LUXEMBURG
MARCO MENG

Der Finanzplatz London wird geschwächt - und der von Luxemburg?

Wollen britische Unternehmen, allen voran Finanzinstitute, nach dem Brexit den Zugang zum EU-Markt behalten, brauchen sie eine Niederlassung in der Union. Die große Frage für Luxemburg ist: Wie viele kommen hierhin? Und überhaupt: Welche Auswirkungen hat Großbritanniens Ausscheiden aus der EU für die luxemburgische Wirtschaft?

Obwohl die Handelskammer nicht proaktiv den direkten Kontakt zu Unternehmen sucht, die nach den Brexit-Verhandlungen einen neuen Standort suchen, „vernehmen wir allerdings reges post-Brexit Interesse am Standort Luxemburg“, sagt Handelskammer-Direktor Carlo Thelen. „Die Handelskammer bemüht sich darum, ein geschäftsfreundliches Umfeld zu sichern und Anreize zu schaffen, das Bestehende noch attraktiver zu gestalten, um den luxemburgischen Unternehmer das Leben zu vereinfachen, aber auch, um neue Aktivitäten anzuziehen - mit oder ohne Brexit“, sagt Thelen. Der Handelskammer-Direktor stellt sich allerdings auch die Frage, wie sich der Brexit auf den bilateralen Handel auswirkt. „Wird Luxemburg einen neuen Partner finden, welcher sich so für den Freihandel einsetzt wie die Briten es in der Vergangenheit gemacht haben, und wie wird die EU ihr schwächeres Gewicht in Freihandelsabkommen mit Drittländern kompensieren?“

Zweitgrößte Quelle von luxemburgischem Fondsvermögen

Anouk Agnes, stellvertretende Generaldirektorin des luxemburgischen Fondsverbands ALFI meint, der Brexit und die damit verbundene Ungewissheit zwinge britische Assetmanager wie auch außereuropäische, die bis dato Großbritannien als Europazentrale nutzten, dazu, sich nach neuen Standorten für die Zeit nach dem Brexit umzusehen. Agnes verweist darauf, dass britische Vermögensverwalter mehr als 17 Prozent des luxemburgischen Fondsvermögens verwalten. „Nach den USA kommt der zweitgrößte Anteil des luxemburgischen Fondsvermögens aus Großbritannien.“ Aus diesem Grund rechnet auch Agnes damit, dass weitere Vermögensverwalter von dort in Luxemburg eine Präsenz aufbauen. „Viele sind an Luxemburg interessiert, andere tendieren eher zu Dublin als EU-Standort. Im Moment sieht es aber so aus, als würden die meisten ihre Optionen noch miteinander vergleichen.“

Nicolas Mackel, Geschäftsführer der Agentur „Luxembourg for Finance“ zur Promotion des luxemburgischen Finanzplatzes, hat in den letzten Monaten eigenen Angaben nach mit sehr vielen Unternehmen gesprochen. Bei einer ganzen Reihe dieser Firmen sei Luxemburg eine der Haupt-Optionen. „Die meisten Unternehmen haben noch nicht entschieden, werden das wohl aber noch vor dem Sommer tun“, so Mackel. „Wir haben schon ein paar sehr gute, bedeutende Unternehmen von Luxemburg überzeugen können“, meint Mackel. Einige andere, etwa ein Dutzend, hätten sich ebenfalls schon für Luxemburg entschieden. „Deren Namen möchte ich aber nicht nennen, da sie selbst noch nicht darüber kommuniziert haben.“ Grund sei, dass diese Firmen in Luxemburg erst einmal eine Lizenz beantragten, und erst mit Erteilung der Lizenz das dann auch öffentlich bekannt geben.

Das Thema steht laut Mackel aber nicht nur bei britischen Unternehmen ganz oben auf dem Fragenkatalog. Ob Firmen in den USA, Singapur, Korea oder anderswoher - alle denken sie über ihre Nach-Brexit-Geschäftsaktivitäten nach. Eine asiatische Bank, die sich in der EU niederlassen wollte und wie selbstverständlich schon London als Europasitz wählte, stoppte die Pläne wegen Brexit. „Dann hat sich die Bank für Luxemburg entschieden“, sagt Mackel. War es bislang so, dass Firmen in London ihre Europazentrale errichteten und in anderen Städten Zweigstellen, werde sich das in Zukunft wohl umkehren.

Dass die Londoner City mittel- und längerfristig durch den Brexit geschwächt wird, steht für Mackel außer Frage. Vorerst werden aber Finanzinstitute noch zaghaft und ganz bedingt Personal in London abbauen und nach Paris, Frankfurt oder anderswohin verlagern. An tausende Jobs, die beispielsweise nach Frankfurt verlagert werden könnten, wie es manchmal heißt, daran glaubt Mackel nicht.

Wird aber statt Luxemburg nicht eher Dublin vom Brexit profitieren, das doch geografisch, kulturell und sprachlich näher an London liegt? Mackel zufolge hat Dublin den Nachteil, dass die wirtschaftliche Stabilität Irlands hinterfragt wird. Der Brexit werde nämlich nicht nur die britische, sondern auch die mit ihr eng verflochtene irische Wirtschaft schwächen.