ANNETTE WELSCH

Eigentlich ist die Sache ganz klar. Würde man Gesundheitsministerin Lydia Mutsch die einfache Frage stellen, ob mit dem neuen Krankenhausgesetz einem Arzt eine bestimmte Prothese oder sonstiges Mittel, das er für einen Patienten seiner Ansicht nach braucht und gewählt hat, von der Direktion verweigert werden kann, so müsste sie mit einem deutlichen „Ja“ antworten - denn das ist schlicht der Fall, sollte das Gesetz so wie vorgesehen verabschiedet werden. Wenn sie denn ehrlich wäre und sich nicht hinter allerlei Floskeln verstecken würde. Vor allem nicht hinter den Behauptungen, sie würde ja gar nicht sparen wollen oder die Therapiefreiheit der Ärzte einschränken. Wie kann diese weiter gewährleistet sein, wenn beim Materialeinkauf ein Lastenheft ausgearbeitet wird, bei dem die Ärzte zwar mitwirken, aber eben nur als ein Partner unter vielen? Wenn sie bei der Behandlung nicht mehr unter dem Material aussuchen können, das auf dem Markt ist, sondern nur noch unter dem, was das Krankenhaus aufgrund von Standardkriterien eingekauft hat? Dann ist die Therapiefreiheit zwar weiterhin im Gesetzestext verankert, aber zu einer Worthülse ohne Leben verkommen. Und warum führt man solche Regeln ein, wenn nicht um wirtschaftlicher, effizienter oder wie immer man es nennen will, um das Wort sparen zu umgehen, haushalten zu können? Bei allen Beteuerungen, den Konflikt mit den Ärzten entschärfen und einiges klar stellen zu wollen, Lydia Mutsch hat am vergangenen Freitag lediglich deutlich gemacht, in ihrer Haltung keinen Deut nachzugeben. Es bleibt das sture Bestreben, Ärzten und ihrem Status im Krankenhaus einen klaren Platz zuzuweisen: Sie sind einer der vielen Akteure im Krankenhaus - vom Putzpersonal bis zum Techniker - und brauchen keinen Sonderstatus. Es bleibt auch das Bestreben, steuern, regulieren, planen und Standards einführen zu wollen. Das mag in vielen Bereichen des Lebens Sinn machen, aber nicht, wenn man am Menschen arbeitet. Muss man wirklich daran erinnern, dass nicht jeder Mensch anatomisch gleich ist, dass er bekannte oder unbekannte Allergien und Materialunverträglichkeiten haben kann, dass es zu unvorhersehbaren Komplikationen kommen kann, dass er viel Gesprächsbedarf haben kann oder weniger, dass er labil sein kann, dass bei ihm verschiedene Pathologien zusammenkommen können, dass er sozial gut oder wenig eingebettet sein kann? Individuellen Bedürfnissen lassen sich in einem durchregulierten und standardisierten System kaum Rechnung tragen - der Patient wird vom Subjekt zum Behandlungsobjekt. Wollen wir das?

Bei den Ärzten entlädt sich derzeit die Wut, in den letzten Jahrzehnten zunehmend als Störenfried und Kostenfaktor in den Krankenhäusern angesehen und behandelt zu werden. Die Gesundheitsministerin unterschätzt, wie viele von ihnen sich gerne aus den Krankenhäusern zurückziehen würden. Wo meint sie denn, in Zukunft noch junge Ärzte zu finden, die sich unter den Bedingungen dieses neuen Krankenhausgesetzes in Luxemburg als Freiberufler niederlassen werden? Wäre sie konsequent mit ihrem Krankenhausgesetz, müsste sie das System auf angestellte Krankenhausärzte umstellen. Das würde dann aber richtig Geld kosten.