KEHLEN
CORDELIA CHATON

Gerry Welter leitet seit 58 Jahren die Chorale Saint-Michel – und erlebt schmerzlich die Abkehr vom Gesang

Der Karton ist so groß, dass eine dicke Torte gut hineingepasst hätte. Doch er enthält keine Leckereien, sondern Partituren. Josette Welter hat ihn gerade geöffnet und sagt zu ihrem Mann: „Gerry, das gibt’s doch nicht, die haben die falschen Noten geschickt!“ Gerry Welter verdreht die Augen. Der 78-Jährige und seine 73-jährige Frau sind ein eingespieltes Team, nicht nur wegen ihrer langen Ehe, sondern vor allem wegen der langen Leitung eines der ältesten Chöre des Landes.

Gerry Welter ist Chef der Chorale Saint-Michel, jenes 1850 gegründeten Chors, der zum Fischmarkt in der Stadt gehört wie die Kirche Saint Michel. Welter hat seit 1954 selbst mitgesungen. „Mit 19 Jahren wurde mir dann die Leitung vom Pfarrer angetragen. Der sagte: Gerry, Du bist der einzige, der eine Ausbildung am Konservatorium macht. Kannst du das Amt einige Monate vorübergehend übernehmen?“, erinnert sich Welter. Das war 1960. „Seither warte ich immer noch, wer es jetzt macht“, lacht Welter. Es klingt ein bisschen Sorge mit. Schließlich ist ihm und seiner Frau der Chor in 58 Jahren ans Herz gewachsen. Er hat ihr Leben und die Geschichte der Stadt begleitet, ist Zeuge von wichtigen Ereignissen und zeitgenössischem Musikgeschmack.

Foto: Editpress/Didier Sylvestre - Lëtzebuerger Journal
Foto: Editpress/Didier Sylvestre

Seit 1966 Teil des RTL-Orchesters

„Wir haben 18 Schränke voller Partituren“, berichtet Josette Welter, die häufig die Sätze ihres Mannes ergänzt. „Die waren vor 20 Jahren schon über eine Million alter Luxemburger Franken wert.“ Mozart ist darunter, Haydn, Beethoven, Brahms, aber auch Britten oder Gospel. „Wir waren die ersten im ganzen Land, die Gospel gesungen haben“, stellt der Chorleiter stolz fest.

Musik ist seine Welt. Gerry Welter war schon 1966 Teil des RTL-Orchesters, das dann zum Philharmonieorchester wurde und dem er als Violonist bis 2006 angehörte. Von 1967 bis 2006 unterrichtete er am Konservatorium Geige und Bratsche und war aktiv in Musikgruppen wie Art Musical, Collegium Musicum, Actar oder „Les Musiciens“. Die „Amis de L´Orgue“ hat er mitgegründet und von 1974 bis 1986 geleitet. Aber die meiste Zeit hat er mit der Chorale Saint-Michel verbracht.

„Das war normal. Meine Familie ist auf dem Fischmarkt aufgewachsen. Und da gingen wir zur Kirche. Als Scout hatte ich schon viel gesungen und Messdiener war ich auch. Als ich 13 oder 14 war, stieg ich in den Chor auf, das war damals so. Aber da waren nur alte Männer um die 50“, lächelt der bald 80-Jährige. Als er die Chorleitung übernahm, holte Gerry Welter als erstes seine Pfadfinderfreunde dazu. Damals war es noch ein reiner Männerchor. „Zur Jahrtausendfeier der Stadt haben wir dann die vierstimme Messe vom Filke gesungen. Damals waren wir alle Mitte 20 und einer nach dem anderen heiratete. Ich auch“, sagt er und wirft Josette einen Blick zu. Die lächelt und schaut schnell auf ihre Notizen. „Ich war bei den Pfadfinderinnen auf Limpertsberg und als ich dann im Chor mitsang, kamen viele dazu“, erzählt sie. So wurde die Chorale Saint-Michel ab 1967 vierstimmig.

„Es ist schwierig, die Leute für eine Sonntagsmesse zu begeistern. Wir haben ja das Problem, dass wir auf der einen Seite Kirchenchor sind, auf der anderen Seite aber auch Konzerte singen.  Diese beiden Seiten werden nicht immer so wahrgenommen“, bedauert sie. „Die Leute wollen nicht im Kirchenchor singen.“ – „Aber Konzerte mit Solisten finden sie gut“, weiß ihr Mann. „Ja, Projektgebundenes läuft gut“, bestätigt Josette.

Die Abkehr von der Kirche zeigt sich auch in St. Michel selbst. Seit 1993 gibt es dort keinen Pfarrer mehr. „Wir sind jetzt Teil einer italienischen Gemeinschaft“, stellt Gerry Welter fest, der schon vor vielen Jahren vom Fischmarkt ins Eigenheim nach Kehlen gezogen ist. Einmal monatlich singt der Chor in der Kirche. „Ansonsten gibt es drei feste Termine im Jahr“, unterstreicht der Chorleiter. Das sind das Allerseelenkonzert, das Frühlingskonzert,  ein Benefizkonzert und natürlich seit 51 Jahren die Mitternachtsmesse. Für diese Termine versucht Gerry Welter immer, etwas ganz Besonderes zu finden: Kantaten von Bach, den Messias von Händel zum 1000. Geburtstag der Kirche oder Rachmaninow, das Stabat Mater von Dvorak, das Requiem von Fauré oder das von Schumann. Als die Chorale Saint-Michel Mitte der 90er russisch-orthodoxe Musik als CD herausbringt, verkauft sie 1.700 CDs. Als Luxemburg 1995 erstmals Kulturhauptstadt Europas wird, fällt die Wahl auf die Chorale Saint-Michel für das Abschlusskonzert. Und 2005, zum Gedenktag anlässlich 60 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs, kam ein Chor aus Berlin und einer aus dem Oesling, um mit der Chorale Saint-Michel zu singen – nichts geringeres als das „War Requiem“ von Benjamin Britten. „Ich musste ein Flugzeug chartern, weil nur eine Nacht zwischen der Aufführung in Berlin und in Luxemburg lag“, verrät der Chorleiter. 

Unterstützung der Politik hat abgenommen

„Damals hatten wir noch die Unterstützung der Politik“, sinniert Gerry Welter. „Robert Krieps, der bis 1989 Kulturminister war, sagte mir bei einem zufälligen Treff auf der Straße mal: Du machst eine gute Arbeit, ich werde Dich unterstützen.“ Dann erhielt der Chor zweihunderttausend Luxemburger Franken. Die anderen Kulturminister hielten es ebenso. Bis der Regierungswechsel kam und Maggy Nagel das Amt übernahm. „Seither gibt es keinen Cent“, sagt Gerry Welter und es klingt Bitterkeit mit. „Der Höhepunkt ist überschritten. Der war zwischen 1995 und 2013. Jetzt geht es bergab.“

Die Stimmen werden älter, der Nachwuchs fehlt und das Geld auch. „Es ist fast nicht möglich, Jüngere in den Chor zu holen“, seufzt Josette Welter, die selbst vier Enkel im Alter zwischen 14 und 27 Jahren hat. Dafür sehen die Chorleiter viele Gründe. „Früher gab es auf dem Dorf nichts außer dem Gesangs- oder Sportverein. Heute nehmen die jungen Leute das Auto und fahren in die Stadt.“

Wie würden die Welters die Chorlandschaft in Luxemburg wiederbeleben? „Ich finde, ein Chor ist wie ein Start-up und muss von der Politik auch so behandelt werden“, sagt Gerry Welter. „Auch die Unterstützung durch das Kultusministerium ist da ungeheuer wichtig.“ Josette lächelt verschmitzt. „Herr Bettel ist ja sogar Ehrenmitglied bei uns“, sagt sie. Doch beide glauben nicht daran, dass das ihre auf ein Sechstel geschrumpften Subventionen hebt oder ihnen noch helfen wird. Neue Mitglieder sind meist Ausländer, die nach Luxemburg ziehen und auf die Seite chorale.lu stoßen. Doch das reicht nicht, um den Glanz alter Zeiten zu erreichen.

Wenn er es gesundheitlich schafft, will er die Chorale Saint-Michel in zwei Jahren übergeben. Dann hätte er den Chor 60 Jahre lang geleitet. Seine Ideen reichen für noch viel mehr. Wenn er von „tollen Sachen“ spricht, die er gern noch aufführen würde, strahlen beide. „Ohne Josette hätte ich das nicht geschafft“, sagt Gerry Welter. „Sie sitzt jeden Tag bis zu vier Stunden an den Vorbereitungen.“ Und er schaue sich genauso lang  Partituren an. „Der Chor ist mein Lebenswerk“, sagt Gerry Welter. Er schaut auf den Karton voller Partituren. Sie werden bald ihren Platz in einem der Schränke finden  und hoffentlich noch anderen Chormitgliedern nützen.