MERSCH
SIMONE MOLITOR

Ausstellung „40 Jahre Frauen in der Polizei“ im „Mierscher Kulturhaus“: Als eine der ersten Polizeianwärterinnen musste Viviane Eschenauer seinerzeit gegen Vorurteile ankämpfen

Als die ersten weiblichen Polizeianwärterinnen am 23. April 1979 ihre Unterkünfte in der Armeekaserne in Diekirch bezogen, war dies ein historischer Tag, der allerdings mit so manchem Vorurteil einherging.

Viviane Eschenauer war eine der Frauen, die an jenem Morgen den khakifarbenen Bus Richtung Herrenberg bestieg. Von ihr lassen wir uns an diesem Nachmittag durch die Ausstellung „40 Jahre Frauen in der Polizei“ führen, die derzeit im „Mierscher Kulturhaus“ besucht werden kann.  

Lëtzebuerger Journal

Emanzipation der Frau auf vielen Ebenen

Dem Schritt, den Polizeiberuf beiden Geschlechtern zugänglich zu machen, war eine Emanzipation der Frau vorangegangen, die nach dem Revoltenjahr 1968 langsam eingesetzt hatte. „Damals war es zu einem anderen Denken gekommen, die Position der Frau änderte sich. Die Frauen ließen sich nicht mehr alles bieten“, erinnert sich Viviane Eschenauer. Dies habe letztlich auch dazu geführt, dass immer mehr Klagen wegen häuslicher Gewalt oder Übergriffen eingereicht wurden, was zuvor überhaupt nicht möglich war. „Ihren Ehemann mussten die Frauen nämlich immer mit zum Polizeipräsidium nehmen, was natürlich irrsinnig war, wenn sie zuhause eben von diesem verprügelt wurden“, gibt sie zu bedenken. „Nun da die Frauen also ihren Mut zusammengenommen hatten, um Klage einzureichen, mussten sie dies bei männlichen Polizisten oder Gendarmen tun, was natürlich ein großes Problem war, und sehr unangenehm, vor allem wenn es um Missbrauch oder Vergewaltigung ging“.

Lëtzebuerger Journal

Und Viviane Eschenauer listet einen weiteren ausschlaggebenden Grund auf: „In den 1970er Jahren wurden immer mehr Frauen straffällig, begingen Diebstähle oder waren gewalttätig. Wurde eine Frau mit zum Kommissariat genommen, musste sie durchsucht werden. Männlichen Polizisten war dies allerdings verboten. Dieses Problem wurde auf etwas skurrile Art gelöst. Der diensthabende Gendarm, der mit seiner Familie in der Brigade wohnte, rief kurzerhand seine Ehefrau herbei, die die Körperdurchsuchung dann übernehmen musste. Die Polizisten, die nicht im gleichen Haus wohnten, fuhren sogar nach Hause, um ihre Ehefrau abzuholen. War diese nicht da oder der Polizist unverheiratet, musste auch schon mal die Putzfrau aushelfen“. Es gab demnach genügend Gründe, die für eine Öffnung des Berufs für beide Geschlechter sprachen, letztlich spielte auch die Forderung nach Gleichberechtigung eine immer größere Rolle.  

Lëtzebuerger Journal

Polizistin oder Sekretärin?

1975 wurde von der UNO-Generalversammlung zum Internationalen Jahr der Frau ausgerufen. Zwei Jahre später legte der damalige Polizeidirektor Arthur Simon eine Studie über die allgemeine Situation innerhalb der Polizei vor. In einem kleinen Kapitel befasste er sich mit dem Thema „Weibliche Polizei“. „Das Prinzip der Verwendung der Frau im Polizeidienst wurde eigentlich nie bestritten. Die Frage war und ist eher die, ob die Frau integral zum Polizeidienst herangezogen werden soll und denselben Dienst (Überfall-, Verkehrs- und Nachtdienst) zusammen mit den männlichen Kollegen verrichten soll […] oder ob ihr nicht ein besonderes Arbeitsfeld innerhalb der Polizei […] vorbehalten werden sollte“, schrieb der Autor der Studie. Richtige Polizistinnen heranbilden oder Sekretärinnen einstellen, die dann gegebenenfalls neben Tipparbeiten auch Körperdurchsuchungen vornehmen könnten? Genau diese Frage wurde diskutiert.

Lëtzebuerger Journal

„Während die Chefs der Verwaltung sowohl von der Gendarmerie als auch von der Polizei eher vorsichtigerweise für die zweite Form optieren möchten, ist die Regierung gewillt, einen großen Schritt vorwärts zu tun und gleich die moderne Form der kompletten Integrierung der Frau d.h. die vollständige Gleichberechtigung und –Verpflichtung der Frau im Polizeidienst vorzusehen“, hielt Arthur Simon in besagtem Kapitel fest. „Mit Emile Krieps war damals ein sehr progressiver, liberaler Minister in der Regierung, der die Notwendigkeit der Frauen im Polizeidienst erkannte und die ausschlaggebende Entscheidung traf“, erzählt Viviane Eschenauer. Luxemburg hinkte derweil deutlich hinterher, denn in Großbritannien gab es bereits 1907 die ersten Polizistinnen, in Schweden ein Jahr später und auch in den Nachbarländern war der Weg längst geebnet.

„Gidd hannert äert Kachdëppen!“

„Am 23. April 1979 morgens um 8.00 mussten wir uns am Bahnhof in Diekirch einfinden, wo bereits ein khakifarbener Bus wartete, um uns zum ,Härebierg‘ zu fahren. Eigentlich hätte der Name ja daraufhin in ,Herren- und Damenberg‘ umgeändert werden müssen, aber nun gut“, lacht Viviane Eschenauer, die sich noch gut an die Ankunft in der Kaserne erinnert. „Irgendwie war man dort erst einmal ein bisschen überfordert. Wir Frauen wussten ja auch nicht, was uns erwartet. Kurz zuvor war nämlich noch die Rede davon gegangen, dass wir in Walferdingen ausgebildet werden sollten, wo sich auch das Institut für die angehenden Lehrer befand, wogegen man sich dann doch noch entschied“. Allerdings hatten sich die Soldaten wohl noch nicht an den Gedanken gewöhnt, ihre Kaserne künftig mit Frauen teilen zu müssen. „,Gidd hannert äert Kachdëppen!‘, rief einer der Soldaten, als wir mittags um 12.00 den Speiseraum betraten, woraufhin der ganze Saal laut lachte. Wirklich gut wurden wir also nicht aufgenommen“, erinnert sich die inzwischen pensionierte Polizistin.

Auch die damaligen Zeitungsberichte verdeutlichen, wie tief verankert die Klischees seinerzeit noch waren. Mit „Anpassung nicht so leicht – für die Männer“ ist ein Artikel überschrieben. „Blaue Mäuse und stolze Herren“ oder „Deine Freundin und Helferin“ sind weitere Titel. „Et si keng Männer mä och keng Schlappschwänz!“ steht in großen Buchstaben  über einem anderen Bericht. „Das wurde übrigens damals genauso in einer der offiziellen Rede im Festsaal gesagt. Natürlich hat uns das wütend gemacht, weil uns doch unmissverständlich klar gemacht werden sollte, dass die Armee keine Mädchen braucht, sondern nur Männer. Man muss jedoch bedenken, dass die Frauen damals noch nicht arbeiteten, oder nur in Berufen, in denen man sie nicht draußen auf der Straße sah, also als Lehrerin, Krankenschwester, Verkäuferin oder im Büro. Und dann kamen wir im Jahr 1979 und trugen auch noch eine Waffe!“, schmunzelt Viviane Eschenauer.

Die Polizistinnen nicht zu bewaffnen, hätte zum Glück anders als im Ausland nicht zur Diskussion gestanden. Allerdings waren die ersten 20 Frauen keine Soldatinnen, sondern wurden unter dem Status „Stagiar-Polizistinnen“ ausgebildet. „Wir haben aber die gleichen Sachen gemacht wie die Jungs, also Hindernisparcours, Laufen, Selbstverteidigung und so weiter“, stellt die ehemalige Polizeibeamtin klar. Unterschiede hätte es natürlich trotzdem gegeben. „Bei den Olympischen Spielen sind die Anforderungen ja auch nicht für beide Geschlechter dieselben. Bei der ,Marche forcée‘ mussten die Männer beispielsweise in voller Montur laufen, während wir marschieren durften. Auch bei den Sporttests wurde weniger von uns verlangt. Es ist ja normal, dass Frauen nicht so schnell laufen können oder so viele Klimmzüge schaffen wie Männer. Dennoch wurden wir deshalb von ihnen kritisiert, das hat sich aber irgendwann gelegt“, erzählt sie.

Lëtzebuerger Journal

Handtasche und Rock

„Im Gegensatz zu den Soldaten haben wir als Stagiar-Polizistinnen während der Ausbildung teilweise schon gearbeitet, beispielsweise wenn die Männer bei Manövern im Ausland waren, an denen wir als Frauen nicht teilnehmen durften. Dann wurden wir auf Kommissariate entsandt und trugen diese schöne blaue Uniform“,  erklärt Viviane Eschenauer und zeigt auf eines der damaligen Modelle. „Dazu gehörte auch eine Handtasche, in der wir die Waffe unterbringen mussten. Man sollte natürlich nicht zu gut sehen, dass die Frauen eine Waffe bei sich trugen. Ich erinnere mich noch, als ich damals in Esch bei einem Fußballspiel im Einsatz war, wo sich natürlich alle Männer darüber lustig machten, als ich mit meiner Handtasche ankam“, lacht sie. Über eine weitere Uniformvorgabe muss sie ebenfalls nach wie vor schmunzeln: „Unter dem Jackett trugen wir weiße Blusen, mussten aber noch eine blaue Weste drüberziehen. Immerhin hätte man ja sonst den BH sehen können, wenn wir das Jackett auszogen“. Die Weste sei zum Glück schnell abgeschafft worden, genau wie der Rock, der anfangs zur Uniform gehörte, das Besteigen der „Police-Camionette“ oder das Marschieren bei Militärparaden jedoch fast unmöglich machte. „Bei einer einzigen Parade haben wir damals den Rock getragen. Da wir darin aber nur kleine Schritte machen konnten, entstand eine zu große Lücke zwischen unsere Truppe und jener der Männer“, weiß sie noch.

Allen Vorurteilen zum Trotz

Nach der Polizei hat übrigens auch die Gendarmerie angefangen, Frauen zu rekrutieren, dies im Oktober 1980, jedoch erst einmal nur zehn. Dass die Polizei gleich mit 20 Frauen loslegte, hat einen simplen Grund, wie Viviane Eschenauer erklärt: „Weil man nämlich davon überzeugt war, dass bereits nach einem halben Jahr nur noch die Hälfte übrig wäre. Aber wir haben alle durchgehalten und wurden drei Jahre später, am 23. April 1982, als Polizistinnen vereidigt“.

Mittlerweile sind die Frauen in allen Sektionen der luxemburgischen Polizei vertreten. „In der Forschungsabteilung, in der Spurensicherung und sogar in der Spezialeinheit. Es gibt motorisierte Polizistinnen und Hundeführerinnen“, listet Viviane Eschenauer voller Stolz auf. Dennoch wählen immer noch verhältnismäßig wenig Frauen diesen Beruf: Lediglich elf Prozent der Polizeibeamten in Luxemburg machen sie heute aus. „Es ist einfach ein harter Job“, weiß die langjährige Polizistin, für die jedoch nie ein anderer Beruf in Frage kam. „Ich wollte immer Polizistin werden, auch wenn ich dafür anfangs ausgelacht wurde. Als Mädchen konnte man doch nicht zur Polizei gehen. Ich bin immer noch stolz darauf, dass ich eine der ersten war, die zeigen durfte, dass dies doch ging“, meint sie mit einem zufriedenen Lächeln.

Die von den „Frënn vum Policemusée“ organisierte Ausstellung „40 Jahre Frauen in der Polizei“ zeigt eine große Auswahl an Fotos, Dokumenten, Uniformen und Ausrüstungsgegenständen aus dem Bestand der polizeihistorischen Sammlung des  „Musée de la Police Grand-Ducale“. Sie kann noch bis zum 25. Oktober im „Mierscher Kulturhaus“ besichtigt werden, montags bis freitags von 14.00 bis 17.00