Henry wurde gestern neunzig. Helmut wird Weihnachten 95. Zwei aus der Generation, die die dunkelsten Zeiten des 20. Jahrhunderts noch live und in Farbe miterlebt haben. Männer von gestern, die schon vor mehr als 30 Jahren aus dem Amt geschieden sind. Eigentlich typische „has beens“, die beide lange vergessen sein könnten. Sind sie aber nicht. Warum?

Die Frage beantwortet sich schnell: Sie unterscheiden sich deutlich von der aktuellen Politikerkaste. Beide sind Kerle mit Ecken und Kanten, haben eine klare Meinung und sind weit davon entfernt dem Mainstream nach dem Mund zu reden. Oder gar aufs Rauchen zu verzichten. Die Meinung der alter Herren ist immer noch gefragt. Mehr denn je.

Wobei der deutsche Altkanzler Helmut Schmidt längst den Rang eines Nationaldenkmals erreicht hat. Was auf ewig für ihn sprechen wird ist sein Beharren auf kühler Realpolitik konträr zur romantischen Friedensbegeisterung der frühen 1980er Jahre. Die nach dem Zusammenbruch des Warschauerpaktes aufgetauchten Militärpläne zeigten, dass die „friedliebende“ Sowjetunion durchaus willens war durch die norddeutsche Tiefebene bis zum Kanal vorzustoßen.

Henry Kissingers Stellung als Politikdenkmal ist deutlich umstrittener. Der emigrierte deutsche Jude, der seinen Akzent durch eine glänzende Karriere hin ostentativ gepflegt hat, ist der letzte lebende Politiker auf den noch der Schatten des 19. Jahrhunderts fällt. Nicht weil er so alt ist. Kissinger hat sich wissenschaftlich so intensiv mit dem österreichischen Staatskanzler Fürst von Metternich, dem Architekten des Wiener Kongresses, , beschäftigt, dass er selbst zum Metternich wurde. Zur fleischgewordenen Realpolitik . Kalt und vernunftgesteuert. Kissinger gilt bei linken Politikwissenschaftlern als der amoralische Realpolitiker schlecht hin. Umso mehr wird es sie ärgern, dass er immer noch (verdient) Gehör findet.

Moral funktioniert unter guten Voraussetzungen in der Innenpolitik. Ein Politiker sollte persönlich integer sein - auch wenn er gelegentlich skrupellos sein muss. Die klassische Außenpolitik, geprägt vom Gegeneinander des 19. Jahrhunderts, kam ohne Moral aus. War es moralisch, der deutschen Kriegsmarine einen mit Munition und unwissenden Passagieren voll geladen Luxusdampfer vor die Torpedos laufen zu lassen? Nein. Da es Churchill aber schaffte so die USA in den ersten Weltkrieg zu ziehen, war er ein Held. Einen Krieg später die Flotte des Bündnispartners Frankreich in Oran zu versenken, war genauso schäbig, aus englischer Sicht aber notwendig.

Der kleine Kissinger mit dem gewaltigen Ego ist wirklich ambivalent. Während er dafür sorgte, dass Nordvietnam „in die Steinzeit“ gebombt und Kambodscha in den Krieg hinein gezogen, öffnete er Richard Nixon die Türen für einen China-Besuch. Die Initialzündung für die Öffnung des roten Riesen. Für Pinochet und Somoza galt, frei nach F. D. Roosevelt, „Er ist ein Schweinehund, aber er ist unser Schweinehunde“. Hauptsache „einer von uns“ . Ein einziges Mal hat sich Kissinger zu einem Akt der Menschlichkeit hinreißen lassen, als er den zögerlichen Jimmy Carter dazu überredete den kranken Schah aufzunehmen - die Folge war ein Schlamassel der auch 34 Jahre später noch anhält...