NIC. DICKEN

Es war schon ein seltsames und eher ungewohntes Bild, das sich uns vor einigen Tagen beim Verlassen einer dreistündigen Konferenztagung am späten Abend mitten in Hesperingen bot: Da saß dort, auf einer Betonplatte direkt vor der knapp zehn Meter hohen Gebäudemauer des Konferenzgebäudes, eine Erdkröte und blickte an der Plattenwand hoch. Im Vorbeigehen bemerkte jemand im Spaß: Die kommt wohl zurück zu der Stätte, wo ihre Vorfahren noch vor einigen Jahrzehnten ihren Wohnsitz hatten.

Wahrscheinlich hatte der Mann Recht, denn in der Tat war der mittlerweile voll verbaute Randbereich der Alzette in Hesperingen noch ein Überschwemmungsgebiet, das einige Male im Jahr geflutet wurde und deshalb ein denkbar günstiges Ambiente für Amphibien bot. Mittlerweile ist der naturnahe Uferbereich der Alzette, nicht nur in Hesperingen, der Nutzung als Park- und Promenadenflächen gewichen. Für die traditionellen Anwohner dieser mittlerweile in städtische Wohn- und Gewerbezonen umgewandelte Grundstücke blieb kein Platz mehr. Die großzügigen Überschwemmungszonen von Flüssen wurden, wiederum nicht nur an der Alzette, in den letzten Jahren durch Erhöhung der Fließgeschwindigkeit der Gewässer überflüssig gemacht, was de facto lediglich eine Verlagerung des Problems mit sich brachte, weil sich Fließgewässer eben nicht gerne Vorschriften machen und sich in urbanistische Gestaltung einzwängen lassen.

Allerdings funktionieren derartige Verstöße an so genannten natürlichen Lebensräumen offenbar nur in städtischen oder doch sehr stadtnahen Gebieten, während sich Projektplaner in eher ländlichen Regionen sehr strikte und oftmals überzogene Vorschriften gefallen lassen müssen, wenn sie neuen Wohn- oder Gewerberaum im Innern oder an der Peripherie von gewachsenen Ortschaften verwirklichen wollen. Entwicklungswillige und -fähige Kommunen im so genannten ländlichen Raum stoßen sehr schnell an die Toleranzgrenzen der Naturverwaltung, wenn sie auch nur über die Erweiterung ihrer Bauperimeter nachdenken.

Völlig außer acht gelassen wird dabei, dass sich die Gemeindeverantwortlichen in aller Regel vor Ort mit den lokalen Gegebenheiten, gerade auch mit den natürlichen, besser auskennen als die Vertreter von Genehmigungsbehörden, deren Vorgehensweise oft genug in erster Linie durch landesplanerische Vorstellungen der Regierungsbehörden bestimmt wird. Die um Gestaltung ihrer Ortschaften bemühten Gemeindeverantwortlichen in weiter entlegenen Landgemeinden werden so oft genug zu Statisten degradiert, deren vermeintliche Frösche bei diesem oder jenem Rinnsal wertvoller zu sein scheinen als die ehemals real existierenden in Flutungsgebieten im so genannten Speckgürtel der Hauptstadt. So, als müssten nun die kleinen Gemeinden büßen für das, was in vergangenen Jahrzehnten im Übermaß an anderen Stellen, bewusst oder unbewusst, an Verschwendung betrieben wurde.

Augenmaß und Verständnis, wie sie auf dem Land noch eher anzutreffen sind, sollten hier nicht gänzlich versagt werden.