PATRICK WELTER

Kundus ist gefallen. Fast wäre die Meldung unter „Vermischtes“ gerutscht. Kundus ist verdammt weit weg und mittlerweile kennen wir uns besser mit Kobane, Aleppo und Damaskus aus. Der eine Krieg überdeckt den anderen. Falls Sie sich nicht mehr erinnern - Kundus liegt in Afghanistan. In der Provinzstadt saßen mehr als ein Jahrzehnt lang ISAF-Soldaten der deutschen Bundeswehr und haben einen Weg zwischen Charmeoffensive gegenüber der Bevölkerung und offenem Kampf mit den Taliban finden müssen. Es hat Jahre gedauert bis der Politik in Europa zwei ehrliche Worte über die Lippen gekommen sind: „Krieg“ und „Gefallene“. Etliche bei der Bundeswehr, viele bei Briten und den USA. Zum großen Glück keine unter den luxemburgischen Soldaten.

Hat der Westen 14 Jahre Krieg am Hindukusch geführt, um am Ende genauso da zu stehen, wie die Briten im 19. Jahrhundert und die Russen Ende der 1980er Jahre? Mit leeren Händen?

Der Gedanke „Nur noch raus aus Afghanistan“ beherrscht die politische Führung in den Nato-Staaten schon länger. Sollen die Afghanen ihren Kram doch alleine erledigen. Es gibt noch ein bisschen Ausbildung, dazu einen Haufen Geld und dann weg mit Schaden. Schließlich gibt es ja eine halbwegs demokratisch gewählte Regierung in Kabul. Wir packen ein und gehen heim.

Schön wär’s. Denn „Heim gehen“ ist nicht. Ohne Nato-Truppen an seiner Seite ist der gewählte Präsident des Landes faktisch nur noch Oberbürgermeister von Kabul.

Außerdem sollte der Abnutzungseffekt des Kriegs am Hindukusch nicht vergessen werden. „What happend in Afghanistan, stays in Afghanistan“. Zu Deutsch: Solange wir hier kämpfen, müssen die ultrareligiösen Saudis und Kataris ihre Glaubensbrüder hier finanzieren und können keinen zweiten Mohammed Atta bezahlen. Angesichts der Geldmittel, über die der IS verfügt, müssen die Kassen der reichen Gönner aber immer noch gut gefüllt sein.

Der Afghanistan-Krieg und Bush’s Irak-Krieg unterscheiden sich in einem Punkt diametral. Der eine war begründet und von der Weltgemeinschaft gedeckt und mitgetragen. Der andere, der im Irak, war der paranoide Rachefeldzug eines US-Präsidenten. Aber der Irak zeigt, was ein überstürzter Abzug nach angeblich erfüllter Mission und ein paar hunderttausend Toten hinterlassen kann: Mindestens ein Machtvakuum, wenn nicht einen zerfallenden Staat - wie im Irak geschehen. Ein bisschen Land hält die Zentralregierung, die Kurdenregion ist faktisch unabhängig und der IS kontrolliert den großen Rest.

Ist der IS nicht die größere Bedrohung und sollten sich die militärischen Kräfte nicht auf dessen Bekämpfung konzentrieren? Auch wenn die Taliban im Vergleich mit dem Blut saufenden IS nur noch halb so furchtbar wirken, wäre es in Afghanistan nach ihrem möglichen Sieg vorbei mit den Rechten einzelner, insbesondere den Rechten der Frauen. Taliban zünden besonders gerne Mädchenschulen an.

Die Folge? Hunderttausende Afghanen würden sich auf den Weg nach Westen machen.