LUXEMBURG
CHRISTIAN SPIELMANN

Die unbekannte Seite von Sergei Michailowitsch Eisenstein

Im Film „Eisenstein in Guanajuato“ - in Luxemburg läuft er unter dem Titel „Que Viva Eisenstein!“ im Rahmen der „Summer Follies“ im „Utopia“ -knallen zwei grundverschiedene Filmwelten aufeinander: Die surreale vom britischen Regisseur Peter Greenaway und die fast-dokumentarische vom russischen Regisseur Sergei Eisenstein (1898-1948).

Der Avantgardist Greenaway wurde durch Filme wie „The Draughtsman’s Contract“ (1982), „The Cook the Thief His Wife & Her Lover“ (1989), und „Eight and a Half Women“ (1999) bekannt, der teilweise in Luxemburg gedreht wurde.

Eisenstein gilt als Pionier, der den Filmschnitt als stilistisches Mittel einführte. Seine Klassiker „Streik“ (1925), „Panzerkreuzer Potemkin“ (1925) und „Oktober“ (1928) sind Meilensteine der Filmgeschichte. In seinem neuen Werk deckt Greenaway die Homosexualität Eisensteins auf, über die es jedoch keine allzu konkreten Beweise gibt.

Von Russland über Hollywood nach Mexiko

Nachdem ein Filmprojekt in Hollywood geplatzt ist, reist Sergei Eisenstein (Elmer Bäck) in Begleitung seines Kameramanns Eduard Tisse (Jakob Öhrman) und des Schauspielers Grisha Alexandrov (Rasmus Slätis)Ende 1930 nach Mexiko, um dort den Film „Qué Viva Mexico“ zu drehen.

Der Dolmetscher Palomino Cañedo (Luis Alberti) soll ihm bei den Dreharbeiten helfen. Der Russe lernt erst einmal im Hotel die Dusche kennen, etwas was es in Russland nicht gibt, und führt Selbstgespräche mit seinem Penis. Einen Film dreht er nicht - das überlässt er Tisse -, sondern erkundet die Stadt Guanajuato und wird am 14. Jahrestag der Oktoberrevolution von Cañedo „entjungfert“!

Ein Genie wird zum Trottel

International loben Filmkritiker Greenaways abstruse und surreale Vision von Eisensteins Aufenthalt in Mexiko, wo er seine Homosexualität ausleben kann, als „ein Feuerwerk an visuellem Wahnsinn“ (kino-zeit.de).

In seinem wirklichen Leben war Eisenstein von 1934 bis zu seinem Tode mit der Journalistin und Filmkritikerin Pera Ataschewa verheiratet, die er im Film ein paar Mal anruft. Ja, vielleicht hätte der Film stilistisch so ausgesehen, wenn Eisenstein noch die Möglichkeit gehabt hätte, seinen Aufenthalt in Mexiko selbst zu verfilmen.

Das Breitwandbild wird oft in drei geteilt, wo entweder dreimal dasselbe Bild zu sehen ist, beziehungsweise drei verschiedene oder Ausschnitte aus seinen Filmen.

Der Schnitt ist rasend schnell, und viele Sequenzen dauern kaum mehr als eine Sekunde. Verschiedene Szenen sind animiert oder digital verfälscht, und der Zuschauer wird mit Namen von Leuten bombardiert, die Eisenstein in Hollywood, Mexiko oder Europa kennengelernt hat - Filmfans werden ihre Freude haben.

Ruhige Momente gibt es keine, denn die Dialoge dominieren die Geschichte, in der eigentlich ein Filmgenie zu einem perversen Trottel degradiert wird, und nichts von seinem filmischen Genie erkennbar ist.