LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Heute ist Prof. Rudi Balling Stargast bei der Deutsch-Luxemburgischen Wirtschaftskonferenz -Wir stellen den international renommierten Mann vor

In Rudi Balling‘s Büro hängt eine riesige Karte. Auf rund zwei mal zwei Metern sind alle möglichen Verbindungen und Abläufe im menschlichen Körper dargestellt. „Wir arbeiten hier im Team“, sagt Balling, „wir sind international auf Fehlersuche. Die globalisierte Teamarbeit nennt sich Crowdsourcing.“

Der Leiter des Luxembourg Centre for Systems Biomedicine (LCSB) ist guter Laune und nippt an seinem Cappuccino. „Wir“, das sind neben der Koryphäe der deutschen Forschung auch seine mittlerweile 192 Mitarbeiter. Darunter befinden sich Mediziner, Informatiker und Biologen. „Wir haben auch einen Mitarbeiter, der in Journalismus und Biologie ausgebildet ist“, berichtet Balling. „Journalisten sind wichtig für uns.“

Tatsächlich steht der Spezialist für so unterschiedliche Themen wie Infektionen, Biotechnologie, Genetik, Immunbiologie und Entwicklungsbiologie vor einer Aufgabe, die nicht ganz einfach ist: Als er 2009 anfing, sollt er Luxemburg international bekannt machen. „Jetzt sind wir global auf der Karte, wir veröffentlichen regelmäßig in ´Nature´“, sagt Balling zufrieden.

Er weiß, dass er noch mehr soll. Arbeitsplätze schaffen, die Forschung vorantreiben, etwas Neues finden. Dazu muss man schnell und bekannt sein. Balling ist sehr renommiert. 150 seiner Arbeiten sind im Citation Index gelistet und wurden über 12.000 Mal zitiert. Sein Hirsch-Index - in der Wissenschaft ein Maß für die Bekanntheit eines Wissenschaftlers und seiner Arbeiten - liegt bei 58. Ab einem Wert von 45 ist man für die US-Akademie der Wissenschaften zugelassen.

Ursprung in der Eifel

Angesichts der internationalen Konkurrenz ist Forscher sein kein Job für Langschläfer. Balling steht meist gegen vier oder fünf Uhr auf. „Dann lese ich Mails und rund eine Stunde lang Nature Science“, verrät er. Um 6.30 Uhr gibt es Frühstück: Müsli mit viel Haferflocken.

Das liegt nicht nur daran, dass Balling Ernährungswissenschaften studiert hat. Es hat viel mit seiner Mutter zu tun. „Bei uns gab es jeden Tag Haferflocken zum Frühstück.“

Balling stammt aus einem kleinen Dorf in der Eifel. Er ist das zweite von sechs Geschwistern. „Und der Kleinste“, grinst er. Klein-Rudi wuchs auf dem Dorf auf, mit zwei Kühen und drei Schweinen, Büttenreden und bodenständigen Eltern. „Mein Vater war Maurer und meine Mutter Kindergärtnerin“, erzählt er. Im katholischen Dorfmilieu gingen eigentlich nur die Kinder des Lehrers und des Arztes zum Gymnasium; das war Ende der fünfziger Jahre herrschende Moral. Aber Rudis Vater war stolz und unterstütze seinen klugen Sohn, der auf das Gymnasium nach Daun kam. Und während seine Geschwister Werkzeugmacher, Automechaniker oder Heizungsbauer wurden, studierte Rudi in Bonn Mitte der 70er Jahre Ernährungswissenschaften. Zum Studium gehörten Chemie, Biologie und Biochemie - sowie sehr viele Kommilitoninnen.

Der junge Mann war etwas verloren. „Damals habe ich aber einen tollen Berater getroffen. Der sagte im vierten Semester: „Zieh‘ das mit einer Top-Note durch und promoviere.“ Balling setzte den Rat um und kam als Fulbright-Stipendiat an die Washington State University in Pullman, USA. Schnell überflügelte er seine Kommilitonen. „Aber es war ein ganz anders Studium, ohne Teamarbeit und Empathie“, meint er rückblickend. „Allein um ins Labor zu kommen, musste man ein Mini-Quiz bestehen. Sonst ging die Tür nicht auf.“

Photosynthese als Spektakel

Balling kehrte nach Deutschland zurück und promovierte in Aachen an der RWTH. Begleitet wurde er schon damals von seiner Frau. „Die kommt aus dem Nachbardorf“, schmunzelt Balling. Seine Kinder - heute 23 und 27 - machten einige Umzüge mit. In den 80er Jahren forschte Balling in Toronto zur Entwicklungsbiologie und Imprintingmechanismen. Dann wechselte er zum Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie nach Göttingen und beschäftige sich mit Morphogenese, bevor er 1991 als Leiter einer Arbeitsgruppe zum Max-Planck-Institut für Immunbiologie nach Freiburg wechselte. Der Forscher arbeitete sich immer wieder in die neuen Themen ein. „Ich habe mir gesagt: Die kochen doch alle nur mit Wasser. Das ist so etwas wie mein Motto“, lächelt er.

Das andere Geheimnis seines Erfolgs liegt in viel Arbeit und der richtigen Vermittlung. „Jede Vorlesung muss amüsieren. Sonst kommt das Gesagte nicht an“, ist er sich sicher. Heute beschäftigt ihn der Datenschutz. Für ihn ist ganz klar: „Das Buch 1984 ist längst Realität. In der Wissenschaft rutschen wir in ein IT-Zeitalter der Medizin.“ Fragen wie die, was jetzt genetisch bedingt ist und was sich auf die Umwelt zurückführen lässt, interessieren ihn brennend. „Das Systemverhalten wird erst in den vergangenen zehn Jahren realisiert.“

Balling machte Karriere in Deutschland, zuletzt leitete er als wissenschaftlicher Geschäftsführer das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig und lehrte an der TU Braunschweig. Derzeit beschäftigt er sich mit Parkinson und Alzheimer. „Wir wollen wissen, wen trifft es und warum, wie sieht es aus mit speziellen Medikamenten?“ So gäbe es nur ein Medikament für Parkinson, aber die Unterschiede bei der Entwicklung der Krankheit seien sehr groß. Und dann sind da noch die Schalthebel. Er hat sie auf dem großen Plakat an der Wand eingezeichnet. Ein Computermodell gibt es natürlich auch. „Wir haben das ins Web gestellt. Hinter jeder Verbindung steht eine Datenbank.“ Ballings Augen leuchten.

Was hat er noch vor? „Zur klinischen Entscheidung beitragen. Das Institut weiterentwickeln. - Und dass unsere Karte ein Standard wird.“