NORA SCHLEICH

Und wann sind Sie tot?

Vor der philosophischen Infragestellung ist wirklich gar nichts gefeit. Der Tod als Mysterium ist seit jeher Fixpunkt abstrakter und pragmatisch ausgerichteter Diskussionen. Im letzten Jahrzehnt kam mitunter immer wieder die Frage auf, wie der Tod des Menschen überhaupt zu definieren sei. Verdrehen Sie die Augen schon? Tot ist halt der, der nicht mehr lebt?

Ganz so einfach scheint es nun doch nicht zu sein. Als physisch tot wird bezeichnet, wenn lebensnotwendige Abläufe wie Atmung und Herzschlag nicht mehr funktionieren. Rezente Debatten fragen jedoch danach, ob der Hirntod dem physischen Tod gleichzusetzen ist, oder nicht. Der Hirntod bezeichnet das irreversible Ende aller Hirnfunktionen. Die körperlichen Funktionen können künstlich am Laufen gehalten werden, während sich die Person im komatösen Zustand befindet. Um die Diagnostik mit Sicherheit feststellen zu können, werden spezifische Untersuchungen durchgeführt, welche die Irreversibilität des Hirnfunktionsausfalls bestätigen sollen. Hierzulande gilt der Hirntod gesetzlich gesehen als dem physischen Tod äquivalent. Dieser Konzeption entgegengesetzt finden sich Behauptungen wieder, die darauf hinweisen, dass nicht mit hundertprozentiger Sicherheit festgelegt werden kann, dass tatsächlich keine Gehirnaktivität mehr vorhanden sei, eventuell würden diese von den modernen Messgeräten ja vielleicht einfach nur nicht erfasst werden können? Ist denn auch tatsächlich kein inneres Bewusstsein mehr vorhanden? Solche Fragen kann die Wissenschaft nicht beantworten. Auch der Umstand, dass der Körper des Betroffenen weiter ‚lebt’, sich warm und feucht anfühlt, steht im Konflikt mit der tendenziellen Auffassung eines ‚Toten’.

In Japan wird dieses Problem etwas anders angegangen. Dort wird es der Person selbst überlassen, wann sie als ‚tot’ angesehen werden möchte. Die persönliche Entscheidung soll auf einer Organspendekarte vermerkt werden. So soll vermieden werden, dass der Betroffene im Falle des Hirntods gegen seine persönliche Intention dennoch als tot deklariert wird, wodurch seine Organe zu Spendenzwecken entnommen werden könnten. Dies entstand aus dem Umstand, dass es bereits ein Gerichtsverfahren gegeben hat, bei welchem der die Herztransplantation durchführende Chirurg sich wegen illegalem Humanexperiment verantworten musste. Der Arzt hatte die Operation an einem hirntoten Patienten vorgenommen. So ringt Japan seit einigen Jahren um die bestmögliche Lösung dieser Konfliktsituation und hat sich nunmehr darauf geeinigt, dass der Mensch selbst zwischen traditionellem Tod und Hirntod wählen darf. Im letzteren Fall wird die Person als tot deklariert, wenn der Hirntod durch die notwendigen Untersuchungen festgestellt wurde – womit die Entnahme seiner Organe legitim ist.

Doch auch diese Lösung kann Problemen nicht Einhalt gebieten. Kritiker betonen, dass der menschliche Tod nicht an mehreren Definitionen abhängen sollte. Dass die Person gleichzeitig entweder lebendig oder tot anzusehen ist, bevor deren Intension bekannt ist, erinnert nicht nur an Schrödingers Katze, sondern erscheint auch irrational und verwirrend. Stellen Sie sich nun vor, man kennt die Gesinnung des Betroffenen nicht, ist er im Falle des eintretenden Hirntods denn nun tot oder doch nicht? Wäre nun der Hirntod festgestellt und der Patient als tot deklariert, wäre dies mitunter illegal, falls es gegen die eigentliche Gesinnung der Person ginge.

Nicht nur die juristischen Verzwicktheiten geben bei diesem Anlass zu denken. Beim Niederschreiben der vorherigen Zeilen stellte sich mir die Frage, ob ich überhaupt selbst entscheiden darf, wann ich tot bin? Darf ich über den Körper verfügen und über ihn, somit auch über die Verwendung seiner (meiner?) Organe bestimmen? Wenn ich dies bejahe, gebe ich damit unmittelbar auch der Interpretation Raum, dass mein Körper, wenn er mir ‚gehört’ eigentlich ein Gegenstand ist, der auch jemand anderem ‚gehören’ könnte. Dies ist nicht wirklich vertretbar. Demnach muss die Antwort Nein lauten, ein menschlicher Körper ist nichts, was man besitzen kann. Zwar haben wir meist die Kontrolle über viele, nicht mal alle seiner Funktionen und müssen ihn auch ‚verwalten’ und ‚warten’. In dem Sinne dürfen wir auch den Anspruch auf Rechte an unserem Körper erheben, so darf ihm zum Beispiel kein Schaden zugefügt werden, weder von mir selbst, noch von einem Zweiten. Das „Du sollst nicht töten“ beschreibt dies in der zugespitzten Form. Dass der Mensch sich aber nur allzu oft das ‚Recht’ nimmt, seinen Körper nicht so zu behandeln, wie es eigentlich sein sollte, oder dass er über den Körpern des anderen zu verfügen glaubt, steht mit dem Ideal der Theorie mehr als in Konflikt. Aus dieser Komplexität heraus wird es nicht leichter, sich einer Antwort auf die eigentliche Problematik von heute zu nähern. Wenn nicht mir das Recht zugesprochen werden kann, zu bestimmen, wann ich tot bin – wer wird es dann für mich tun?