Liebe Fußballfreunde,
Alea iacta est, wenn auch erst spät. Und wieder war es ein Glücksgriff des Trainers, den Spieler einzuwechseln, der im Nachhinein das entscheidende Tor erzielt. Der Fuß Götzes wird die Hand Gottes zumindest für eine Zeit lang in Vergessenheit geraten lassen. Der Jungstar, der letztes Jahr mit seinem Wechsel vom BVB an die Isar für mächtig Gesprächsstoff sorgte, ist nun auf einer Stufe mit Helmut Rahn, Gerd Müller und Andy Brehme. „Geh raus und zeig, dass du besser bist als Messi“, gab Jogi Löw seinem Schützling mit auf den Weg. Götze kam, stoppte, vollendete volley und versetzte 80 Millionen plus x in pure Ekstase.
Der Star ist die Mannschaft
Besser als Messi? Über Superlativen kann man streiten, und auch manch einer hatte wohl größere Augen als Mesut Özil, als die Bekanntgabe des „besten Spielers“ des Turniers die Runde machte. Dabei ist es, getreu dem Ausschlussverfahren, die logische Konsequenz, dass der kleine Argentinier gewählt wurde. Einer, der nicht mindestens bis in Halbfinale kommt, hat bei dieser Wahl schon mal überhaupt nichts zu suchen, sonst hätte der Kolumbianer James Rodriguez wohl die Trophäe erhalten. Doch hätte denn irgendein bestimmter Deutscher die Wahl verdient gehabt? Deutschland wurde Weltmeister, weil das Team der beste Spieler war. Argentinien hat einen Messi, Holland einen Robben, Brasilien einen Neymar. Und Deutschland hat eine Mannschaft. Deshalb sind sie ein verdienter und würdiger Weltmeister. Sie hatten den homogensten Kader, den besten Torwart bzw. Libero, die effektivste Pressingmaschine, das sicherste Passspiel sowie mit Müller und Schürrle zwei unberechenbare Offensivkünstler, die das Spiel aus dem Nichts entscheiden können. Und natürlich Klose, der ewige Miro, der den WM-Torrekord vor den Augen Ronaldos knacken konnte. Das kommt davon, wenn man seinem Kontrahenten vorher eine Verletzung wünscht, um den Rekord zu behalten, werter Luís Nazário de Lima.
Balsam für die Seele
Rekord futsch und die Seleção am Boden. Was für eine Erniedrigung, diese 7:1-Demonstration der deutschen Urgewalt, quasi eine Live-Vergewaltigung im öffentlichen Fernsehen. Es war seit langer Zeit wieder das erste Mal, dass ich einer gewissen Empathie verfallen war, in Kombination mit Mitleid und Demut. Nicht den Spielern gegenüber, sondern dem brasilianischen Volk. Die leeren Blicke der tränenden Kinderaugen auf den Rängen des Estádio Mineirão in Belo Horizonte … ach ich hör auf. Ich möchte nicht wieder auf die sozialen und finanziellen Missstände, die in Brasilien herrschen, aufmerksam machen. Ich denke, wir haben genug gehört und gesehen, um zu wissen, dass es an Infrastruktur, Bildung und sonstigen, für uns Europäer, Banalitäten, mangelt. Vielmehr möchte ich hervorheben, dass es schön zu sehen war, dass der Fußball als Hoffnungsschimmer für ein ganzes Land gilt und der Sport den Menschen dort etwas zurückzahlen kann, was die Regierung verpasst hat, nämlich ein Gefühl von Zusammenhalt und Nationalstolz.
Von A bis Z
Mein generelles Feedback zur WM? Es war ein Turnier, bei dem alles geboten und genug Stoff für Polemik produziert wurde. Underdogs, Fehlentscheidungen, Schwalben, Beißattacken, Freudentränen, Trauertränen, Zaubertore, Dschungelschlachten, Glanzparaden. Es war ein Turnier der Torhüter, der Joker, der Trainerentscheidungen, aber auch ein Turnier der Fans und der Flitzer. Sie wundern sich jetzt vielleicht warum ich gerade die Flitzer erwähne: Die FIFA, zuständig für die Regierechte, verstand es vorzüglich, die „negativen“ Facetten des Fußballs auszublenden. Zensur auf höchstem Niveau, wobei ehrlich doch eigentlich am Längsten währt.
Vielen Dank für das Leseinteresse,
Euer Gilles



