Als Gian Maria Tore sich in der Cinemathek seiner Heimatstadt Bologna David Lynchs „Lost Highway“ anschaute, hielt sich die Begeisterung beim Filmwissenschaftler, der heute an der Universität Luxemburg lehrt, eher in Grenzen. Die Neunziger wurden durch so genannte Kultfilme wie unter anderem „Lost Highway“, „The Crow“ von Alex Proyas oder David Finchers „Fight Club“ geprägt.
Er habe den Begriff „Kultfilm“ damals nicht gemocht, erinnert sich der Forscher, der durch die „Twin Peaks“-Serie auf den US-amerikanischen Regisseur gestoßen war. Diese durfte sich der junge Tore auf Anweisung seiner Eltern jedoch nicht anschauen, da die Serie auf dem Fernsehsender des italienischen Unternehmers Silvio Berlusconi lief.
Alles, was er damals von „Twin Peaks“ gesehen habe, seien die Trailer gewesen. Nach „Lost Highway“ arbeitete sich der heutige Dozent in das Werk des Regisseurs ein, schaute sich die Filme an, um den eigenen filmischen Horizont zu erweitern und fand Gefallen an Lynchs frühen Werken wie „Eraserhead“, „Elephant Man“ oder „Blue Velvet“. Bei „Eraserhead“ habe ihn das Experimentelle und Unwahrscheinliche fasziniert.
Zum richtigen Lynchfan wurde der Wissenschaftler durch „Mulholland Drive“, mit dem er sich allerdings nicht sofort anfreunden konnte, als er in die Kinos kam. Tore begann, sich dem Werke Lynchs anders zu nähern, erweckte eine Faszination für Lynchs unterschiedliche Erzählformen.
Ein Lynch-Werk bestünde streng genommen aus mehreren Filmen, die untereinander verbunden seien, erklärt der Dozent und weist darauf hin, dass Lynchs Protagonisten selber ihren eigenen Film realisieren, eine Art zweites Leben inszenieren müssten, um ihr wahres Leben verstehen zu können.
Ein Schlüssel zu Lynchs Werke bilde unter anderem die Erkenntnis, dass eine einzige Welt nicht ausreiche, erklärt Tore.
Wegbereiter für andere Regisseure
Um diese unterschiedlichen Welten darzustellen, bedarf er mehrerer Erzählebenen, zwischen denen die Protagonisten hin und her springen. Ob der Protagonist sich auf der einen oder anderen Ebene aufhalte, oder vielleicht sogar dazwischen stehe, müsse der Zuschauer herausfinden, erklärt Tore und ergänzt, dass es in den Lynch-Filmen stets irrationale Elemente gäbe -“Löcher im Drehbuch“, wie der Filmewissenschaftler es formuliert.
David Lynch hat mit seinen Filmen eine ganze Reihe Filmemacher inspiriert, Streifen wie „Lost Highway“ hätten wegen ihrer sehr komplexen Narration Regisseuren wie David Fincher oder Christopher Nolan den Weg geebnet, um Filme wie „Fight Club“ oder „Inception“ zu drehen, unterstreicht Tore.



