ESCH/ALZETTE
DANIEL OLY

Ehrlich und interaktiv - Eine digitale Ausstellung über den „Great War“ in Luxemburg

Im Vergleich zum Zweiten Weltkrieg, der den Norden des Landes verwüstete, verblasst der „Krieg, der alle Kriege beenden soll“, wie der Erste Weltkrieg neben „Great War“ auch genannt wurde, im Gedächtnis Luxemburgs. Im Großherzogtum gibt es nur knapp sechs Monumente, die an die Zeit zwischen 1914 und 1918 erinnern - dagegen stehen über 500 Mahnmale für den Zweiten Weltkrieg.

Das habe auch konkrete Gründe. „Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es diesen Mythos der Resistenz, diesen Mythos des Kampfes gegen die Nazi-Besatzung“, erklärte der Historiker Denis Scuto gestern. „Das hat die weitere Geschichte, die Zukunft unseres Landes mit seinem Anspruch auf Unabhängigkeit, auf Souveränität, enorm geprägt.“ Und auf dieses Bildnis passte die Zeit während der Besatzung zwischen 1914 und 1918 nicht so sehr. Deshalb sei die Zeit des Ersten Weltkriegs bislang eher „stiefmütterlich behandelt worden“, meinte Scuto. „Es heißt immer: Da war ja nichts in Luxemburg. Es war auch immer ,der andere Krieg‘. Deshalb wurde das bivalente Verhältnis mit der kaiserlichen Besatzung bislang nur wenig aufgearbeitet. Dabei betrifft es uns heute noch immer.“

Online-Ausstellung

Um die Geschichte und den Schatz an verfügbaren Dokumenten einerseits einem breiten Publikum zugänglich zu machen und zugleich eine gute wissenschaftliche Ressourcenplattform zu bieten, wurde im Februar 2016 ein Forschungsprojekt ins Leben gerufen, das vom neu gegründeten „Centre for Contemporary and Digital History“ (C2DH) der Universität Luxemburg mit Unterstützung des Staatsministeriums begonnen wurde. „Diese virtuelle Ausstellung soll zugleich die Forschung voran treiben und neue Formen der Erzählung zugänglich machen“, erklärte C2DH-Direktor Andreas Fickers gestern bei der Vorstellung der ersten Früchte des Forschungsprojektes: Der digitalen Ausstellung, die unter der Webseite ww1.lu zu finden sein wird. „Dahinter steht auch die Hoffnung auf eine Demokratisierung der Geschichtsvermittlung“, meinte er. Das zeige sich auch in dem Aufbau der Ausstellung.

Diese bietet ab sofort vier unabhängige Navigationsmodi an; neben einer virtuellen Führung mit Hauptthemen wie „Besetzung“ (sowohl durch die kaiserlichen Truppen als auch nach dem Krieg durch die USA und Frankreich), „Hunger“ oder „Nachkriegszeit“ gibt es auch einen Bereich für die bisherige Sammlung an historischen Dokumenten, die fein sortiert und übersichtlich durchforscht werden kann. Auch eine interaktive Karte mit Ortsmarken für historische Standorte sowie eine interaktive Zeitleiste über die historischen Events gibt es auf der Ausstellungs-Seite.

„Wir nennen das Digitales Storytelling“, erklärt die Forscherin und Historikerin Sandra Camarda, die sich um das Forschungsprojekt gekümmert hat. „Wir wollen die Inhalte für ein Maximum an interessierten Personen aufarbeiten und zur Verfügung stellen.“ Dementsprechend werde das Angebot in Zukunft mit Sicherheit weiter ausgebaut. Der interaktive Aufbau lädt zudem zum Stöbern und Forschen ein: „Alle Inhalte sind untereinander referenziert und mit Quellenangaben versehen. Und die zur Verfügung stehenden Bücher wurden komplett digitalisiert und sind vollständig einsehbar“, erklärt sie.

Das Resultat kann sich sehen lassen - was auch Premierminister Xavier Bettel und den Rektor der Universität, Stéphane Pallage freut. „Das ist eine ganz neue Herangehensweise an das Konzept einer Präsentation“, lobte Xavier Bettel die Ausstellung gestern. „Da steckt viel Arbeit, viel Pionierarbeit drin.“ Besonders löblich sei, dass das Resultat nun nicht „in einem Keller oder einem Dachstuhl verstaubt, sondern digital zur Verfügung steht“, unterstrich Bettel. Und auch er mahnte: „Wir dürfen diesen Krieg nicht auf die leichte Schulter nehmen - denn die schlimmsten Ereignisse der Vergangenheit zeigen uns auch heute noch, worauf wir achten sollten.“

Deshalb sei es löblich, dass der Erste Weltkrieg jetzt die eigentlich längst überfällige Beachtung erfährt, die ihm auch gebührt: „Ich habe das Vergnügen der Rektor einer Universität zu sein, die an die Geschichte glaubt; eine Universität, der die Geschichte wichtig ist“, brachte es Rektor Pallage auf den Punkt. Die Zeugen des ersten Krieges seien inzwischen fast alle von uns gegangen. Ein Szenario, in dem die Geschehnisse nun in Vergessenheit geraten könnten, nannte Pallage „eine Tragödie“. Das Vergessen sei Ignoranz und Gleichgültigkeit über gemeinsame Geschichte des Kontinents. „Ohne Geschichte sind wir nichts“, meinte er. „Ohne ein gutes Verständnis unserer Geschichte werden wir untergehen.“ Entsprechend wichtig sei die Arbeit des C2DH.

Das Projekt, das in Zusammenarbeit mit dem Nationalarchiv, der Nationalbibliothek, dem Dokumentationszentrum für Migrationen, dem nationalen audiovisuellem Zentrum, dem Nationalmuseum für Geschichte und Kunst und dem nationalen Museum für Militärgeschichte geschaffen wurde, hat zudem ergänzende Ausstellungen in der „echten Welt“: Zum Beispiel die Ausstellung „Être ailleurs en temps de guerre“, die derzeit im Dokumentationszentrum für Migrationen in Düdelingen besichtigt werden kann. Alle Ausstellungen sind mit dem Label „Europäisches Jahr des Kulturerbes 2018“ ausgezeichnet.