LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Luxemburger Forschung analysiert Folgen der Corona-Pandemie und das Virus selbst

Welche Folgen haben die zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie getroffenen Maßnahmen? Was weiß die Wissenschaft – und was weiß sie noch nicht über SARS-CoV-2 und die Erkrankung? Welche Lektionen kann man aus der Pandemie ziehen? Mit diesen Fragen befassen sich auch Forscher in Luxemburg. Drei Analysen stellte „Research Luxembourg“ gestern vor.

„Wir können von beiden Extremen lernen“,  PROF. DR. RUDI BALLING, Direktor des LCSB - Lëtzebuerger Journal
„Wir können von beiden Extremen lernen“, PROF. DR. RUDI BALLING, Direktor des LCSB

Coronavirus bei Kindern: Vieles bleibt ungeklärt

Prof. Dr. Rudi Balling, Direktor des „Luxembourg Centre for Systems Biomedicine“ (LCSB) und die Kinderärztin Dr. Isabel Garcia de la Fuente haben zusammengetragen, was die wissenschaftliche Literatur bisher an Antworten hat. Ihre zentralen Erkenntnisse: Kinder mit Covid-19 sind zum großen Teil asymptomatisch. Sie können im Prinzip infektiös sein, sind es aber wahrscheinlich weniger als Erwachsene. Warum das so ist, ist noch nicht bekannt. Es sei zwar nachgewiesen, dass Kinder das Virus im Rachen produzieren können. „Das alleine heißt aber nicht, dass diese Viren auch übergehen und andere anstecken.“ Kinder können auch an Covid-19 sterben, doch ist das eher selten. All diese Fragen zur Transmission des Coronavirus bei Kindern aufzudecken sei enorm wichtig, führte Balling aus. Wenn die Wissenschaft herausfinden kann, warum ältere Menschen anfälliger sind und Kinder möglicherweise geschützt, „können wir von beiden Extremen lernen.“
Balling ging ebenfalls auf die sich häufenden Berichte über schwere Entzündungen bei Kindern im Zusammenhang mit der Corona-Infektion ein. Es sei wichtig, dieses Phänomen zu untersuchen und dass Kinderärzte wachsam sind. In New York seien von 21.000 an Covid-19 Verstorbenen drei oder vier Kinder dabei, die eine dem Kawasaki-Syndrom ähnliche Entzündung entwickelt hatten. Auch wenn jeder Todesfall eines Kindes tragisch sei, so gebe es für die öffentliche Gesundheit keinen Grund, in Panik zu verfallen. Vielmehr müsse man wachsam sein und sich um jeden einzelnen Fall kümmern. In Luxemburg gebe es jährlich etwa fünf Fälle mit Kawasaki-ähnlichem Syndrom. In der Regel sei das behandelbar und es sei ungewöhnlich, dass Kinder daran sterben, ergänzte er. 

„Sie müssen anfangen, ihre Lieferketten abzubilden“, PROF. DR. BENNY MANTIN, Direktor des „Luxembourg Centre for Logistics and Supply Chain Management“ (LCL) - Lëtzebuerger Journal
„Sie müssen anfangen, ihre Lieferketten abzubilden“, PROF. DR. BENNY MANTIN, Direktor des „Luxembourg Centre for Logistics and Supply Chain Management“ (LCL)

Schwächen eines durch die Globalisierung veränderten Lieferkettensystems

Die teilweise leergeräumten Regale Mitte März waren nicht nur die Folge von Hamsterkäufen, sondern auch das Ergebnis von Störungen von Lieferketten und der Logistik, weil beispielsweise Lkw nicht mehr einfach so Grenzen passieren konnten. Prof. Dr. Benny Mantin, Direktor des „Luxembourg Centre for Logistics and Supply Chain Management“ (LCL) der Universität Luxemburg ging näher auf die Ursachen der Engpässe ein: „Die Lieferketten haben sich durch die Globalisierung stark verändert“, führte Mantin aus. Wo Produkte herkommen oder wer die Zulieferer und deren Zulieferer sind, sei manchmal schwer zu sagen. Zudem werde vielfach nach dem „Just-in-time“-Prinzip produziert, also nach Bedarf. Lagerkapazitäten wurden in der Folge abgebaut – auch aus Kostengründen. Die Pandemie hat sowohl Nachfrage wie Angebot aus dem Gleichgewicht gebracht. Mantin, gleichzeitig Leiter der Arbeitsgruppe für Lieferketten und Logistik innerhalb der Covid-19-Forschungstaskforce, ging im Folgenden darauf ein, welche Lektionen man aus dieser Krise ziehen könne, wozu auch systematisch der Sektor in Luxemburg befragt werden soll. Um die Resilienz zu stärken, müssten sich Unternehmen mit ihren Lieferketten befassen, Risiken identifizieren, mögliche Konsequenzen abwägen und Notfallpläne ausarbeiten. Eine Konsequenz aus dieser könne beispielsweise lauten, gewisses medizinisches Material für Notfälle zu lagern.

„Das Teleworking hat es erlaubt, den Schock zu dämpfen“,  PROF. DR. ALINE MÜLLER, CEO des LISER - Lëtzebuerger Journal
„Das Teleworking hat es erlaubt, den Schock zu dämpfen“, PROF. DR. ALINE MÜLLER, CEO des LISER

Zwischen Wirtschaftseinbruch und Pandemiekontrolle

Wie wirken sich der Lockdown aber auch die Exit-Strategie auf die sanitäre Lage aus und welche wirtschaftlichen Konsequenzen stecken dahinter? Einblick in diesen Themenkomplex gab Prof. Dr. Aline Müller, CEO des „Luxembourg Institute of Socio-Economic Research“ (LISER). Sie betonte gleich eingangs, dass beide Aspekte Wechselwirkungen haben: Bei anhaltendem Lockdown breitet sich das Virus immer weniger aus, wächst aber der wirtschaftliche Schaden. Umgedreht kann die Wiederaufnahme wirtschaftlicher Aktivitäten – abhängig von vielen Faktoren - mehr oder weniger wieder zu einer Zunahme von Covid-19-Fällen führen. Sie zeigte, dass der Umstieg auf das Arbeiten von zuhause aus im Lockdown „erlaubt hat, den Schock zu dämpfen“. Ohne diese Umstellung und im Falle von Entlassungen wäre das BIP um mehr als 50 Prozent eingebrochen. „Teleworking rettet auch Leben“, fügte Müller bei. Denn wäre weiter im Büro gearbeitet worden, wären die Infektionsketten deutlich stärker verlaufen.
In den Ausführungen der LISER-Chefin wurde auch deutlich, warum die Miteinbeziehung von Grenzgängern in die luxemburgische Teststrategie so wichtig ist. Selbst bei wöchentlichen Tests allein der Bevölkerung sei mit einem nennenswerten Anstieg der Infektionen zu rechnen.
Um Allerheiligen will das LISER ebenfalls eine Untersuchung über die sozialen Auswirkungen dieser Krise starten. Die Umfrage soll ermitteln, wie sich Covid-19 auf die Beschäftigung, die Arbeitsbedingungen, die täglichen Aktivitäten und Bewegungsmuster sowie die eigene Gesundheit, Lebensgewohnheiten und psychische Gesundheit auswirken.

WELTWEITE NACHFRAGE NACH TESTMATERIAL STEIGT

„Large Scale Testing“ fängt mit kleineren Kapazitäten an

Das großflächige Testen der Bevölkerung wird wie geplant in der Woche vom 18. Mai beginnen, allerdings zunächst mit kleineren Kapazitäten. Bis zum 1. Juni soll die volle Testkapazität von bis zu 20.000 Tests aufgebaut werden. Die 17-Drive-In-Stationen werden „nach und nach“ eröffnet. Untersucht wird auch die Machbarkeit einer Station in der Nähe des Hauptbahnhofs in Luxemburg-Stadt für Menschen ohne Auto. Diese Informationen teilte „Research Luxembourg“ am Mittwochabend mit.
Das Unterfangen, die gesamte Bevölkerung einem PCR-Abstrich zu unterziehen, sei in „vielerlei Hinsicht ein in seiner Dimension einzigartiges Projekt. Der relativ kurze Zeitraum, in dem es aufgesetzt wird, erschwert ein logistisch und technisch komplexes Unterfangen.“ Konkret bedeutet dass, dass ähnliche Testprojekte auch in andern Ländern der Welt geplant sind und die Nachfrage nach dem notwendigen Material steigt. So seien Extraktionsreagenzien derzeit schwer zu beschaffen. „Die Reagenzien und Tupfer, die in Luxemburg verwendet werden sollen, werden in den USA bzw. in China hergestellt. Es besteht das Risiko, dass politische Entscheidungen in diesen Ländern einen Exportstopp dieser Materialien erzwingen“, informiert die Initiative der Hauptakteure der öffentlichen Forschung in Luxemburg. Dennoch soll die große Testwelle ab dem 1. Juni anlaufen. Die Bürger werden in den kommenden Wochen nach und nach eingeladen, sich testen zu lassen. Ziel ist es, diejenigen zu ermitteln, die das Virus in sich tragen, aber keine Symptome haben. „Dies ist ein wichtiger Schritt zur Verhinderung einer zweiten Welle, ohne dass es zu einem weiteren Lockdown kommt", erklärt Professor Ulf Nehrbass, Sprecher der COVID-19 Task Force von Research Luxembourg.