LUXEMBURGCLAUDE KARGER

Der Kommandant des ersten luxemburgischen Kontingents im Koreakrieg erinnert sich

Es ist stockdunkel in der Nacht vom 12. auf den 13. April 1951, als eine acht Mann starke luxemburgische Patrouille die Gegend nördlich der Stellung der britischen Gloucester-Brigade am Imjin-Fluss nördlich von Seoul absucht. Artilleriefeuer ist zu hören, die Kanonen der US-Armee lärmen, um das Vorrücken der Aufklärer zu decken, die herausfinden sollen, wo die chinesischen Kräfte Position bezogen haben.

„Action d‘éclat“ am Imjin-Fluss

Luftaufnahmen hatten Schützengräben in der Gegend gezeigt. Wo genau sie sich allerdings befinden, ist nicht gesichert. Frühere Patrouillen hatten sie jedenfalls nicht gefunden. Die Luxemburger erkunden eins der Täler in dieser bergigen Gegend genauer.

Sie steigen einen Hang hoch. Plötzlich: Rufe. Dann: Schüsse. „Danach flogen Handgranaten“, erzählt Joseph Wagener, der Kommandant des ersten luxemburgischen Detachements im Koreakrieg. „Wir mussten bis 15, 20 Meter an die Schützengräben der Chinesen herangekommen sein“, erinnert sich der heute 91-Jährige, „dann machten wir uns schnell aus dem Staub, wir wussten ja nicht, wie vielen Gegnern wir da gegenüber standen“. Die Luxemburger haben Glück.

Außer einigen gebrochenen Rippen, die sich ein Soldat bei einem Sturz einfing, gibt es keine Verletzungen. Und die Chinesen stellen ihnen nicht nach. Zurück an der Kommunikationslinie meldet Leutnant Wagener die Position der chinesischen Stellung an die Kommandozentrale unter britischer Führung. Für diese Aktion erhielt er später den amerikanischen „Bronze Star“ mit dem Buchstaben „V“ für „Valor“ - Tapferkeit.

Zum Zeitpunkt der Operation am Imjin River war das luxemburgische Kontingent knapp zweieinhalb Monate in Korea. Ende Januar waren die 43 Soldaten nach intensivem Drill in Belgien und anschließend sechs Wochen Schiffsreise zusammen mit knapp 600 belgischen Kräften in Pusan gelandet.

Die nordkoreanischen Kräfte waren damals längst aus dem südlichen Teil der Halbinsel verdrängt worden und China hatte seine Truppen in den Krieg geworfen, um die UN-Kräfte, allen voran die USA, zurückzudrängen. Das „Belgian United Nations Command“ (BUNC), zu dem auch die Luxemburger gehörten und das mit südkoreanischen Kräften verstärkt wurde, wurde in Korea der 3. US-Infanteriedivision unterstellt, bei der es die meiste Zeit auch blieb.

„Erst einmal schauen, was das für ein Land war“

Es waren 126 Freiwillige, die Mitte 1950 dem Appell der luxemburgischen Regierung für die Teilnahme an der UN-Mission in Korea folgten. Joseph Wagener, eben erst zum Offizier im französischen St Cyr ausgebildet, zögerte nicht lange. Ihn habe gereizt, im Rahmen einer UN-Operation Erfahrungen für seine berufliche Karriere zu sammeln. „Meiner Familie hatte ich nichts gesagt“, lacht er, „die hätte wahrscheinlich auf mich eingeredet, es besser bleiben zu lassen“. „Wir mussten erst einmal schauen, was das für ein Land war“, erinnert er sich an den Moment, als er in St Cyr vom nordkoreanischen Angriff auf Südkorea im Juni 1950 erfuhr. Heute kennt er es fast auswendig.

Nach der Rückkehr aus Korea - das erste Luxemburger Kontingent blieb bis zum 30. September 1951 - ist er bereits zehnmal zurückgefahren, das letzte Mal 2013.

Zwei Luxemburger starben in Korea

„Als Veteran wird man dort wie ein Held empfangen“, sagt Wagener. In Dongducheon steht ein Monument zu Ehren der belgischen und luxemburgischen Kräfte im Koreakrieg, das den 97 Toten, fünf Vermissten und 350 Verwundeten aus dem BUNC gedenkt. Im August und September 1952 fielen zwei Mitglieder des zweiten luxemburgischen Kontingents, das von Leutnant Rudy Lutty befehligt wurde und bis Anfang 1953 diente. Insgesamt wurden 17 luxemburgische Soldaten im Koreakrieg verletzt.

Dass unter seinem Kommando niemand ernsthaft zu Schaden kam, habe auch mit einem Quäntchen Glück zu tun, ist Robert Wagener überzeugt. Ein paar Tage nach der eingangs beschriebenen Patrouille brach nämlich am Imjin-Fluss die Hölle los: Am 22. April 1951 starteten die Chinesen nämlich eine Offensive, um Seoul einzunehmen. „Ich hatte damals Ruheurlaub in Japan“, erinnert sich Robert Wagener. Ein Umstand, der verhinderte, dass das luxemburgische Peloton ganz vorne an der Front zum Einsatz kam.

Hohe Verluste bei den Chinesen

„Fast wären wir da mitten drin gewesen“, sagt Jos Wagener, „da wurde wirklich mit Bajonett am Lauf gekämpft, es gab erhebliche Verluste“. Allerdings nahmen luxemburgische Soldaten an der Wiedereroberung einer Stellung teil. Hohe Verluste gab es angesichts der Überlegenheit der alliierten Artillerie und Luftwaffe vor allem bei den chinesischen Verbänden. Jos Wagener erzählt von vielen Leichen, die oft nur von einer dünnen Schlammschicht bedeckt waren oder die tagelang auf den Flüssen trieben.

Leidgeprüfte Bevölkerung

In verschiedenen Dörfern sei durch die Kampfhandlungen kein Stein mehr auf dem anderen geblieben. Die Zivilbevölkerung hat sehr gelitten. „Es waren arme kleine Leute, die bereits unter der Besatzung durch Japan sehr viel mitgemacht hatten“, erklärt Wagener, dessen Einheit auch eine Reihe von chinesischen Gefangenen machte. Deren Ausrüstung sei spärlich gewesen, erinnert sich der ehemalige Soldat. Neben der Waffe hätten die meisten eine gesteppte Jacke gehabt, eine Decke, ein wenig Geschirr und einen Stoffbeutel mit Reismehl. „Die waren viel mobiler als wir“, sagt Wagener, „wir hatten viel zu schleppen und mussten fast jeden zweiten Tag versorgt werden“. Für viele Gefangene war der Krieg auch nach dem Waffenstillstand von 1953 längst nicht vorbei. Viele wollten nicht zurück nach China, aus Angst vor Repressalien.

Einsatz für Völkerverständigung und Erinnerung

Für Joseph Wagener begann nach seiner Rückkehr nach Luxemburg indes ein neuer Lebensabschnitt. „Ich hatte einen Monat Urlaub und dann ging‘s weiter“, erinnert er sich. Leutnant „Tunn“ - so sein Spitzname - kommandierte verschiedene Armee-Infrastrukturen und -Einheiten, gründete eine Familie, avancierte zum Colonel. Er befehligte die „Garde grand-ducale“ bis zu ihrer Auflösung 1966. Seine Berufskarriere schloss er als Verbindungsoffizier bei der NATO in Brüssel ab.

Bis heute setzt er sich tatkräftig für die Verständigung zwischen Luxemburg und Südkorea und für die Erinnerung an den Koreakrieg ein.