ADDIS ABEBA
CORDELIA CHATON

M-Birr in Äthiopien ermöglicht Bezahldienste sogar für Menschen, die nicht lesen und schreiben können - mit Luxemburger Geldern

Wenn eine Witwe in Äthiopien Sozialhilfe erhält, obwohl sie weder lesen noch schreiben kann und die nächste Bank weit weg ist, dann hat das etwas mit moderner Technologie zu tun - und mit Luxemburg. Denn das Land beteiligte sich an einem der erfolgreichsten Bezahltechnologie-Projekte in Afrika. M-Birr heißt es, „M“ wie „mobiles“ Bezahlen und „Birr“ nach der äthiopischen Währung gleichen Namens.

M-Birr ist heute die Nummer eins bei mobilen Bezahldiensten in Äthiopien. „Wir waren die ersten und sind die Größten“, freut sich Thierry Artaud. Er ist Chairman von M.O.S.S. und so etwas wie der Geburtshelfer von M-Birr. Der Franzose mit irischen Wurzeln ist geschäftlich in Äthiopien zu Hause. M.O.S.S. ist ein ICT Beratungsservice aus Dublin. Die Software für M-Birr kommt nicht ohne Grund aus Irland, wo es auch registriert ist, aber die 76 Mitarbeiter sind allesamt Äthiopier unter der Regie der energischen CEO Kidist Zegeye in der Hauptstadt Addis Abeba.

Sozialtransfers für 3,6 Millionen Menschen

2009 wurde M-Birr gegründet. Heute hat es 1,2 Millionen Kunden, verteilt auf 6.231 Agenten und 1.711 Ansprechpartner. „Das ist eine kritische Masse“, freut sich Artaud. „Unser Geschäftsmodell basiert auf Volumen.“ Äthiopien, ein Land so groß wie Frankreich und Spanien zusammen, zählt heute rund 100 Millionen Einwohner - aber die ständige Energieversorgung war ein Problem und ist es noch. Unter den Schreibtischen von M-Birr stehen Generatoren, die im schlimmsten Fall übernehmen. Äthiopien zählt nur wenige Bankenfilialen auf dem Land. „Früher ging bei Sozialtransfers viel Geld verloren“, sinniert Artaud. Heute erhalten 3,6 Millionen Menschen in 800.000 Haushalten Sozialtransfers via M-Birr. Das sind etwa 60 Millionen Euro. Vor allem für die Menschen auf dem Land ist das wichtig. Dort leben rund 80 Prozent der äthiopischen Bevölkerung.

Der Sitz von M-Birr in der Hauptstadt ist geschäftig. Da es im Land verschiedene Sprachen gibt, sitzen Mitarbeiter eines Call-Centers vor den Bildschirmen und beraten auf Amharisch, Tigrinisch, Oromo und Englisch. M-Birr unterhält ebenfalls sieben regionale Büros. Warum brauchen sie nicht mehr, um so viele Kunden zu erreichen?

„Wir arbeiten mit Tankstellen und kleinen Läden zusammen, die als unsere Agenten funktionieren“, erklärt Artaud. „Die Kunden haben eine PIN und können damit ihren Kontostand abfragen.“ Denn nur 35 Prozent der Bevölkerung haben überhaupt ein Bankkonto. Die PIN-Lösung ermöglicht auch solchen Menschen die Nutzung von M-Birr, die kein Mobiltelefon haben. Sie gehen einfach mit der PIN zum Agenten. Sogar für Menschen, die nicht lesen und schreiben können und kein Telefon haben, hat sich M-Birr etwas einfallen lassen: Ein Armband mit Nearfield Communication, in dem sich die PIN befindet. Kunden halten es beim Agenten ans Lesegerät und erfahren dann, wieviel Geld sie auf dem Konto haben. Dann entscheiden sie, wie sie es ausgeben wollen.

In den ersten fünf Jahren baute M-Birr auf. „Das war angesichts von Gesetzen, der Verwaltung und den Infrastrukturen nicht einfach“, blickt Artaud zurück. Seit 2015 wächst der Mobilbezahlanbieter, der mittlerweile sogar von den Vereinten Nationen ausgezeichnet wurde. Dabei hatte M-Birr mit vielen Problemen zu kämpfen. So akzeptieren Banken in Äthiopien bis heute nur die eigene Kreditkarte und nicht die anderer Banken. Das führt dazu, dass es in vielen Geschäften vier oder fünf Kartenlesegeräte gibt. „Wir sind der erste Dienstleister, der Überweisungen zu anderen Banken ermöglicht“, stellt Arnaud fest. Dazu unterhält M-Birr Partnerschaften mit sechs Banken. „Darüber hinaus ist das hier eine Cash-Gesellschaft“, hat Arnaud gelernt. Das hat einen Einfluss auch auf die jungen Mitarbeiter. M-Birr holt sie von der Hochschule und trainiert sie. Die meisten sind Mitte Zwanzig.

Heute können Kunden mit M-Birr Geld im Land selbst überweisen, in Banken zahlen oder die Fernsehgebühr begleichen, Handys aufladen, Gehälter erhalten oder Ersparnisse verzinsen. „Wir funktionieren ohne Internet“, erläutert der Chairman. „Uns kann man über Handy nur mit PIN nutzen, daher sind wir gegen Cyberkriminalität geschützt.“ Dank M-Birr können Kunden über ihr Handy sogar ein Konto eröffnen.

Der Bezahldienst, der mit dem Slogan: „Die Lösung ist in Ihrer Hand“ wirbt, interessiert auch internationale Partner. Gerade der Aspekt, dass Sozialtransfers ohne Verluste möglich sind, gefällt Partnern wie der Weltbank, der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau, dem 2010 eingestiegenen FinnFund, der seit 2017 mit vier Millionen Euro involvierten Europäischen Investitionsbank (EIB) und anderen Partnern; darunter auch den fünf größten Mikrofinanzinstituten in Äthiopien, die den Dienst für ihre über drei Millionen Kunden nutzen. Sie loben die finanzielle Inklusion, die M-Birr ermöglicht. Auch Luxemburg unterstützt M-Birr mit 200.000 Euro. Dies geschieht im Rahmen der Entwicklungshilfe und Kooperation mit der EIB, die die Gelder für Luxemburg anlegt.

Die EIB, die selbst ein eigenes Büro in Addis Abeba unterhält, besucht das Projekt regelmäßig. „Als wir das letzte Mal hier waren, sahen die Büros noch nicht so gut aus“, verrät ein hochrangiger Mitarbeiter, der erst in diesem Monat EIB-Präsident Werner Hoyer bei einem Besuch begleitete. Für Hoyer selbst sind diese Besuche der Beweis für die Sinnhaftigkeit der Arbeit seiner Bank. Interessiert stellt er Fragen, hakt nach, was noch fehlt und welche Fortschritte erzielt wurden.

Artaud selbst freut sich über die Hilfe. „Mit dem Geld aus Luxemburg und von der EIB gehen wir in die nächste Phase.“ 2029 will M-Birr zehn Millionen Kunden erreichen. Wahrscheinlich wird es das Unternehmen schon vorher schaffen.