LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Julie Noirhomme, Geschäftsführerin von Ajilon, über Manager auf wechselnden Positionen

Der Pariser Platz im Herzen der Hauptstadt ist ein geschäftiger Ort. Zwei Schritte weiter geht es in einem Bürohaus wesentlich ruhiger zu. Hier hat Ajilon auf mehreren Etagen seinen Sitz. Den Namen kennen die wenigsten, die nicht im Personalsektor tätig sind. Es ist ein Unternehmen, das Spezialisten und Führungskräfte für einen Zeitraum zwischen sechs Monaten und drei Jahren in Unternehmen vermittelt. Gleichzeitig arbeiten hier aber auch Recruiter, Menschen, die bestimmte Profile suchen. Wir haben mit Julie Noirhomme, der Geschäftsführerin von Ajilon Luxemburg, über den sich verändernden Arbeitsmarkt gesprochen. Sie sitzt auch im Aufsichtsrat von Adecco Group, denn Ajilon gehört zum Schweizer Personalvermittler.

Frau Noirhomme, wie vermitteln Sie Führungskräfte?

Julie Noirhomme Wir entsenden zwar Führungskräfte in die Unternehmen, aber anders als bei einer Zeitagentur liegen die Zeiten zwischen sechs Monaten und drei Jahren, tatsächlich sehen wir uns als Vermittler. Wir haben etwa hundert externe Berater, die wir Unternehmen zur Verfügung stellen können. Das reicht vom Personalwesen über die IT bis hin zur Risikoanalyse. Oft verlieren wir aber auch Berater, weil unsere Kunden sie einstellen. Andere bleiben jahrelang bei uns, weil ihnen der Wechsel gefällt. Insgesamt merken wir, dass es schwieriger ist, junge Mitarbeiter unter 35 Jahren zu halten. Die meisten Kunden brauchen uns für spezielle Situationen. Wenn ein Kunde beispielsweise die Gunst der Stunde nutzen und 60 neue Mitarbeiter aus Großbritannien eingliedern will, braucht seine Personalabteilung Unterstützung. Wir arbeiten auch mit dem Finanzplatz zusammen. Das sind unsere Kollegen. In unserem Job bekommen wir Trends schnell mit. Ich bin mir sicher, dass sich der Arbeitsmarkt sehr verändern wird. Wir werden immer mehr solcher Jobverhältnisse sehen.

Hat der Brexit einen Einfluss auf Ihre Tätigkeit?

Noirhomme Durch den Brexit steigt das Freelancing sogar noch. Viele kommen her und suchen nach Flexibilität. Der Brexit bringt neue Berater mit sich und neue Unternehmen, die sich in Nischen niederlassen. Bei den Fonds gibt es zahlreiche Wechsel und die Kunden ziehen mit. Die EU-Fonds-Direktiven haben einen enormen Einfluss. Die Bereiche Compliance und Corporate Governance sind sehr gesucht.

Wie halten Sie die Leute auf dem neuesten Stand?

Noirhomme Wir sind Teil des Projekts „Skillsbridge“ der Luxemburger Regierung, das ich persönlich sehr gut finde. Es will Unternehmen und Arbeitnehmer unterstützen, deren Aufgabenbereiche sich durch den technologischen Wandel radikal verändern. Da geht es um den Einfluss von Digitalisierung. Das Projekt ist sowohl für Unternehmen als auch für Arbeitnehmer gedacht. Interessant ist, dass es quer durch das ganze Land geht. Derzeit machen elf Unternehmen mit. Ich finde, dass das ein sehr guter Ansatz ist, denn genau da geht der Arbeitsmarkt hin. Das merken wir hier sehr deutlich.

Führen Sie auch selbst Schulungen durch?

Noirhomme Ja, und zwar als Module in genau definierten Bereichen organisiert. Das wollen unsere Kunden so. Die möchten nicht einen kompletten Tag oder mehr herum sitzen und die Hälfte der Inhalte schon kennen. Daher setzten wir auf Module von drei Stunden, Videos und ein Verhältnis von 70 Prozent Praxis und 30 Prozent Theorie. Dabei geht es keineswegs nur um Fachfragen oder Führungskompetenz. Jemand kann ja ein guter Manager, aber eine mäßige Führungskraft sein. An so etwas kann man arbeiten. Immer wichtiger werden die sogenannten „soft skills“, die vor allem die menschliche Seite betreffen. Da geht es um persönliche Intelligenz, um Wissbegierde und Neugierde, um die Lösung komplexer Probleme sowie das, was wir Resilienz nennen, also die Fähigkeit, mit Rückschlägen auf eine positive Art und Weise umzugehen. Wir haben vor rund acht Jahren damit angefangen und fühlten uns sehr bestätigt, als das Weltwirtschaftsforum 2016 zehn Kompetenzen definiert hat, die wichtig sind. Da waren diese vier dabei. Entscheidend ist: Die braucht jeder, unabhängig von Alter und Geschlecht. Entscheidend für Unternehmen wird in der Zukunft der intelligente Mitarbeiter sein, der mit anderen zusammenarbeitet. Letzteres kann die junge Generation übrigens viel besser; sie ist auch mehr am Gemeinwohl interessiert. Viele Leute freuen sich auf die Weiterbildung. Natürlich kann man niemanden zwingen. Meine Kollegin sagt immer: Man kann ein Pferd zur Tränke führen, aber man kann es nicht zwingen zu saufen.

Wie prüfen Sie denn, ob jemand über diese vier Eigenschaften verfügt?

Noirhomme Wir haben zertifizierte Coaches, die mit Personalbögen arbeiten und das überprüfen. Das geht dann ins Detail, die Kandidaten müssen Beispiele geben, ihre Reaktion erklären. Im Prinzip ist es wie die positive Pädagogie. Das ehrliche Feedback wird von den Kandidaten sehr geschätzt. Letztlich gibt es ja keinen falschen Kandidaten, er oder sie muss eben auf das gesuchte Profil passen.

Und im Zweifel bieten Sie Fortbildungen an?

Noirhomme Das wird eher verlangt, wenn beispielsweise nach einem Sozialplan die Beschäftigungsfähigkeit der Arbeitnehmer gesichert werden soll. Oder wenn Unternehmen etwas Bestimmtes suchen. Wir führen übrigens auch Change Management-Kurse durch. Dabei geht es vor allem um Kommunikation im Team. Insgesamt sind für unser Unternehmen die Bereiche Karrierebegleitung, Upskilling und Coaching am wichtigsten, würde ich sagen. Wir stellen übrigens fest, dass uns jetzt auch Kunden kontaktieren, die früher nicht kamen, beispielsweise große Unternehmen aus der Bau-Industrie. Es setzt wohl ein neues Bewusstsein dafür ein, dass das wichtig ist.

Wie sieht es mit Ihrer Expansion aus?

Noirhomme In den vergangenen Jahren haben wir stark zugekauft, rund 70 Unternehmen. Für unsere Mitarbeiter ist das oft sehr angenehm. Wenn sie nach Schweden oder Italien gehen, finden sie dort die gleichen Bedingungen vor. Anfang kommenden Jahres werden wir unter einer neuen Marke auftreten. Wie die heißt, wird noch nicht verraten. Ich denke, wir werden weiter stark wachsen. Gerade beim Thema Outsourcing gibt es einen großen Bedarf; dazu wächst das Segment Training stark.

Sie selbst sind in der „Personal Officers Group“ (POG) aktiv?

Noirhomme Ja, in diesem Berufsfachverband des Personalwesens in Luxemburg, der rund 120 Mitglieder zählt, veranstalten wir regelmäßig thematische Vorträge morgens, mittags oder abends. Das reicht vom Kopftuch am Arbeitsplatz bis hin zur künstlichen Intelligenz. Pro Event kommen meist um die 50 Teilnehmer. Wenn ein Unternehmen Mitglied ist, können alle Mitarbeiter zu den Fortbildungen und haben damit Zugang zu ungeheuer vielen Informationen. Unser Programm kommt sehr gut an.