PATRICK WELTER

Jetzt ist es passiert. Der nächste Schritt zum Abgrund ist getan. Nein, nicht hin zu einer hypothetischen Klimakatastrophe, sondern einer der vielen kleinen und großen Schritte, die aus dem „regionalen“ Syrienkrieg einen ganz großen Nahostkrieg werden lassen.

Vorarbeit dazu hat mal wieder Donald Trump geleistet. Mit seiner Krämer-Denke hat er kurzerhand die US-Truppen aus dem „nutzlosen“ - also pekuniär uninteressanten - Krieg abgezogen und dabei seine treuesten Verbündeten, die Kurden-Armee verraten. Damit hat er die schlimmsten Befürchtungen aller außenpolitischen Analysten wahr werden lassen. Der POTUS hat diejenigen an Erdogan verramscht, die jahrelang die Drecksarbeit für die USA gemacht haben. Ohne die kurdische YPG wäre der IS nicht so effektiv zurückgedrängt worden. Jetzt stehen sie alleine da, was durchaus neue Waffenbrüderschaften möglich macht oder einen Völkermord - den es dann hinterher wieder nicht gegeben hat. „Ask the Armenians!“

Der weise Trump wurde allerdings vom verheerenden Echo seiner Fehlentscheidung überrascht. Selbst seine nibelungentreuen Republikaner, haben entsetzt aufgeschrien. Da er seine Parteigänger dringend braucht, um den Demokraten zu widerstehen, hat Donald „the brain“ Trump zurückgerudert und den Kurden Geld und Waffen versprochen sowie die Türken großmäulig vor einem Einmarsch gewarnt. Von wegen totaler Zerstörung und so.

Nachdem Recep Tayyip Erdogan zunächst vor Lachen vom Stuhl gefallen war, rappelte er sich wieder auf, um gestern seinen Einmarsch nach Syrien zu befehlen. Dass für ihn alle Kurden Terroristen sind - genauso wie Journalisten - ist nichts neues, aber plötzlich schwirren Begriffe wie Bevölkerungsaustausch durch die politische Gerüchteküche. Von Umsiedlung aller syrischen Flüchtlinge aus der Türkei in die eroberten Gebiete ist die Rede.

Klipp und klar: Nicht nur der Kommentator des kleinen „Journal“ sieht die Struktur hinter Erdogans Denken. Auch deutlich größere Geister haben erkannt, was der Neo-Sultan aus Ankara will: Die Revision der Friedensverträge von Sèvres (1920) und Lausanne (1923). Er will nichts anderes als die Nachkriegsordnung des Ersten Weltkriegs ändern. Um das in einen mitteleuropäischen Kontext zu setzen: Vergleichbar wäre es, wenn Berlin jetzt die Provinz Posen (Poznan) „zurück“ haben wollte oder Österreich Böhmen oder Istrien beanspruchte. Völlig irre, aber Erdogan bekennt sich zum Ziel, die Atatürk-Türkei völlig umzukrempeln - den Laizismus hat er ihr schon ausgetrieben - und zum neo-osmanischen Reich auszubauen. Syrien ist sein erstes Opfer. Heute Syrien, morgen Teile des Irak, dann die griechischen Inseln, übermorgen Nordgriechenland....

Es ist Zeit, diesen Typen aus der NATO zu schmeißen oder zumindest zu suspendieren, so die Forderung amerikanischer Senatoren. Noch kann er die Europäer mit dem Stichwort „Flüchtlingsströme“ erpressen aber Erdogan ist dabei, sein Ziel zu überreizen.

Oder er erlebt sein blaues Wunder an der Front, falls sich neue Bündnisse in Syrien bilden. Wird Erdogan militärische Hilfe brauchen, weil er es auf einmal mit Russen oder Iranern zu tun bekommt, ist eines sicher: Die NATO wird ihm den Stinkefinger zeigen…