LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

„Portraits under Surveillance“ im Rahmen des Europäischen Monats der Fotografie im MNHA

Zum wiederholten Mal rückt der Europäische Monat der Fotografie (EMOP) die Kunst mit der Kamera in den Fokus. Auch in der Programmgestaltung des „Musée National d’Histoire et d’Art“ (MNHA) nimmt der EMOP seit seiner Einführung im Jahr 2006 einen wichtigen Platz ein. „Portraits under Surveillance“ lautet der vielversprechende Titel der Auflage 2017, die Teil der Ausstellungsreihe „Looking for the Clouds - Contemporary Photography in Times of Conflict“ ist. Dies ist ein Gemeinschaftsprojekt der Organisation EMOP: ein Zusammenschluss aus acht europäischen Hauptstädten (Athen, Berlin, Bratislava, Budapest, Ljubljana, Luxemburg, Paris und Wien).

Neue Art der Bilderstellung seit 9/11

Ausgehend von den dramatischen Geschehnissen des 11. September 2001, setzt sich die Ausstellung mit der Entwicklung der Fotografie seit den Anschlägen auf das „World Trade Center“ auseinander. Die seither eingeführten Überwachungs- und Kontrollmechanismen sind nicht ohne Auswirkungen geblieben. Alle öffentlichen Orte sind heute videoüberwacht, Flughäfen und Bahnhöfe ebenso wie kulturelle Einrichtungen. „Die Terroranschläge brachten nicht nur Konsequenzen für das politische Geschehen mit sich, sondern auch für unser alltägliches Leben. Die Fotografie hat eine komplett andere Dimension bekommen. Die Überwachungskameras in der ganzen Welt machen seither zu jedem Zeitpunkt Milliarden Fotos. Diese etwas besondere Art der Bilderstellung wollten wir in dieser Ausstellung zeigen, beziehungsweise die Frage aufgreifen, was das Porträt in der zeitgenössischen Fotografie ausmacht“, erklärte gestern Pierre Stiwer, neben Paul di Felice einer der Kuratoren des EMOP Luxemburg, während einer Presseführung. „Wir haben uns dafür interessiert, wie Künstler die Bilder nutzen, die von anderen Quellen stammen, demnach nicht mit einem herkömmlichen Fotoapparat aufgenommen wurden, sondern beispielsweise über eine Überwachungskamera“, fügte di Felici hinzu.

Die Werke der Ausstellung greifen auf unterschiedliche Weise diese neue Art der Bilderstellung und der Datenverarbeitung auf. Deutlich wird, inwiefern der Mensch plötzlich auf gespeicherte Daten reduziert und das Individuum so quasi zum Datenmodell wird. In die Kunstsparte fallen diese Fotos dann, wenn sie in ein künstlerisches Konzept integriert werden, wenn es demnach zur Konfrontation eines objektiven Bildes mit einer subjektiven Überlegung seitens des Künstlers kommt. Genau das bietet „Portraits under Surveillance“.

Sieben Serien verschiedener Künstler

Der luxemburgisch-portugiesische Künstler Marco Godinho zeigt in seiner Auftragsarbeit „Remember (what is missing)“ 360 einzelne Fotos, auf denen indes das Gesicht fehlt. „Foto ohne Foto“, nennt er es. Gefunden hat er diese gesichtslosen Porträts im portugiesischen Generalkonsulat in Luxemburg, wo er 2010 einen neuen Personalausweis beantragen wollte. Da es die heute übliche digitale Prozedur zur Erstellung von Personalausweisen damals noch nicht gab, wurden die Bürger mit einer herkömmlichen Kamera fotografiert, die Bilder auf einen Rechner hochgeladen und dann auf Papier ausgedruckt. Die für die Ausweise benötigten Ausschnitte wurden anschließend manuell ausgestanzt. Die übrig gebliebenen Papierreste interessierten Godinho, Hunderte dieser Bilder ohne Gesicht sammelte er, um „Remember (what is missing)“ zu erschaffen und damit Fragen über Immigration und das Leben zwischen zwei Ländern aufzuwerfen.

Im Stil von Fahndungsfotos

Der spanische Künstler Daniel Mayrit zeigt in „You haven’t seen their faces“ die Gesichter der 100 einflussreichsten Personen des Londoner Finanzbezirks und richtet somit die Aufmerksamkeit auf die Verantwortlichen der derzeitigen wirtschaftlichen Situation. Die Art und Weise, wie die Porträts dargestellt werden, nämlich im Überwachungskamera-Stil, lässt sie den Betrachter als Schuldige oder auf der Flucht befindliche Personen empfinden.

Der Italiener Paolo Cirio hat für seine Serie „Obscurity“ Verbrecherfotos aus dem Internet heruntergeladen und so bearbeitet, dass die Personen nicht mehr erkennbar sind. Alter, Herkunft und Anklage der Festgenommenen verschleiert er nicht. Informationszugänglichkeit im Netz und das Recht auf Privatsphäre stellt er zur Diskussion.

Tami Notsani (Israel) und Laurent Mareschal (Frankreich) haben unter dem Titel „Mues“ (dt. Häutung) eine Serie aus Phantombildern zusammengestellt, die von Jugendlichen aus Frankreich, Israel und Palästina auf Grundlage ihres Selbstporträts erstellt wurden.

Die Eritreerin Aida Silvestri zeigt in „Even This Will Pass“ verfremdete Porträts von Flüchtlingen und integriert die Strecke, die sie auf ihrer Flucht zurückgelegt haben, als bunten Faden in die Aufnahme.

Jules Spinatsch aus der Schweiz hatte während des Wiener Opernballs zwei Digitalkameras in der Mitte des Saals installiert, die innerhalb von acht Stunden über 10.000 Fotos schossen. 120 dieser Schnappschüsse sind unter dem Titel „Portrait of a Society“ zu sehen.

Der slowenische Künstlers Jure Kastelic setzt sich für seine Werkreihe „Death Reporters“ mit der Art und Weise der Informationsvermittlung durch die Massenmedien auseinander. Er zeigt Porträts (Screenshots) von Nachrichtensprechern, festgehalten in genau dem Moment, in dem sie die Anzahl der Todesopfer einer Katastrophe verkünden.

„Portraits under Surveillance“ ist vom 5. April bis zum 17. September im MNHA zu sehen. Infos unter www.mnha.lu und www.emoplux.lu