ALTRIER
CORDELIA CHATON

Sowohl Betriebe als auch Verbraucher sehen zunehmend die Vorteile einer natürlichen Düngung, sagt der Experte Gilles Altmann

Gilles Altmann berät zum Thema Landwirtschaft beim „Institut fir biologesch Landwirtschaft an Agrarkultur Letzebuerg asbl“ (IBLA) in Altrier. Laut ihm rücken die Themen Boden, Bodengüte und Bodenfruchtbarkeit zunehmend in den Fokus; und zwar bei Betrieben wie auch bei Verbrauchern. Die Art der Düngung spielt dabei eine entscheidende Rolle, wie er ausführt.

„Die einseitige Düngung mit chemischen 
Düngern kann zu Nährstoffungleichgewichten im Boden führen“, sagt Gilles Altmann Foto: IBLA - Lëtzebuerger Journal
„Die einseitige Düngung mit chemischen Düngern kann zu Nährstoffungleichgewichten im Boden führen“, sagt Gilles Altmann Foto: IBLA

Stimmt es, dass konventionelle, chemische Düngung Böden auslaugt?

GILLES ALTMANN Die einseitige Düngung mit chemischen Düngern kann zu Nährstoffungleichgewichten im Boden und damit zu einer unausgeglichenen Versorgung der Pflanze mit Nährstoffen führen. Die Düngung mit chemischen Düngern stört zudem die natürlichen Prozesse im Boden und verhindert eine intensive Durchwurzelung und damit eine vielfältige Besiedelung des Bodens mit Mikroorganismen. Im Gegensatz zu organischer Düngung hat die mineralische Düngung keinen positiven Einfluss auf wichtige Bodeneigenschaften wie Humus, Struktur und Wasserhaushalt. Im Gegenteil: Die mineralische Düngung kann diese wichtigen Eigenschaften des Bodens sogar verschlechtern. Studien zeigen, dass die mineralische Düngung auch zu einer Abnahme des pH-Wertes im Boden, also zu einer Versauerung führen kann. Das beeinträchtigt die Lebensbedingungen für Mikroorganismen zusätzlich und beeinflusst damit das Pflanzenwachstum negativ.

Wie wichtig sind Mikroorganismen für die Böden?

ALTMANN Allgemein sind Bodenlebewesen von größter Bedeutung für die natürliche Bodenfruchtbarkeit. Vom Regenwurm bis zu den kleinsten Mikroben beteiligen sich die Organismen im Boden am Abbau von organischem Material, was an der Bodenoberfläche nach der Ernte durch Pflanzenrückstände wie Stroh oder die Zufuhr von organischen Düngern in Form von Gülle oder Mist anfällt. Die größten Lebewesen bereiten das organische Material soweit auf, dass die Kleinstlebewesen es bis zu einer beständigen Humusform weiterverarbeiten können. Durch ihre Grabaktivitäten sorgen die größeren Lebewesen im Boden für ein ausgeglichenes Klima im Boden und tragen so zu guten Wachstumsbedingungen für die Kulturpflanzen bei. Zudem kann Niederschlagswasser durch Regenwurmgänge schnell und kontinuierlich in den Boden aufgenommen werden, wodurch Erosion vermieden wird.

Mikroorganismen sind des Weiteren wichtig für die natürliche Ernährung der Pflanzen. Zwischen Pflanze und Mikroorganismus besteht im Boden eine Symbiose. Über Ausscheidungen an den Wurzeln und absterbende Pflanzenzellen versorgt die Pflanze die Organismen mit Nahrung. Im Gegenzug versorgen die Mikroorganismen die Kulturpflanze mit den Nährstoffen, die die Pflanze gerade braucht. Es entsteht ein kontinuierlicher Nährstoffzyklus ohne Verluste in Grundwasser oder Atmosphäre.

Helfen Sie beim Erhalt guter Böden?

ALTMANN Eine wichtige Rolle übernehmen Mikroorganismen ebenfalls beim Aufbau eines stabilen Bodens. Beim Abbau der organischen Substanz scheiden die Organismen eine Art Schleim aus. Dieser dient dazu, Bodenteilchen miteinander zu verkleben und stabil zusammen zu halten. Der Boden ist dann gegen extreme Einflüsse von außen, wie Starkniederschläge oder Befahren mit schweren Maschinen besser geschützt. Auch dadurch wird Verlust von wertvollem Boden durch Erosion vermieden. Mikroorganismen sind ebenfalls in der Lage, Schadstoffe im Boden abzubauen und Schadorganismen zu regulieren, so dass die Kulturpflanzen weniger durch Pflanzenkrankheiten befallen werde. Einige Mikroorganismen im Boden besitzen die Fähigkeit, freien Stickstoff - das mengenmäßig wichtigste Nährelement von Pflanzen - aus der Atmosphäre zu binden. Sterben diese Organismen, ist der Stickstoff im Boden für die Pflanze nutzbar. Einige dieser Bakterien können auch eine Symbiose mit der Pflanze eingehen und werden von den sogenannten Leguminosen in die Wurzeln aufgenommen. Die Bakterien wandeln den Stickstoff dann pflanzenverfügbar um und erhalten im Gegenzug für ihr Wachstum Produkte der Photosynthese von der Pflanze zurück.

Welchen Unterschied gibt es zwischen pflanzlichen und chemischen Düngern im Hinblick auf den langfristigen Erfolg?

ALTMANN Ein langfristiger und nachhaltiger Erfolg kann nur durch den Aufbau, den Erhalt und die Pflege der natürlichen Bodenfruchtbarkeit erzielt werden. Langfristig muss der Boden ernährt werden und nicht die Kulturpflanze. Die Ernährung der Kulturpflanze erfolgt über den gesunden, furchtbaren Boden. Der Landwirt kann den Boden gezielt über den Anbau von vielen verschiedenen Kulturen auf seinen Äckern, die Zufuhr von organischem Dünger aus Tierhhaltung und Kompostierung, den Anbau von Zwischenfürchten und eine an den aktuellen Zustand des Bodens angepasste Bodenbearbeitung verbessern.

Wichtig ist letztendlich ein intensives Wurzelwachstum, möglichst über die gesamte Vegetationsperiode hinweg, welches durch die Wurzelausscheidungen das Bodenleben ankurbelt und so die Bereitstellung von wichtigen Nährstoffen durch die Bodenorganismen aus dem Bodenvorrat ermöglicht.

Chemische Dünger können keinen langfristigen Erfolg für den Landwirt garantieren, denn zum einen ist ihr Einsatz mit Kosten verbunden. Zum anderen haben die eingesetzten Düngemittel einen negativen Einfluss auf das Bodenleben, welches dann weniger aktiv wird. Stickstoff-fixierende Bakterien stellen ihre Aktivität ein und der Landwirt kann nicht mehr vom kostenlosen, frei in der Atmosphäre verfügbaren Stickstoff profitieren. Die Versorgung der Kulturpflanzen mit Düngern an der Bodenoberfläche führt zudem zu einem verringerten Wurzelwachstum, da sich die Pflanze die Nährstoffe nicht mehr aktiv im Boden erschließen muss. Dadurch scheidet die Pflanze auch weniger Stoffe in den Boden aus und das Bodenleben wird weniger ernährt, und kann dementsprechend auch nicht mehr seine wichtigen Funktionen für den Aufbau des stabilen Bodens erfüllen. Der Boden ist potentiell stärker durch Erosion durch Wind und Wasser gefährdet. Der langfristige Verlust der natürlichen Bodenfruchtbarkeit erhöht die Abhängigkeit von zugekauften mineralischen Düngemitteln.

Wie wirkt sich pflanzlicher Dünger, insbesondere Vinasse, auf die Qualität und Qualität der Ernte aus?

ALTMANN Vinasse ist ein Reststoff der Zuckerrübenindustrie, der auch als Düngemittel eingesetzt werden kann. Vinasse ist aufgrund seiner natürlichen Herkunft als organischer Dünger eingestuft und darf auch im biologischen Anbau verwendet werden. Da Vinasse flüssig ist, findet sie in Gewächshauskulturen Anwendung, da sie über das Bewässerungswasser zugegeben werden kann. Sie stellt jedoch keinen Ersatz für ein vielfältiges, bodenfruchtbarkeitssteigerndes Bewirtschaftungssystem dar. Die Hydrokultur, also die Anzucht von Pflanzen ganz ohne Boden ist im biologischen Landbau nicht denkbar und auch nicht erlaubt. Der biologische Landbau widmet sein Tun der Steigerung der Biodiversität im und über dem Boden. Eine wachsende Zahl von Verbrauchern, Wissenschaftlern und Landwirten sind sich einig, dass man diese Bemühungen in Form der Qualität der Produkte testen und schmecken kann. Die sogenannte Zwangsernährung der Kulturpflanzen mit schnell verfügbaren Stickstoffdüngern in flüssiger Form kann sich negativ auf Qualität und Geschmack auswirken. Durch die Versorgung der Pflanzen mit schnell verfügbaren, stark stickstoffhaltigen Düngemitteln kann zudem die Anfälligkeit der Pflanzen gegenüber Schadorganismen und Krankheiten erhöht werden. In der Folge steigt der Bedarf an Pflanzenschutzmitteln.

Gibt es ein Umdenken im Agrarbereich in Luxemburg?

ALTMANN Einige Landwirte beobachten, dass trotz Düngung mit mineralischen Düngern keine Mehrerträge mehr erzielt werden und dass die Pflanzen immer anfälliger für Pflanzenkrankheiten und Schädlinge werden. In der Folge steigt auch der Bedarf für chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel. Das Thema Boden, Bodengüte und Bodenfruchtbarkeit rückt zunehmend in den Fokus und findet bei vielen Betriebsleitern großen Anklang. Auch Verbraucher fordern zunehmend Produktionsweisen, die die natürlichen Ressourcen schonen.

www.ibla.lu