuletzt in das Konsolenrennen hinzu und nutzte kein klassisches Maskottchen. Stattdessen setzte der Softwaregigant auf „Halo“ als ein regelrechtes Multimedia-Franchise.
Eingangs der 2000er löste es die für die 90er Jahre typischen Maskottchen komplett ab. Vor dem Hintergrund, dass auch die klassischen Maskottchen nun verstärkt einen Wandel hin zu Multimediaprojekten machen, nur ein logischer Schachzug: Sony setzte seit jeher auf Animationsserien und konnte 2020 mit einem Blockbuster an den Kinokassen überzeugen. Nintendos Klempner hatte bereits ein erfolgloses Hollywood-Stelldichein, das nun einen animierten Nachfolger bis 2022 erhalten soll. Ob Super Mario auch in anderen Medien endlich Fuß fassen wird, sollte sich dann herausstellen.

Wie ein italienischer Klempner aus Japan eine Industrie rettete

Die Kinder der 80er hockten sich auf den Boden vor den Röhrenfernseher, öffneten die dezent quietschende Klappe und schoben das graue Modul in den Schlitten, den sie dann runterstießen. Der „Power“-Knopf wurde gedrückt, ein kleines rotes Lämpchen leuchtete auf, kurz rauschte Schnee über den Bildschirm, dann war es endlich so weit: „Super Mario Bros.“ spiegelte sich in den Kinderaugen. Heute mag man dies belächeln, aber damals handelte es sich um eine mediale Zäsur: Mit Videospielen hatte die Elterngeneration schlicht keine Erfahrungen. Es war unser „Ding“.
Die Renaissance in 8-Bit
Die meisten Revolutionen  erkennt man erst später. Als sich der japanische Videospielentwickler Nintendo entschied, sich auf den westlichen Markt zu wagen, wurde er zunächst belächelt. Dafür gab es gute Gründe: Der Markt war in den Vereinigten Staaten zwei Jahre zuvor gründlich gecrasht. Atari, einst Synonym mit dem Begriff Videospiel, wurde 1984 aufgespalten und verkauft. Videospiele floppten und Nintendo wettete 1983 auf den „Family Computer“.
In Japan sah dies anders aus. Auf „Nintendo Entertainment System“ (NES) umgetauft erprobten die Japaner die Konsole zwei Jahre später in einem Testlauf in New York.
Die Strategen wählten „Entertainment System“, um das Stigma der gescheiterten Videospiele zu umschiffen und belebten den totgeglaubten Markt wieder. Ein Klempner samt Schnurrbart, Kappe und Overalls spielte hier eine wichtige Rolle.
Einst konzipiert als das finale Spiel, das ausschließlich mit der Originalhardware auskommt – später sollten die Module mit Chips aufgemotzt werden -, bot „Super Mario Bros.“ den Spielern eine Offenbarung. Sanft scrollende Level, klare Grafik, solides Gameplay, große Gegnervariation und abwechslungsreiche Level mit einer steigenden Schwierigkeitskurve riss junge Spieler vom Hocker. Mario bereicherte die Videospielwelt mit einer Figur mit Charme und Wiedererkennungswert, die weitaus komplexer als Pac Man war und zugleich das Charisma einer Mickey Mouse ausstrahlte. Mario war der erste Superstar eines damals noch jungen Mediums.
Kern des Spaßes
Vieles vom Erfolg ist im Gameplay zu begründen. Ehe das Genre des „Jump and Run“ erfunden war, begriffen die Entwickler, dass der Sprung an sich bereits Spaß machen musste. Dies ist der rote Faden der gesamten Reihe. Wenn Springen bereits Spaß machte, multiplizierte jede folgende Herausforderung dies weiter. Beim Design wurde Einsteigerfreundlichkeit betont – jeder sollte mitgenommen werden.
Dies war der Schlüssel zum Erfolg, der dazu führte, dass auch hierzulande „Nintendo spillen“ Synonym für „Videospiele zocken“ wurde. Tatsächlich war „Super Mario Bros.“ für eine ganze Generation das erste Videospiel, das man spielte. Was gleichzeitig hieß, dass alles, was folgte, sich daran messen lassen musste. Dadurch wurde die NES-Konsole zur 8-Bit-Petrischale einer Industrie, deren Ikonen – Mega Man, Simon Belmont, Solid Snake, Samus Aran, Link - teilweise bis heute überlebten. Dazu kommt die Tatsache, dass japanische Unternehmen die Konsolenindustrie ununterbrochen bis in die HD-Generation (ab 2005) dominierten. Dass Nintendo bis heute auf den Klempner setzt, spricht für ihn.
Während die Welt, ob digital oder nicht, um ihn herum sich verändert: Mario trotzt den meisten kurzlebigen Trends und blieb seinem Konzept treu. Den Sprung in die dritte Dimension meisterte er mit einer Grazie, die andere stets zu imitieren versuchten. Der Klassiker, der am Ursprung dessen stand, wurde über ein Dutzend Mal portiert, übersprang bei den Heimkonsolen lediglich den Nintendo 64 und gilt bis heute als ein Urgestein der Industrie. Diese Zugänglichkeit unterstreicht den Einfluss, den das Spiel bis heute hat. All dies wurde erneut in Form gepresst, als Nintendo mit dem „NES Classic Edition“ eine Mini-Konsole veröffentlichte, die ausschließlich 8-Bit-Klassiker jener Zeit enthielt. Mit dabei: Die ersten drei „Super Mario Bros.“-Spiele.

Wie Nintendo das Jubiläum feiert

Wie feiert man am besten eine Software-Legende? Natürlich mit noch mehr Software. Pünktlich zum Jubiläum veröffentlichte Nintendo zum einen eine neue Sammlung, die „Super Mario 3D All-Stars“. Hierin enthalten sind „Super Mario 64“, „Super Mario Sunshine“ und „Super Mario Galaxy“. Sowohl „Super Mario 64“ als auch „Super Mario Galaxy“ sind auf mehreren Plattformen verbreitet, doch bei Super Mario Sunshine handelt es sich um die erste Umsetzung überhaupt – Ein Schicksal, das viele GameCube-Spiele mit dem sommerlichen „Jump and Run“-Spaß teilen. Eine Neuveröffentlichung des „Super Mario 3D All-Stars“-Remakes der ursprünglichen drei Titel gab es noch als nettes Bonus obendrein (mehr dazu auf Seite 7). Erst kommendes Jahr soll dann eine Neuauflage von „Super Mario 3D World“ für die Switch folgen.
Obwohl Mario den meisten Trends trotz, gibt er gelegentlich nach. Das Battle Royale Genre, zu dessen bekanntesten Beispielen „Fortnite“ gehört, hat seit Jahren die Multiplayerwelt im Griff.
„Super Mario Bros. 35“ nimmt das Konzept von „einer gegen viele“ und verknüpft es mit dem Klassiker von 1985. Anfangs spielt sich das noch ganz normal, bis man die ersten Gegner erledigt: Die bringen Zeit und werden als zusätzliche Gegner zu den anderen Spielern geschickt. Damit steigt der Druck stetig und am Ende siegt jener, der übrig geblieben ist. Ein einfaches Konzept, das trotzdem Spaß macht.
Neben den Neuauflagen und frischen Interpretationen erfolgt auch eine Flut an Merchandising. Tassen, Taschen, Anhänger, ganze Kleiderkollektionen, darunter etwa solche von BlackMilk werden nach und nach veröffentlicht oder sind bereits erhältlich.