LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Diekircher Bürger argumentieren mit der „Charta von Venedig“ für Erhalt der Siedlung

Der geplante Abriss von fünf Mehrfamilienhäusern mit Sozialwohnungen lässt in Diekirch die Wogen seit einigen Wochen höher schlagen. Während die Gemeinde gleich alle Häuser wegen zu hoher Renovierungskosten verschwinden lassen wollte, um Platz für einen Neubauten der SNHBM zu machen, hat Kulturministerin Maggy Nagel die Unterschutzstellung von einem der Häuser angekündigt. Die Geschichte dieser Mehrfamilienhäuser ist nicht gerade einfach, denn die kleine Siedlung mit Sozialwohnungen wurde während der Okkupation durch Nazi-Deutschland im historisierenden Baustil errichtet.

Kampf auf zwei Wegen

Gleich zwei Gruppen, die sich aber personell überschneiden, setzen sich nun auf verschiedenen Wegen für die Erhaltung ein. Zunächst wurde am 15. Februar von fünf Bürgern ein „Recours gracieux“ (im Juristendeutsch ein „außergerichtlicher Widerspruch“) beim Bürgermeister von Diekirch, Claude Haagen, eingereicht.

Eine Gruppe von neun Antragstellern hat am 22. Februar einen Antrag auf Unterschutzstellung direkt beim Denkmalpflegeamt und der Kulturministerin eingereicht, um das Ensemble zu retten. Die neun Antragsteller beziehen sich auf eine Ankündigung der ehemaligen Kulturministerin, die die Unterschutzstellung in Aussicht gestellt haben soll, und erwähnen außerdem „Missverständnisse“ in der Vergangenheit zwischen dem Kulturministerium und der Stadt Diekirch.

Kriterien der „Charta von Venedig“ erfüllt

Die Erhaltung der fünf Häuser sei im öffentlichen Interesse, da ihnen „ein historischer Wert“ nicht abgesprochen werden könne, sowohl die Einbettung in das Stadtbild von Diekirch, als auch der ästhetische und architektonische Wert der Häuser sorge dafür, dass die Gebäude nach den Maßstäben der „Charta von Venedig“ (europäische Grundregeln zum Denkmalschutz) bewertet werden müssen.

Die fünf Mehrfamilienhäuser würden die Voraussetzungen der Charta erfüllen: Architektonischer Wert, Zeitzeuge einer bestimmten Epoche oder historischen Entwicklung zu sein. Die Charta betont, dass es sich nicht um „große Werke“ handeln muss. Für die Antragstelle erfüllen die Gebäude diese Vorgabe - gerade weil sie ein Beispiel für sozialen Wohnungsbau in der Mitte des 20. Jahrhunderts geben. Gegenüber den Arbeitersiedlungen im Süden Luxemburgs stehe Diekirch für eine andere Art des sozialen Wohnungsbaus. Für den Norden des Landes sei diese Art der Architektur einzigartig, zugleich halb städtisch und halb-ländlich. Gleichzeitig stelle das Ensemble ein Gegengewicht zur
„Cité militaire“ dar. Historisch betrachtet seien die Häuser Zeugen der deutschen Besatzung und der damit verbundenen Zeit Diekirchs als reichsdeutscher „Kreisstadt“.

„Eine andere Sicht ist möglich“

Die Erhaltung der Häuser würde aber auch ihre Instandsetzung und eine konzeptionelle Umnutzung nach sich ziehen, dazu müssten Ministerium, Stadt und interessierte Bürger zusammenarbeiten.

Die Antragsteller verlangen ausdrücklich, dass aufgrund ihres nun vorliegenden Antrags und seinen legalen Folgen der geplante Abriss der genannten Häuser sofort außer Vollzug gesetzt wird.

Abschließend wird die Ministerin um eine Treffen ersucht, auch um über die „Welle von Abrissen“ in Diekirch und anderen Ortschaften zu sprechen. Eine „andere Sicht der Dinge“ und ein „anderes Handeln“ seien möglich.