LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Die Stolpersteine der Bildung

„Die meinigen widersprechende Urteile regen mich nicht auf und beleidigen mich nicht; sie regen mich nur an und setzen mich in Tätigkeit.“ Michel de Montaigne (1533-1692)

Michel de Montaignes Todestag wiederholte sich nun bereits zum 425. Mal. Anlass genug, darauf hinzuweisen, wieviel sein geistiges Vorgehen zu den heutigen Problemen in Bildungs- und Erziehungsfragen beisteuern könnte. Es ist kein Geheimnis, dass die Bildungsstrukturen hierzulande, wenngleich bestimmt auch über die Grenzen hinweg, im gewaltigen Umbruch sind. Es wird analysiert, überarbeitet und reformiert. Glücklicherweise gibt es einen Fortgang, es gibt eine Dynamik und ein sich Kümmern um Verbesserung der Schule und Ausbildung.

Böse Zungen haben bereits die These heraufbeschworen, dass federführender Minister vielleicht nicht unbedingt genug praktische Erfahrungen auf besagtem Terrain sammeln konnte, um sich bestmöglich mit bestehenden Problematiken auseinandersetzen zu können. Im Eigentlichen ist dies aber nicht unbedingt ein Hindernis, wie uns am Beispiel des oben zitierten Montaigne illustriert werden kann. Der Franzose war gelernter Steuer- und Parlamentsrat, und obendrein Rechtswissenschaftler. Nach einer gewissen Zeit legte er seine Ämter nieder und beschloss, sich der Aufzeichnung seiner Gedanken zu widmen. Er nannte dies, seine „Essais“ - seine Versuche. Mit den Texten antiker Vorgänger befasste er sich, legte sie auseinander und versuchte, seine Gedanken eigenständig entfalten zu lassen. Er wollte sein Denken sich selbst „erproben“ lassen, selbst zum Verständnis abstrakter Sachverhalte und Theorien gelangen.

Primär richtete sich sein Interesse aber zunächst darauf, autonom Erklärungen zum Thema Mensch zu finden, ohne sich auf bestehende, gegebene Behauptungen zu verlassen. So galt es, selbst herauszufinden, welche Eigenschaften zum Menschen gehören und inwiefern das Herausgefundene in ein funktionierendes wissenschaftliches System eingegliedert werden könnte. Unwichtig ist eigentlich, was Montaigne zum Sachverhalt seiner Untersuchungen machte, ob dies nun der Mensch oder der Kosmos war, oder vielleicht auch Pflanzen oder gar Abstrakta. Wichtig war es für ihn immer, sich zunächst zu fragen „Was weiß ich denn? Que sais-je“? So wurde er zum Begründer der neuzeitlichen Methode des skeptischen Denkens, er fragte sich stets, ob die Pfade, auf denen er seine Gedanken wandeln ließ, nicht von Irrtümern oder Vorurteilen verunreinigt sind. Die Selbstprüfung, die eine solche Kontrolle erst möglich macht, verlangt demnach ein häufiges Innehalten und reflexives Begutachten, ehe sich die Gedanken wieder erweitern können, und man eigens zur Findung einer Wahrscheinlichkeit gelangen kann.

Die Wichtigkeit des autonomen Lernens schwingt hier bereits ungeschrieben mit. Offen sein, den Versuch zu wagen, seinen Gedanken selbst freien Lauf zu lassen und sich nicht davor scheuen, Gegebenes oder auch selbst Gefundenes zunächst einmal kritisch zu begutachten, stellt auch mit Montaigne das eigentliche Kredo einer funktionierenden Bildungsinstanz dar. Eine bloße Kulmination von Wissen, ein Sammeln und Abklassieren, ein Speichern in der ominösen Cloud, wird es einem nie erlauben können, selbst auf eine Erkenntnis zu stoßen, und Gefallen daran zu finden, das eigene Wissen autonom anreichern zu können. Erst anhand von Versuchen, die man ‚instant‘ macht, kann man etwas Wertvolles mitnehmen, welches einem im späteren Verlauf von Gebrauche sein kann. Auch ein Stolpern bedingt eine weitere Erfahrung und Erkenntnis, und verhilft dem Geist dazu, sich zu entfalten und etwaige Wiederholungen solcher Fehltritte zu meiden. Erst hiermit kann eine unabhängig urteilende und verantwortungsvoll handelnde Person entstehen, die tatsächlich im Geiste gebildet, gereift und der Anwendung seines Wissens mächtig sein kann.

Diese liberale Geisteshaltung, die Montaigne nicht nur selbst für sich als Wesentlich erkannte, pries er auch als zentraler Pfeiler eines fruchtvollen Bildungssystems an. Und sollte in der Liberalität der Wissensaneignung nicht das eigentliche Herzstück einer nach Autonomie und Selbstvervollkommnung strebenden Bildungsstruktur liegen? Weshalb sollten von oben herab diktierte Vorgaben förderlicher sein, als eine Energie, die aus eigenen Versuchen entsteht? Wäre es vielleicht an der Zeit, zu wagen, wieder etwas Kontrolle abzugeben, um von den so sterilen zeitgenössischen Konzepten der Wissensaneignung wegzukommen? Ja, das Risiko schwingt mit, in ‚Bildungsetuden‘ dann vielleicht aus dem Rahmen zu fallen, internationale Rankings nicht zum Vergleich ziehen zu können. Aber ist dies denn wirklich das, um was es bei Ausbildung, Bildung, Erziehung im Eigentlichen geht?