PATRICK VERSALL

Ich konnte mir letztens ein Lachen nicht verkneifen, als ein hoher Mitarbeiter des Kulturministeriums allen Ernstes erklärte, dass wir Luxemburger ziemlich blöd aus der Wäsche gucken würden, wenn wir im Ausland ein luxemburgisches Volkslied anstimmen müssten. Nachdem die Heiterkeit über die Aussage verflogen war, setzte sogleich die Ernüchterung ein und mit ihr die Einsicht, dass die allermeisten von uns bei Herrn Jauch vermutlich die Million abräumen würden, weil Sie den Namen des deutschen Bundespräsidenten kennen, aber kläglich versagen würden, müssten sie den „Feierwon“ vorsingen. Luxemburgische Gymnasialschüler, die die Literaturschiene fahren, sind in der Lage, im Schlaf alle Dramen Shakespeares auf zu zählen. Dass Nico nicht der zweite Vorname von Guy Helminger ist, wissen die allerwenigsten. Als Siebtklässler kannte ich Georg Philipp Telemann, aber wer zum Teufel war Alexander Müllenbach noch mal?

Wenn Schüler das luxemburgische Bildungssystem verlassen, tragen sie in ihrem Bildungsrucksack ein breitgefächertes kulturgeschichtliches Wissen mit sich herum. Für luxemburgische Kulturstullen ist aber irgendwie kein Platz drin, höchstens vielleicht für einige Dicks-Krümel. Gerne verkriechen sich die Lehrplan-Bauer hinter der ewigen Zeit/Stoff-Rechnung: Zu wenig Wochenstunden für zu viel Lehrstoff ergibt kein Platz für luxemburgische Inhalte. Wieso auch Rewenig oder Schlechter lesen, nach denen an ausländischen Hochschulen eh kein Hahn kräht? Nein, luxemburgische Schüler sollen Shakespeare-Sonaten bis auf den Schlusspunkt genau auswendig wiedergeben. Wer wäre auch auf die Idee gekommen, Schülern eine Arbeit über die autobiografischen Elemente in Jean Portantes „La Mémoire de La Baleine“ schreiben zu lassen, für viele eh nur ein Werk, das von einem „Freizeitliteraten“ nach getaner Arbeit verfasst wurde. Dass unsere Freitzeitautoren, -komponisten oder -filmemacher irgendwann den Grundstein für eine äußerst lebendige und produktive Kulturszene gelegt haben, die heute auch jenseits der Landesgrenzen aktiv ist, haben die Funktionäre im Bildungsministerium einst nicht für möglich gehalten. Die Folgen dieser Ignoranz sind nicht zu unterschätzen. Einmal abgesehen davon, dass wir nicht in der Lage sind, historisches Liedgut vor zu tragen, laufen mehrere Generationen aufgrund massiver Fehleinschätzungen was die Zusammensetzung von Lehrplänen anbelangt heute schon mit alles andere als selbst verschuldeten Bildungslücken herum. Darüber hinaus sind wir auch noch die Deppen Europas, denn welchem anderen Volk gelingt es jahrzehntelang, nationale Kunstschaffende von den Lehrbüchern fern zu halten, so dass irgendwann zwangsläufig die Meinung entsteht - im In- und Ausland- , dass Luxemburg in der Tat eine Bauernnation ist, die keine intellektuellen Geister ihr eigen nennt. Auch wenn jetzt langsam aber sich ein Umdenken stattfindet und sich gleich mehrere Ministerien dafür einsetzen, fächerübergreifend den Pennälern die Stützelemente der luxemburgischen Kultur näher zu bringen, soll man nicht zu optimistisch in die Zukunft blicken. Da wieder mancherorts mit dem Rotstift rumgespielt wird, würde es nicht wirklich überraschen, wenn in zehn Jahren noch immer (fast) kein Abiturient Pascal Schumacher oder Pierre Puth kennen würde.