Unser Freund Vladimir P. lässt den russischen Bären tanzen. Dabei trampelt er fröhlich auf ein paar Nachbarländern herum, stellt sich gegenüber der EU auf die Hinterbeine und brüllt laut seine Stärke in die Welt hinaus. Dass ihm Nato und EU bis kurz vor die Tore von St. Petersburg auf den Pelz gerückt sind, macht ihn schon seit Jahren grantig. Prompt zieht Europas größter Flächenstaat seinen pro-europäischen Schwanz ein - wobei zu vermuten ist, dass der russophilen Führung in Kiew, Bruder Vladimirs Gebrumme gerade recht kommt. Ex-Genosse Janukowitsch kann so den Pontius Pilatus geben - er wäscht seine Hände in Unschuld. Vom russischen Bär haben sich nur zwei Kleinstaaten in Randlage auf ihrem Weg nach Europa nicht beeindrucken lassen: Georgien und Moldawien. Chapeau!
Kleinstaaten sind unserem Held in Moskau im Moment aber egal, denn sein großes Ereignis steht vor der Tür: Olympische Winterspiele am Schwarzen Meer. Das subtropische Badeparadies Sotschi lädt zu Slalom, Abfahrt, Eistanzen, Skeleton oder Curling ein. Wieder einmal heißt es: „Sportler der Welt seid willkommen!“ Kleine Einschränkung dabei: Ihr solltet nicht die gleichgeschlechtliche Paarung bevorzugen, nicht Mitglied von Greenpeace oder anderen Umweltgangs sind, keine kirchenfeindlichen Tendenzen erkennen lassen und auch keinen Twitter-Account haben - letzteres gilt in noch härterem Maß für Journalisten. Der Sotschi-Bär will, dass alle 14 Tage lang Spaß haben - aber zu seinen Bedingungen. Es soll doch alles schön sein!
Nun kommen europäische Kleingeister daher, die auf einmal Verkünden nicht nach Russland fahren zu wollen. Joachim Gauck hat es vorgemacht und Viviane Reding ist nachgezogen. Der Hinweis auf die restriktive Minderheitenpolitik Russlands wird vom Bär wie eine lästige Fliege abgeschüttelt, es kratzt ihn (angeblich) nicht wenn sich die Ex-Pfarrer Gauck seiner Einladung entzieht. Auf das baldige Brummen angesichts der Absage der medientalentierten EU-Kommissarin Viviane Reding darf man gespannt sein. Die Sportler sollen ihre Wettkämpfe haben, aber der Herrscher über Russland muss sich nicht noch mit ausländischen Größen im Licht der olympischen Flamme sonnen.
Kollege Augstein (Junior) von Spiegel.de sieht darin mal wieder ungerechtfertigtes Russland-Bashing, während unsere Politik mit der Datenkrake USA viel zu sanft umgeht. Letzteres ist sogar richtig, aber das ändert nichts daran, dass die Minderheitenhetze in Russland zum politischen Alltagsgeschäft gehört.
Eines darf man nämlich nicht vergessen: Der schießende, fliegende, fischende, tauchende Supermann Vladimir P. ist kein Diktator, nicht mal ein Autokrat. Vladimir P. ist der mit Mehrheit gewählte Zar, der genau den starke Mann gibt, den sich die russische Seele wünscht. Ein echter Kerl, der die beschränkten Vorstellungen der Spießer zur offiziellen Politik erhebt, den Hass auf alles Andersartige toleriert und täglich die Rückkehr zu alter Größe propagiert.
Das Volk liebt Vladimirs einfache Lösungen: Wer den Popen beleidigt kommt nach Sibirien, wer, mit Verlaub, blöd genug ist eine arktische Ölplattform zu entern um das Klima zu retten, landet im Knast. Wer schwul oder lesbisch ist, lebt sowieso im falschen, im ganz falschen Land.
Die Volksseele regiert.


