LUXEMBURG
PIERRE WELTER, FREIER JOURNALIST

Hohe Schmerzensgeldforderung: Prozess zum Massencrash auf der A13

Am 31.Oktober 2014 kam es auf der A13 zwischen Altwies und Frisingen zu einem schweren Auffahrunfall mit fünf Autos. Es gab zahlreiche Verletzte, zwei davon schwer. Eine Person verstarb noch an der Unfallstelle. Drei Männer stehen nun wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht.

Naturgemäß ist es schwierig in einem Gerichtsprozess, Schmerzensgeld nach einem Auffahrunfall zu beziffern. Es hilft aber, ein Unfallgeschehen besser zu verarbeiten und die Unfallfolgen abzumildern. Doch auch Schmerzensgeld heilt keine Wunden. Die Anwälte der Geschädigten forderten am Dienstag größere Entschädigungssummen von den drei Unfallverursachern.

Da die Opfer des Unfalls, Thomas B., Helder O. und Jean-Marie B., auch Verursacher des Auffahrunfalls sind, sollen sie auch unter sich für den jeweiligen entstandenen Schaden haften. Von den beiden Angeklagten Thomas B. und Jean-Marie B. will die Anwältin des Querschnittgelähmten Helder O. in der Nebenklage 155.000 Euro Schadenersatz. Der Anwalt des mutmaßlichen Unfallverursachers Jean-Marie B. beantragte für seinen Mandanten einen Schadenersatz von 10.000 Euro. Für den beschädigten Wagen will die Versicherung 13.000 Euro haben. Me Yves Wagner stellte seinerseits am Anfang seines Plädoyers die Frage: „Wer trägt die Schuld in diesem schrecklichen Autounfall?“ Er kam zu dem Ergebnis, dass es „wahrscheinlich alle sind, außer dem Opfer W., der hinten im Fiat Punto saß. Der Mann kam beim zweiten Aufprall ums Leben. Me Yves Wagner beantragte für sechs Familienmitglieder des Todesopfers insgesamt 350.000 Euro Schmerzensgeld.

Vertagung anberaumt

Me Jean Minden beantragte für seinen Mandanten Thomas B. eine provisorische Entschädigungssumme von 960.000 Euro. Für den Anwalt sei die hohe Summe berechtigt. Sein Mandant Thomas B. leide unter Folgeschäden, sagte Me Minden. Der Schwerverletzte erlitt nach dem Unfall einen Hirnschlag und er trage bleibende Schäden wie Lähmungen oder Sprachstörungen davon. Dadurch erhöhe sich das Schmerzensgeld. Allerdings soll die Art der genauen Beeinträchtigung ermittelt werden. Laut Me Jean Minden sei der Mann dauerhaft pflegebedürftig. Für eine Beifahrerin beantragte Me Minden dann noch eine Entschädigungssumme von 185.000 Euro. Die Summe sollen Helder O. und Jean-Marie B. begleichen.

Der angeklagte Fahrer Helder O. hatte zu Protokoll gegeben, möglicherweise am Steuer einen Schwächeanfall erlitten zu haben. Der Mann war mit einer Geschwindigkeit von 90 bis 110 km/h unterwegs, als es plötzlich im dichten Nebel zu der Kollision mit dem Fiat Punto kam. Danach war er aus dem Wagen gestiegen und wurde durch einen zweiten Aufprall schwer an den Beinen verletzt. O. kann sich jedoch nicht an den Unfall erinnern. Seine Verteidigerin plädierte auf nichtschuldig und will einen Freispruch. Er sei nicht für den Toten verantwortlich, weil es keine Kausalität zwischen ihm und dem Toten gebe. Erst durch einen zweiten Aufprall sei W. im Fiat zu Tod gekommen. Die Verteidigerin beantragte allerdings auch eine Aussetzung des Urteils. Schadenersatzforderungen der zivilen Kläger sind durch eine Aussetzung des Urteils allerdings nicht ausgeschlossen. Am Mittwochmorgen kochten vor Gericht die Gemüter hoch. Der Verteidiger des Unfallbeteiligten Jean-Marie B. war überzeugt, dass sein Mandant keine Schuld am Unfall habe. Der Verteidiger hatte sein Plädoyer bereits begonnen, als er vom Vorsitzenden Richter Gilles Herrmann gestoppt wurde. Richter Herrmann stellte fest, dass das Gericht nicht im Besitz des dritten Gutachtens sei, auf das sich die Verteidigung bezog. Im Prinzip sollte das, was der Verteidigung vorliegt, auch dem Gericht vorliegen, sagte Richter Herrmann. Daran hielt man sich in diesem Verfahren wohl aber nicht. Den Richtern der 16. Strafkammer fehlte dieses Gutachten. Wegen der Komplexität des Unfalls, spielten im Unfall viele unerwartete Faktoren eine Rolle. Um den Ungereimtheiten so weit wie möglich aus dem Wege zu gehen und um die Schuldfrage zu klären, wurden drei Sachverständige von der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung eingeschaltet. Die Sachverständigen hatten ihre Gutachten zwar sachgemäß eingereicht, doch das Gericht ist nur im Besitz von zwei Gutachten.

In diesem fehlenden Gutachten steht etwas, was für die Verteidigung relevant ist: Der Anwalt ist davon überzeugt, dass sich der Unfall in diesem Gutachten mit seinem Mandanten etwas anders zugetragen hat. Der Beweisbeschluss soll widerspiegeln, welcher spezifische Sachverhalt aufgeklärt werden muss. Doch ohne diese Feststellungen der Sachverständigen obliegt es dem Gericht nicht zu urteilen. Die Akte mit dem Gutachten soll jetzt dem Gericht zur Verfügung gestellt werden, damit der Unfall auch mit diesem Gutachten beleuchtet werden kann.

Me Yves Wagner, der die Opferfamilie juristisch vor Gericht vertritt, sagte in einem Interview „Mir sin traureg, well d’Famill vum Verstuewenen en Ofschloss wëllt. Mir verstinn awer och, dass d’Geriicht e kontradiktoreschen Débat wëll.“

Der Vorsitzende Richter hob die Sitzung auf und vertagte die mündliche Verhandlung auf den 21. und 22. Januar 2020.