Als größten Massenmord, der an Luxemburgern während des Zweiten Weltkriegs begangen wurde, bezeichnete der Historiker Steve Kayser (wort.lu) das Massaker von Sonnenburg. In der Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1945 wurden 819 junge Männer, darunter 91 Luxemburger, durch Genickschuss getötet. Genau diese Männer, so Kayser, waren auch Opfer des größten Kriegsverbrechens geworden, das je an Luxemburgern verübt worden war. Die Zwangsrekrutierung, die 1942 eingeleitet wurde, betraf zahlreiche Familien, Eltern, Geschwister, Freunde, Nachbarn. Im Zuchthaus Sonnenburg, an der heutigen deutsch-polnischen Grenze, waren 91 Refraktäre eingekerkert, die den Dienst in der Wehrmacht, oder aber Befehle verweigert hatten.

Das Massaker von Sonnenburg wurde zu einem kollektiven Trauma, da es zu einem Zeitpunkt stattfand, an dem Luxemburg schon befreit war und bei uns schon teilweise gefeiert wurde, aber betroffene Familien noch auf die Rückkehr der Gefangenen aus den Konzentrationslagern und Zuchthäusern warteten.

Blickt man auf die Geschichte der Verarbeitung der Kriegstraumata hier in Luxemburg während der letzten 70 Jahre zurück, stellt man fest, dass eine Kriegsliteratur und auch historische Forschungsarbeit, sowie zahlreiche gemeinnützige Vereinigungen von Betroffenen entstanden, allerdings auch politische Forderungen, die mit der Wahl von Zwangsrekrutierten in der Abgeordnetenkammer verbunden waren.

Das Massaker von Sonnenburg, wo heute ein kleiner Friedhof und ein Museum zu besichtigen sind, fügt sich in ein Umfeld schwerster Kämpfe und Todesmärsche ein, die 1945 in der Oder-Region noch Hunderttausenden von Gefangenen und jungen Männern der Roten Armee das Leben kostete, derweil auf deutscher Seite die letzten Reserven - oft sogar Kinder - in den Tod geschickt wurden. 1945, als auch die deutsche Bevölkerung aus Pommern und aus Schlesien vertrieben wurde, begann die Geschichte entscheidend zurückzuschlagen, was die Deutschen selbst mit jener abgrundtiefen Misere konfrontierte, die sie über Europa gebracht hatten.

Sonnenburg wurde von den Russen befreit, als die Leichen der jungen Männer kalt und aufgeschichtet in einem Hinterhof lagen. Einige haben überlebt, und erzählten, wie sie in kleinen Gruppen ab abends zehn Uhr in den Tod geschickt wurden.

Es war das Schicksal dieser Franzosen, Belgier, Russen, Serben, Luxemburger und auch deutscher Oppositionellen, das den Nachkriegsgenerationen die Unmenschlichkeit des Krieges vor Augen führte. Das Massaker von Sonnenburg rührt auch allgemein an die Geschichte der Refraktäre in Luxemburg: Viele Familien versteckten Deserteure der Wehrmacht in ihren Häusern, ihren Scheunen oder auch in den Bergwerken des Südens, und riskierten dabei selber ihr Leben. Aber es wurden im Krieg auch Refraktäre verraten, und dies in einer Zeit, in der Opportunismus und Kollaboration auch für manche Luxemburger mehr zählten als Mitmenschlichkeit.

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