LUXEMBURGPATRICK VERSALL

James Leader belegte mit seiner Kurzgeschichte „Rendition“ den zweiten Platz beim nationalen Literaturwettbewerb 2012

Ein Literaturwettbewerb ist für James Leader ein Ziel, das sich am Horizont auftut, auf das er hinarbeiten kann. „Du weißt, dass jemand deine vollendete Arbeit liest“. Wie oft verstauben Manuskripte, an denen Monate, wenn nicht gar Jahre geschrieben und herumgefeilt wurde, im Schrank eines Lektoren oder landen im schlimmsten Fall sogar sofort im Papierkorb eines Verlagsleiters. Seine auf Englisch verfasste Kurzgeschichte „Rendition“ wurde von der Jury des letztjährigen Concours littéraire national nicht nur gelesen, sondern mit dem zweiten Preis in der Kategorie „Erwachsene“ ausgezeichnet. „Klar hätte ich gerne gewonnen“, so der Brite, der seit dreizehn Jahren in Luxemburg lebt und als Lehrbeauftragter an der Europaschule unterrichtet.

Wendepunkt im Leben des Protagonisten

Dass er es nicht auf das oberste Treppchen gepackt hat, schmälert keinesfalls seine Freude über sein Abschneiden. „Ich bin positiv überrascht, da ich vermutet habe, die Jury würde eher den auf Deutsch oder Französisch verfassten Werken den Vorzug geben“, erklärt der Sprachwissenschaftler. Die erste Fassung der zehnseitigen Geschichte entstand vor vier Jahren, als er in Bosnien für einen Roman recherchierte und dort beim Wildwasser-Rafting auf eine Truppe sturzbetrunkener Kroaten stieß. „‚Rendition‘ liegt eine wahre Begebenheit zugrunde“, so der Familienvater.

In „Rendition“ erzählt Leader die Geschichte eines Zwölfjährigen, der im Kroatienurlaub mit seinem Vater auf eine Gruppe Einheimischer trifft, die das Familienoberhaupt zu einer Mutprobe überreden wollen. Der Vater soll sich, auf Drängen der Kroaten, todesmutig einen Wasserfall herunterstürzen. Er kneift und verpasst in den Augen seines Sohnes die einmalige Gelegenheit zu beweisen, dass er ein wahrer Mann ist. Als ein betrunkener Kroate namens „Chicken Man“ den Sprung wagt und sich dabei ernsthaft verletzt, muss der Junge binnen Sekunden Entscheidungen treffen, die sein Leben nachhaltig beeinträchtigen werden. Soll er jenem Mann das Leben retten, der seinen Vater aufs Äußerste erniedrigt hat? Er lässt ihn sterben, bestraft ihn somit für die Demütigung, die er dem Vater zugefügt hat.

Der Roman gewährt Einblicke in die Psyche des jungen Protagonisten, der binnen eines Wimpernschlags erwachsen wird. Die Entscheidung, die er als Zwölfjähriger getroffen hat, wird sein gesamtes Leben prägen. Als gnadenloser Armee-Offizier ist er als Erwachsener an Folteraktionen beteiligt. „Mit zwölf hat er aufgehört zu fühlen“, beschreibt Leader seinen Hauptprotagonisten. „Rendition“, so Leader, befasse sich auch mit der Thematik der Vater-Sohn-Beziehung.

Debütroman im vergangen Jahr

Eine literarische Auszeichnung ist keine Garantie für die Veröffentlichung des Werkes. „Das Kulturministerium hat erklärt, dass man mit einer Unterstützung für die Veröffentlichung rechnen könne.“ Über das „Wie“ hüllt sich man sich allerdings noch in Schweigen. Der gebürtige Engländer könnte sich durchaus vorstellen, das Werk auch auf eigene Faust in einem Sammelband mit sechs, sieben weiteren eigenen Kurzgeschichten zu publizieren.

Leader, der seine ersten literarischen Gehversuche auf dem Lyrikterrain unternommen hat, wechselte spät zur Prosa. Die Entscheidung, die Gattung zu wechseln, fiel an seinem 40. Geburtstag. James Leader begab sich an das Verfassen eines ersten Romans. „Ich schrieb während fünf Jahren daran, um ihn dann nicht zu veröffentlichen“, erklärt der Brite. Der Unterschied zwischen Lyrik und Prosa sei enorm; jemand, der in der Lyrik zuhause ist, bräuchte Jahre, um das Romanschreiben zu erlernen. Das Verfassen des ersten Romans stellte somit einen wichtigen Lernprozess für Reader dar. Im vergangenen Jahr ist er dann doch wieder rückfällig geworden und begann wieder zu dichten. Die Lyrik und die Prosa müssen sich Leader allerdings fortan teilen: Mit „The Mysteries of Gogos“ hatte er 2012 seinen Debütroman bei Juniper Tree Press veröffentlicht.