WUPPERTAL/LUXEMBURG
CHRISTOPH DRIESSEN (DPA)/SIM

Der weltbekannte Bildhauer Tony Cragg wird 70

Die meistgestellte Frage an den Bildhauer Tony Cragg lautet, mit welchem Material er denn am liebsten arbeite. Holz? Ton? Bronze? Mitunter kommt dann die überraschende Antwort: „Mit Hirnmasse.“ Denn sein wichtigstes Material sei das menschliche Vorstellungsvermögen. Es gehe ihm um die Idee, nicht um das Material, in dem sie ausgeführt werde. Schließlich sei er kein Kunsthandwerker, sondern Künstler.

Dass Holz, beziehungsweise Bäume aber nicht wirklich sein bevorzugtes Material sind, unterstrich Cragg derweil im Februar 2017 im Mudam, wo ihm eine große Einzelausstellung gewidmet wurde. „Ich hasse es, mit Bäumen zu arbeiten, das wäre, als würde man mit einem toten Körper arbeiten. Meistens benutze ich Material, das vom Menschen selbst hergestellt wurde, zum Beispiel Bronze, weil es ein künstliches Material ist, oder Glas. Auch Plastik ist ein fantastisches Material“, sagte er damals während der Presseführung. Seine Skulpturen wurden immer komplexer, je mehr er sich mit dem Material und seiner Energie sowie der inneren Dynamik eines Werks befasste. Cragg selbst beschrieb sich übrigens als „richtiger Hardcore-Materialist“, jedoch schmeiße er nicht einfach mit Material umher und überlasse alles dem Zufall. „Ich habe immer eine Idee einer inneren Struktur. Davon ausgehend, beziehungsweise darauf ausbauend entwickle ich die äußere Haut, bis die Arbeit als Ganzes eine emotionale Qualität annimmt. Figuren zu kopieren, hat mich nie gereizt“, beschrieb der Bildhauer.

Bis nach ganz oben geschafft

Am heutigen Dienstag (9. April) wird Cragg 70 Jahre alt. Der gebürtige Liverpooler hat es nach ganz oben geschafft, das Ranking „Kunstkompass“ sieht ihn auf Platz acht der weltweit einflussreichsten Künstler. Er war Documenta-Teilnehmer und Direktor der Kunstakademie Düsseldorf. Er ist Turner-Preisträger und „Commander of the British Empire“. Man hat ihn schon zu Lebzeiten auf einen Sockel gehoben. Aber was für ein Mensch ist er eigentlich?

„Sie erleben mich: ein etwas nervöser Typ, sich selbst widersprechend. Es ist eine innere Unruhe, die mir eigen ist.“ So beschreibt er sich selbst im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Außerdem sei er „weichherzig“ - er könne schlecht Nein sagen. Englische Höflichkeit. Obwohl er seit 1977 in der alten Industriestadt Wuppertal in Nordrhein-Westfalen lebt, ist er immer noch Engländer. Er spricht Deutsch mit kleinen Fehlern und ziemlich starkem Akzent. „Meine Träume sind in schlechtem Deutsch“, gesteht er.

Als kleiner Junge war er fasziniert von Fossilien, die er in England mit seinem jüngeren Bruder selbst aus dem Kies ausgrub. „Wir haben ein Hobby draus gemacht, sind mit den Fahrrädern los und haben Fossilien gesucht.“ Es waren die ersten Formen, die ihn faszinierten. Heute erinnern seine Skulpturen oft an Knollen, Schneckenhäuser oder Amöben.

In den 1970er Jahren studierte Cragg in London. England kämpfte damals mit großen wirtschaftlichen Problemen. „Die Lichter gingen aus, da war kein Strom, da war kein Gas“, erinnert er sich. „Rezession, Zahlungsdefizit, Verlust der Kolonien - das waren richtig miese Zeiten.“ 1976 nahm er einen Lehrauftrag in Frankreich an. Seitdem hat er seinen Wohnsitz immer auf dem Kontinent gehabt. Cragg unterscheidet sich von vielen anderen Künstlern dadurch, dass er eloquent über seine Kunst sprechen kann, davon konnte sich auch die luxemburgische Presse vor gut zwei Jahren überzeugen. Vielleicht liegt es daran, dass er fast ein Vierteljahrhundert lang an der Kunstakademie Düsseldorf gelehrt hat.

Völlig neue Formen schaffen

Viele seiner Skulpturen wirken merkwürdig verdreht oder wie von einem gigantischen Luftzug verzerrt. Gefrorenes Wasser, erkaltete Lava. Mancher Betrachter mag darin Gesichter erkennen, doch dies ist dann eher der Fantasie zuzuschreiben - im Grunde ähneln die Arbeiten keiner bekannten Struktur. Genau das ist die Absicht: Cragg geht es darum, völlig neue Formen zu schaffen, denn die alltägliche Umwelt ist für ihn eine Wiederholung des immer Gleichen.

Der Mensch ist in seinen Augen unaufhörlich dabei, die Welt zu banalisieren. „Wir machen aus dem Wald eine Wiese und ein paar Jahre später vielleicht einen Parkplatz. Nur die Bildhauerei stellt sich dem entgegen.“

In Wuppertal - ausgerechnet in Wuppertal - hat sich Cragg sein persönliches Paradies geschaffen: den Skulpturenpark Waldfrieden. Eine Straße führt in Serpentinen wie im Gebirge zu dem Zaubergarten hinauf. Cragg hatte 2006 die einstige Villa eines Lackfabrikanten erworben, eine geschwungene anthroposophische Kreation ohne Ecken und Kanten, mit großen Fenstern und fließenden Formen in die Hügellandschaft übergehend.

50 verschiedene Baumarten finden sich hier, sogar ein chinesischer Lebkuchenbaum, dessen Blätter im Herbst tatsächlich nach Lebkuchen riechen. Auf dem ehemaligen Swimmingpool hat Cragg einen gläsernen Ausstellungspavillon errichtet. Dazu kommen die Freiluftskulpturen. Man kann sogar Rehe zwischen den Bäumen vorbeihuschen sehen. „Auf einem Quadratmeter Wald finden sich mehr Formen als in der ganzen Stadt“, sagt er. Es ist dieser Dialog von Kunst und Natur, den er als sein Lebenswerk betrachtet.