LUXEMBURGCORDELIA CHATON

Raymond Schadeck meldete sich in letzter Zeit vermehrt zu Wort - Sein Credo: Die Krise nicht ungenutzt vergehen lassen und im Sinne des Klimas agieren: Anders besteuern und fördern

Raymond Schadeck hatte lange eine Führungsposition inne bei Arthur Andersen und als CEO von Ernst & Young. Heute sitzte er in vielen Verwaltungsräten, unter anderem als Präsident der Messegesellschaft Luxexpo The Box, bei der Raiffeisen, Minusines, Snap Swap und Intensa San Paolo International. Als Präsident des „Institut National des Administrateurs“ (ILA) hat er zwischen 2015 und 2019 als Präsident dessen Entwicklung geprägt und ist immer noch aktiv als Leiter der Arbeitsgruppe für Nachhaltige Entwicklung. Besonders interessiert ihn gesellschaftspolitisches Engagement. Schadeck ist Mitglied der UP Foundation, der Fondation EME und war Mitgründer von 5vir12. In der Krise veröffentlichte er mehrere Beiträge zum Thema Nachhaltigkeit und COVID-19. Wir wollten wissen, warum.

Herr Schadeck, Sie haben sich während der Coronaviruskrise immer wieder zu Wort gemeldet. Weshalb?

Raymond Schadeck Ich bin seit langem Mitglied und Unterstützer von allem, was nachhaltige Entwicklung angeht und interessiere mich sehr für die Klimaproblematik. Im Lockdown hatte ich Zeit, zu schreiben. Das habe ich genutzt. Denn jetzt ist der ideale Moment, einen großen Schritt vorwärts zu machen im Bereich Nachhaltigkeit. Alle Regierungen sind sich dessen sehr bewusst, dass man reagieren muss. Die Frage ist, wie sage ich es meinen Kindern? Wie kann man vor allem Unternehmen davon überzeugen, in diese Richtung zu gehen? Gleichzeitig geht es um eine Sensibilisierung für das Thema. Wir haben schon zuvor über nachhaltige Finanzen gesprochen. Jetzt hat die Regierung verstanden, dass dies der ideale Moment ist, in diese Richtung zu gehen. Bettel, Dieschbourg und Turmes haben das in den letzten Wochen bestätigt, ebenso Macron in Frankreich. Deshalb sollten Hilfspakete entsprechende Bedingungen für das Klima enthalten. Ich hoffe, wir verpassen diesen Weckruf der Natur nicht!

Wie macht der sich bemerkbar?

Schadeck Wenn ich jetzt meine Hunde ausführe, sehe ich Menschen, die wieder Freude am Kontakt mit der Natur haben. Das ist etwas, das ich zwanzig Jahre nicht gesehen habe. Sie gegen spazieren, fahren Rad. Die gegenwärtige Situation lässt uns einige Grundwerte wiederentdecken, die wir vernachlässigen oder vergessen haben. Dazu gehören der Platz der Familie - oder zumindest unserer Lieben, der Stellenwert der Gesundheit sowie die Bedeutung der Solidarität im Gegensatz zum individuellen Egoismus. Wir schätzen heute den Zugang zu gesunder Nahrung, sauberem Wasser und Medikamenten, den wir früher für selbstverständlich gehalten haben. Gleichzeitig merken wir, dass wir ganz gut ohne bestimmte Produkte - insbesondere Luxusgüter - leben können. Wir sind miteinander verbunden und können die Krise nur gemeinsam meistern. Es ist sicher kein Zufall, dass Länder, deren politische Entscheidungsträger die Alarmsignale von Wissenschaftlern zur globalen Erwärmung nicht ernst nehmen oder sogar dazu neigen, sie zu ignorieren und ihnen zu widersprechen, wie zum Beispiel die USA oder Brasilien, auch die Länder sind, die von der aktuellen Gesundheitskrise am stärksten betroffen sind.

Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen Klimakrise und Coronavirus-Krise?

Schadeck Covid-19 greift, wie wir wissen, die Lunge, genauer gesagt die Lungenbläschen, an, wo ein Austausch zwischen eingeatmeter Luft und Blut stattfindet - und wir freuen uns, dass innerhalb weniger Wochen die Entscheidungsträger mit Unterstützung aller sehr konkrete Handlungsstrategien zur Bekämpfung entwickelt und auf den Weg gebracht haben. Wissenschaftler haben uns in den letzten Jahrzehnten ganz klar gezeigt, dass unser zunehmender CO2-Ausstoß, die systematische Abholzung der Wälder und der daraus resultierende Verlust an Biodiversität sowie die globale Erwärmung zur zunehmenden Entwicklung schrecklich gefährlicher Viren beigetragen haben. 75 Prozent der neu auftretenden Infektionskrankheiten haben ihren Ursprung in der Wildnis und unsere Zerstörung der Natur sowie die globale Erwärmung vergrößern nur unseren direkten Kontakt mit dieser Wildnis, mit der wir früher weniger konfrontiert waren. Wir haben die Wahl, in Harmonie mit der Natur zu leben. Denn eines haben die letzten Wochen sehr deutlich gezeigt: Der Planet braucht uns nicht, um zu überleben. Die Natur sendet uns die Botschaft, dass wir eng mit ihr verbunden sind. Wenn wir uns nicht um die Natur kümmern, kümmern wir uns nicht um uns selbst. Und da wir uns einer Bevölkerung von zehn Milliarden Menschen auf diesem Planeten nähern, müssen wir die Natur als Verbündeten sehen.

Wie wirkt sich das konkret aus?

Schadeck Eine Bank, die keine nachhaltigen Produkte anbietet, ist in drei bis fünf Jahren weg, denke ich. Sie erinnern sich an den Carbon Footprint. Die Krise wird etwas Vergleichbares im Finanzbereich hervorrufen. Die nächste Etappe ist dann die Reduzierung von Fleischkonsum oder Plastikkonsum. Wir sollten den Moment nutzen. Auch Finanzminister Gramegna ist in diesem Sinne aktiv. Wir könnten das Fiskalsystem radikal verändern. Heute wird die Arbeit besteuert. Europaweit kommen mehr als 50 Prozent der Steuern daher. In Luxemburg sind es immerhin 44 Prozent. Jetzt wäre der Zeitpunkt, das zu ändern. Denn die Arbeit ist heute eine Ressource, die reichlich vorhanden ist, während Energie und andere Ressourcen rar sind. Warum sollte man also die Quelle besteuern, von der reichlich vorhanden ist? So könnten wir auch einen Teil der Arbeitslosigkeit auffangen. In dieser Krise könnten wir in Richtung Nachhaltigkeit gehen.