COLETTE MART

Erinnerungen an Marcel Mart

Noch ist ein Leben ohne dich nicht wirklich denkbar.

Aber mit 64 Jahren weiß man: die Erinnerungen, die Werte, die du in unser Leben gebracht hast, sind ein Teil von uns, und wir werden sie, auf unsere Art, weitertragen, und hoffen, dass sie auch in den nächsten Generationen Spuren hinterlassen.

Du hast zu den ersten Gesichtern, den vertrautesten, in meinem Leben gehört, Vaters jüngster Bruder und darüber hinaus mein Pate. Wir schreiben das Jahr 1965, ich stehe im Schulhof des Escher Stadtviertels Brouch, ich erzähle meinen Schulkameraden, dass mein Onkel in Amerika arbeitet, und zwar in New York. Niemand weiß, wo New York liegt, wohl irgendwo hinter der Escher Stahlwerk- und Hochofenkulisse. Auf mir bewundernde Blicke. Ich hatte einen Onkel in Amerika.

Du warst der Stolz der Familie, Vater, Oma erzählten unaufhörlich von dir, du öffnetest ihnen die Escher Welt, du brachtest eine Dimension in unser Leben, die uns nie mehr verlassen sollte. Der Traum von New York sollte mich ein Leben lang begleiten, es wird mich immer wieder dorthin ziehen, und du hattest mir, deinem Patenkind, eine handgemachte Indianerpuppe mitgebracht, mit ledernem Kostüm, Pfeil und Bogen. Kein Mädchen in Esch hatte eine solche Puppe.

Einige Jahre später, es muss 1969 gewesen sein, du warst inzwischen Minister, (wofür mir eines Morgens meine Schulkameraden gratulierten, was ich damals nicht verstand), befand ich mich als Vierzehnjährige mit meiner besten Freundin in einer Menschenmenge anlässlich der Einweihung des Schwimmbades in Remich. Du bist Tourismusminister, du bist hier die Hauptperson, du stehst in der Mitte, du schneidest ein Bändchen durch, und ich versuche, dir zuzuwinken, du siehst mich nicht, du kannst mich nicht sehen.

Aber diese Geste, dieses Bändchen-Durchschneiden, sollte meinen Lebensweg prägen, denn heute ist sie Teil meines politischen Alltags. Du hast damit das Bild meiner eigenen Zukunft geprägt.

Die Jahre vergehen, Vater spricht noch immer, tagtäglich von dir, er ist stolz, auf dich, du bist „eise Mars“. Alles machtest du richtig in seinen Augen, und als Jugendliche im sozialistisch-kommunistischen Esch versuchte ich meinen Platz zu finden als Tochter eines DP-Abgeordneten und Nichte eines DP-Ministers.

Du warst in aller Munde, und wenn meine Schulkameraden sonntags nicht mit dem Auto fahren konnten, war es meine persönliche Schuld. Es war nicht einfach, als Fünfzehnjährige deinen Namen zu tragen und nicht zu wissen, wer ich selber bin.

Ich versuchte, mit Vater und mit dir die Welt um mich herum zu verstehen, die Stahlkrise, die Arbeiter, die auf den Straßen demonstrierten, die um ihre Stellen bangten, und ich wusste, du stehst im Mittelpunkt, du bist verantwortlich, du musst dich um ihre Zukunft kümmern.

In all diesen Jahren, (und ich erinnere mich an eine Demonstration im Jahre 1974 am Escher Bahnhof, ich saß gerade im Bus nach Düdelingen), wurde ich das Gefühl nicht los, dass du diese Sache meistern wirst, dass du Lösungen finden würdest. Zuhause redeten meine Eltern von der DAC, die Zeitungen hagelten mit Kritik, und irgendwann tauchte in meiner Jugend das Wort „Tripartite“ auf, jener Dialog zwischen drei Parteien also, den du mit in die Wege geleitet hattest, mit dem du Geschichte geschrieben hast, und der als Luxemburger Modell die Zukunft unseres Landes prägen sollte.

Dass die Regierungen, denen du angehörtest, auch für die Emanzipation der Frauen eingetreten waren, wurde in unserer Familie wenig diskutiert. Aber das Bild der Frau, die gegebenenfalls allein für sich selber geradestehen muss, war in dir und in Vater fest verankert, hatte eure Mutter euch doch als Halbwüchsige allein erzogen, da sie ihren Mann, euren Vater, früh verlor.

Von deinem Bruder, der 1945 in Sonnenburg erschossen wurde, spracht ihr alle nicht viel, schließlich wartete die Mutter insgeheim doch noch auf seine Rückkehr, und von seinem Tod zu sprechen wäre zu schmerzhaft gewesen. So habt ihr beide, du und Vater, den Weg nach vorne gewählt, den politischen Einsatz für das Land, für demokratische Werte, für den Respekt aller gesellschaftlicher Schichten, für Frauenbildung, für Verhütung, Familienplanung und Schwangerschaftsabbruch.

Als du 1977 die Regierung verließest, waren die Weichen für die nächste Generation bereits gestellt. Du und Vater habt uns allen die Politik mit auf den Lebensweg gegeben, ihr habt uns gelehrt, unsere Meinung zu sagen, Position zu beziehen, Zivilcourage zu haben.

Du hast Dimensionen in unser Leben gebracht, die 1965 in Esch, als du mein Onkel in Amerika warst, erst ansatzweise deutlich geworden waren.

Hier und jetzt, nachdem ich mich über Jahrzehnte mit den Themen der Chancengerechtigkeit, der Emanzipation der Frau, der Unterdrückung in all ihren Formen auseinandersetze, würde ich sagen: Du hast die Weltoffenheit in meine Kindheit gebracht, du hast für die europäischen Institutionen gearbeitet und mich für Europa sensibilisiert, du warst Journalist und wir sind heute zwei Journalistinnen in der Familie, du hast mich gelehrt, dass man sich nicht unterordnen soll, dass man sich positionieren soll, du hast uns das freie, eigenständige Denken geschenkt und dieses Geschenk ist unschätzbar.

Dein letzter Weg wird dich nach Esch zurückführen, du bist am Ende deines Lebens der Ansicht gewesen, dass du dorthin gehörst, in dieses Familiengrab, zu deinen Eltern und deiner ersten Frau.

Wir werden unsererseits versuchen, deine Werte in die nächste Generation weiterzutragen, in der Politik oder im Journalismus einzubringen. In diesem Sinne muss ein Leben ohne dich nicht unbedingt denkbar werden.

Du wirst uns weiterhin begleiten.