LUXEMBURG
LJ MIT DPA

Fällt der Name Marc Dutroux, denkt man unweigerlich an eingesperrte, missbrauchte und ermordete Kinder. Sechs Mädchen und junge Frauen hatte der Belgier Dutroux in den 90er Jahren bei Charleroi entführt, in einem Kellerverlies in Charleroi gefoltert und vergewaltigt. Allein die Dimension dieses Kerkers löst Gänsehaut aus: 1,61 Meter hoch, 2,35 Meter lang und 99 Zentimeter breit. Vier der Mädchen starben auf grausamste Art und und Weise. Vor zwanzig Jahren, am 13. August 1996, wird der Mann verhaftet.

Belgien ist noch immer mit der Bewältigung des Falls beschäftigt Dabei ist auch das Urteil gegen Dutroux schon mehr als ein Jahrzehnt her. 2004 bekommt der heute 59-Jährige beim Prozess in Arlon eine lebenslange Freiheitsstrafe. Immer wieder versucht er, vorzeitig entlassen zu werden. Bislang vergeblich. Selbst seine Mutter spricht sich in einem Interview gegen eine vorzeitige Entlassung aus. Seine Komplizin und Ex-Frau, mit der er seit 1983 verheiratet war und drei Kinder zeugte, ist mittlerweile frei. Michelle Martins vorzeitige Entlassung 2012 hatte für große Entrüstung und Massenproteste gesorgt. Erst kam sie in einem Kloster unter, heute gewährt ein ehemaliger Richter ihr Unterschlupf.

Der Fall beschäftigt Belgien auch deshalb so sehr, weil es zahlreiche Justiz-Pannen gegeben hat. In den 1980er Jahren sitzt Dutroux schon einmal wegen Vergewaltigung von fünf Frauen im Gefängnis. Nach drei Jahren kommt er wegen guter Führung frei - dabei hatten Experten vor dem Mann gewarnt. Sie sollten Recht behalten.

Später, nach seiner Verhaftung, gelingt ihm bei einem Gerichtstermin für ein paar Stunden die Flucht. In der Verhandlung gesteht Dutroux nur, was ihm auch nachgewiesen wird. Der Journalist Piet Eekman recherchiert in der ZDF-Reportage „Die Spur der Kinderschänder“, dass mehr als zwanzig Zeugen unter mysteriösen Umständen gestorben sind. Verschwörungstheorien lassen da nicht lange auf sich warten.

Immer wieder neue Schauergeschichten

Bis heute werden immer wieder neue Schauergeschichten erzählt. Anlässlich des anstehenden Jahrestags der Festnahme führt das Magazin der belgischen Tageszeitung „Le Soir“ ein Interview mit dem ehemaligen Anwalt des Sexualstraftäters. Der Jurist will wissen: eine unterirdische Kolonie entführter Kinder - das sei die Idee von Dutroux gewesen.

In Belgien wird die Affäre zu einer der „dunklen Episoden der jüngeren Geschichte“ gezählt, wie etwa die Nachrichtenagentur Belga schreibt. Dieses „Dunkle“ reizt aber nicht nur die Medien - die belgische Auseinandersetzung findet längst auch im Serienprogramm und auf der Bühne statt.

Eine gruselige Geschichte eines Sexualstraftäters, der Nachbarn in Schrecken versetzt und Ermittler an ihre Grenzen bringt, können sich die Belgier zu Hause im Fernsehen anschauen. Die Macher der von Kritikern gelobten Serie „Ennemi public“ - Staatsfeind - des Senders RTBF haben sich von dem Fall Dutroux inspirieren lassen.

Eine ungewöhnliche Form der Auseinandersetzung, mit der er sich nicht nur Freunde machte, fand der Schweizer Theater-Regisseur Milo Rau. Er inszenierte die Geschichte von Dutroux im Mai für ein Festival in Brüssel - seine Schauspieler: bis auf einen Erwachsenen ausschließlich Kinder.

Schockwellen: Die Affäre Dutroux hat wie eine Bombe in Belgiens Polizei- und Justizsystem eingeschlagen

Luxemburg Die Akte Dutroux hat nicht nur die Öffentlichkeit weit über die Grenzen Belgiens hinaus geprägt, sondern auch das institutionelle Gefüge des Landes tief verändert.

Wie konnte es dazu kommen, dass die wegen Entführung, Freiheitsberaubung und Vergewaltigung von Minderjährigen unter 16 Jahren bereits 1989 verurteilten Marc Dutroux und Michelle Martin (13,5 Jahre Haft für den einen, fünf Jahre für den anderen), nach wieder auf freien Fuß kamen, nachdem sie nur einen Teil ihrer Strafe abgesessen hatten? Und dass Dutroux nicht wieder in Haft kam, als er sich bereits nach seiner Freilassung 1992 sofort wieder an Mädchen zu vergehen versuchte? Hätten die Opfer durch eine bessere Zusammenarbeit der Polizeibehörden schneller gefunden werden können? Wie konnte es sein, dass der Polizei von Charleroi, die den Mann beobachtete, entging, dass er Minderjährige gefangen hielt? Im Dezember 1995 gab es eine Hausdurchsuchung in Dutroux Haus in Marcinelle im Rahmen einer Affäre um einen Lastwagendiebstahl an dem der Kriminelle beteiligt war. Den Kerker, in dem Julie und Mélissa gefangen gehalten wurden, entdeckten die Polizisten nicht...

Kurz vor der Staatskrise

Die Ermittlungen und die Berichte des parlamentarischen Untersuchungsausschusses von 1997 haben eine Menge Dysfunktionen enthüllt, die den Druck für Reformen in den Apparaten von Polizei und Justiz, aber auch beim Umgang mit Sexualstraftätern drastisch erhöhten.

Am 20. Oktober 1996 waren bei der „Marche Blanche“ zum Gedenken an die Opfer der Dutroux-Bande über 300.000 Menschen dabei. Sie forderten auch grundlegende Reformen von Polizei und Justiz, in die das Vertrauen tief erschüttert ist, genauso wie in die Politik.

Als die öffentliche Meinung förmlich kochte, nach dem Fluchtversuch Dutroux‘ im April 1998, musste sie sehr schnell handeln.

Der Fluchtversuch führte sofort zum Rücktritt des Justizministers Stefaan De Clerck sowie des Innenministers Johan Vande Lanotte und des damaligen Gendarmeriechefs.

Die acht Parteien des Landes setzten sich an einen Tisch und Ende 1998 waren sie spruchreif: Die so genannten „Oktopus“-Abkommen, die zur Fusion und profunden Reorganisation von Polizei und Gendarmerie führten sowie zu einer Justizreform, die unter anderem eine föderale Staatsanwaltschaft für die großen Kriminalfälle und sowie einen obersten Justizrat, ein externes Kontrollorgan für die Gerichte und ein spezielles Gericht für die Anwendung der Haftstrafen und die Überprüfung der Freilassungen.

Jeder Polizist, jeder Richter in Belgien dürfte die Affäre Dutroux im Hinterkopf haben, wenn sie sich mit Pädophilieaffären befassen. Auch in der politischen Debatte taucht das Horror-Dossier immer wieder auf. Dieser Tage etwa sorgte der Sprecher der linken PTB für Entrüstung, in dem er in Interviews behauptete, wenn Dutroux‘ Opfer Kinder reicher Familien gewesen wären, hätte man nach ihnen gesucht...