LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Das Gewandhausorchester Leipzig mit Hélène Grimaud in der Philharmonie

Höher konnten die Erwartungen nicht geschraubt sein. Ein Orchester, das mit seinen 275 Jahren das älteste der Welt ist, mit 185 registrierten Berufsmusikern zu den größten der Welt zählt und eine Europatournee, die neben Luxemburg nur Station in den Philharmonien von Hamburg, Paris und München sowie dem Wiener Musikverein macht. Zudem feierte eben der neue Chefdirigent Andris Nelsons, der 21. Orchesterchef nach so illustren Figuren wie Wilhelm Furtwängler, Bruno Walter, Kurt Masur oder Riccardo Chailly, sein erstes Jubiläum und auf dem Programm stand als Auftakt ein Werk eines seiner Vorgänger, nämlich des großen Romantikers Felix Mendelssohn Bartholdy, der das Orchester von 1835 bis 1847 leitete.

Allerdings nur mit einer kurzen, gerade zwölfminütigen, Einstimmung, der wenig gespielten, eher unbekannten, einsätzigen Tondichtung, „Meeresstille und glückliche Fahrt“, die die Qualitäten des Klangkörpers gleich zu Anfang mit einem betörenden „pianississimo“ unter Beweis stellten. Nach dem Motto „In der Ruhe liegt die Kraft“ führte Nelsons durch das erzählerische Opus (nach Gedichten von Johann Wolfgang von Goethe), das dank seiner sensiblen Stabführung die fast unmerklichen dynamischen Steigerungen und die Transparenz des phänomenalen Klangkörpers bestens veranschaulichten.

Höhepunkt mit Schumanns Klavierkonzert in A-moll

Der erwartete Höhepunkt der Soirée folgte anschließend mit Robert Schumanns Klavierkonzert in A-moll mit der bravourösen Pianistin Hélène Grimaud, die letztes Jahr, begleitet vom „Philadelphia Orchestra“, mit dem ersten Konzert von Johannes Brahms für Begeisterungsstürme gesorgt hatte. Die weltweit gefeierte Wahlamerikanerin mit französischen Wurzeln hat im Lauf ihrer über 30-jährigen Karriere Konzerte von Bach bis Bartok eingespielt und gilt als eine der fundiertesten Spezialistinnen der Romantik.

Obschon die lyrische Substanz des Meisterwerks etwas auf der Strecke blieb, wusste Grimaud den Reichtum der Partitur durch ihre energische, bestens dosierte Akzentverteilung und die Kraftaufwendung bei den untermalenden Arpeggien fesselnd zu illustrieren. Ihre leidenschaftlichen Ausbrüche und die meisterhaften Effekte ließen, wie das meist der Fall bei großartigen Interpreten der Fall ist, nie den Eindruck von pompöser Virtuosenmusik entstehen. Beeindruckend war ebenfalls die perfekt ausgeglichene Balance des Klangvolumens zwischen Flügel und Orchester, aber die manchmal zu nüchtern wirkende Interpretation ließ eher an den Charme des Impressionismus‘ als den der Romantik erinnern.

Nach der Pause kamen wir in den Genuss eines ebenso gewaltig konstruierten Werks von Schumann, das dieser fünf Jahre nach dem Klavierkonzert fertigstellte, seine dritte Symphonie, genannt „Rheinische“.

Man kann nur vermuten welche Arbeit hinter dem mitreißenden Gelingen, dem Schaffen der ansprechenden und überzeugenden Atmosphäre des oft volkstümlich wirkenden Werks und der intensiven Wirkung der erstaunlich modern klingenden Interpretation steckt. Die liebevolle, aber strenge Art des Maestros diesem oft als langweilig und zu poetisch verschrienen Werks eine neue Dimension abzugewinnen und die farblichen Distanzierungen zwischen Streichern und Bläsern majestätisch in höchster Klangpracht erstrahlen zu lassen vermittelte permanent einen berauschenden Eindruck von der pulsierenden Lebenskraft der gegensätzlichen Charaktere der verschiedenen Themata.

Die Erwartungen waren hochgeschraubt, konnten aber durch den außerordentlichen Klangsinn des Traditionsorchesters noch übertroffen werden. Bedauerlicherweise ließen sich, trotz der begeisterten Ovationen und Hosiannarufen weder die Solistin noch der Maestro zu einer Zugabe bewegen.