LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Das zweite „Sustainable Finance Forum“ war ausgebucht – angesagtes Thema im Finanzbereich

Die Stifte waren aus recyceltem Plastik, die Papierblocks aus recyceltem Papier und in den Namensschildern waren Wildblumensamen eingearbeitet, damit sie nach dem Event im Garten für Blumenvielfalt sorgen können: Das zweite „Sustainable Finance Forum“, das gestern in der Philharmonie stattfand, hatte die Idee der Nachhaltigkeit auch bei Details berücksichtigen wollen. Rund 700 Gäste hatten sich angemeldet, mehr passten wirklich nicht in den kleinen Saal und dementsprechend war die Anmeldung auch früh geschlossen.

Vor einem internationalen Publikum und Rednern wie dem Vizepräsidenten und Schatzmeister der Weltbank, Jingdong Hua, gab Luxemburg sich als internationaler Musterschüler. Finanzminister Pierre Gramegna rührte denn auch in einem Grußwort an die Teilnehmer die Werbetrommel. Er verwies darauf, dass der Markt für nachhaltige Schuldverschreibungen im vergangenen Jahr um 26 Prozent auf 250 Milliarden Dollar gewachsen sei. Luxemburg selbst plant als erstes Land eine grüne Anleihe, einen sogenannten „Green Bond“. Bislang zählen nur zwei Prozent aller begebenen Anleihen dazu.

Dank des „Green Exchange“ spielt Luxemburg eine Rolle auf diesem Markt, die weit über die Größe des Landes hinausgeht. Gramegna zählte weitere Initiativen wie den „International Climate Accelerator“ auf, eine Initiative zwischen der Regierung und dem Privatsektor. Darüber hinaus hat Luxemburg 2018 weltweit das erste Rahmengesetz für Pfandbriefe für erneuerbare Energie beschlossen. Mit dem Label Luxflag hat Luxemburg seit 2006 ein Instrument zur Auszeichnung von nachhaltigen Finanzprodukten.

Grün ist Trend

Hinter diesen Fakten bleibt etwas zurück, was Sache ist. Fakt ist: Grün ist Trend. So kam Gast Juncker, Partner der Kanzlei Elvinger Hoss Prussen, weil er beruflich viel mit juristischen Anforderungen bei der Auflage von grünen Fonds zu tun hat und wissen will, was es Neues gibt. Deniz Erkus war aus dem Schweizerischen Zug angereist. Die Geschäftsführerin eines Beratungsunternehmens sitzt im Verwaltungsrat der „Swiss Impact Investment Association“, die Mitte September einen „Impact Summit“ plant. Da ist es immer gut zu wissen, was die anderen machen. Auch bei den Panels wurde klar, dass der Markt grüne Produkte fordert. Gerade junge Anleger wollen verantwortlich investieren. Während draußen eine Gluthitze herrschte, verwiesen viele Redner auf den Klimawandel und Finanz-Produkte, die diesen bekämpfen könnten. Ein Geist von Neuem schwebte im Saal.

Musterschüler gesucht

Doch so viel tut sich gar nicht. Es ist schwierig, zu wissen, wie nachhaltig Luxemburger Finanzunternehmen tatsächlich sind. Wie definiert man das? Nachhaltigkeit im Finanzbereich ist eine lange Geschichte. Erste Schritte waren die Einführung von Luxflag, das aus dem Bereich der Mikrofinanz kam und damals gern noch belächelt wurde. Die Gefahr eines Greenwashing schwebt über allem und ist auch jedem klar. Auf der anderen Seite will niemand einen Trend verpassen. Es ist wie mit der Corporate Governance: Alle wollen zu den Musterschülern gehören – aber wer legt die Kriterien fest? A propos „Corporate Governance“: Das Akronym „ESG“, das für „environmental, social und governance“ steht und sich im Investmentbereich zusehends durchsetzt, fiel gestern oft. Nicolas Mackel, CEO von Luxembourg for Finance, verwies darauf, dass es eine „Global Sustainable Investment Alliance“ gibt, die 31 Billionen Dollar schwer sein soll, aber dass laut JP Morgan nur drei Milliarden Dollar wirklich in diesen Bereich flössen. Also alles eine Frage der Kriterien. Mackel unterstrich auch, dass die Investitionen in Kohlebergwerke und fossile Brennstoffe gestiegen sind. „Die nachhaltige Wirtschaft wäre nicht da, wo sie heute ist, wenn es nicht die Unterstützung der Regierung gäbe“, sagte er mit Blick auf Luxemburg. Das war dann die Überleitung zum sprichwörtlichen Glockenschlag.

Die größte Neuigkeit war, dass der „Luxembourg Green Exchange“ (LGX) erstmals 174  Anleihen der Weltbank zur nachhaltigen Entwicklung mit einem Gesamtwert von mehr als 40 Milliarden Euro listet. Dadurch steigt die Anzahl der von der Weltbank begebenen und im LGX gehandelten Anleihen für grüne und nachhaltige Entwicklung über die 200er Marke hinaus. Das wurde mit einem Glockenschlag gefeiert, bei dem gleich mehrere Redner mitmachten.

Während die konkrete Praxis klappt, erleiden Initiativen politisch immer wieder Schiffbruch. So hat Japan gerade den G20-Text für die Aktionen im Klimabereich auf Druck der USA hin verwässert. Der Begriff der Erderwärmung wurde herausgelassen. Das fand vor dem Hintergrund angespannter Diskussionen zum Handel sowie zu den Beziehungen zu Nordkorea statt. Da wird wieder deutlich, wie die Weltpolitik die Ideen des Pariser Klimagipfels untergräbt.

Luxemburg hat es auf jeden Fall verstanden, sich auf diesem grünen Terrain zu positionieren und früh Zeichen zu setzen. Die gestrige Veranstaltung war ein weiterer Stein auf dem gepflasterten Weg hin zu mehr Nachhaltigkeit. Dass sie so ein grüner Magnet war, zeugt mehr vom Verlangen im Markt als von Neuheiten oder Gurus. Ein wichtiger Branchentreff, der dazu beiträgt, Luxemburg international neu und grün zu positionieren und für ein gutes Image zu sorgen, war das zweite „Sustainable Finance Forum“ allemal.

Lëtzebuerger Journal

Pierre Gramegna, Finanzminister | „Großes Potenzial nachhaltiger Produkte“

„Ab der zweiten Auflage beginnt eine Tradition. Gut, dass der Privatsektor dabei ist, denn wir brauchen ihn. Greta Thunberg hat uns alle aufgeweckt. Wenn wir von Milliarden zu Billionen kommen wollen, dann müssen wir verstehen, dass für Umwelt und gegen den Klimawandel zu handeln nicht nur etwas mit dem guten Gewissen zu tun hat. Wir brauchen gute Beispiele. Da reicht ein Blick auf das Jahr 2015, das viertteuerste für Versicherungen wegen der Klimaschäden. Die Feuer in Kalifornien haben erstmals den Untergang eines großen Unternehmens verursacht. Der ‚Return on Investment‘ kann nicht unsere einzige Orientierung sein. Das Potenzial von nachhaltigen Produkten ist größer als das von traditionellen.

Wir als Regierung haben eine Plattform mit der Europäischen Investitionsbank (EIB) gegründet, die den ersten Verlust eines Projekts abfängt. Das ist ein effizientes Mittel. Wir haben den International Climate Finance Accelerator für grüne Investmentfonds und wir sind der größte Platz für grüne Fonds weltweit. Luxflag hat als Pionier ein spezielles Klima-Label entwickelt. Wenn wir dem Klima helfen, helfen wir uns selbst. Der erste Green Bond wurde 2007 aufgelegt. Was ist das seither für eine Erfolgsgeschichte! Ähnlich wie mit den UCITS-Fonds könnten wir als zweitgrößtes Fondszentrum der Welt das jetzt auch bei nachhaltigen Fonds schaffen. Luxemburg ist Teil der Weltbank-Initiative ‚Financial Centers for Sustainability‘, FC4S. Die neue Regierung hat das zur absoluten Priorität erklärt. Wir waren die ersten, die Green Bonds aufgelegt haben. Und wir wollen eine grüne Staatsanleihe begeben.“

Lëtzebuerger Journal

Jingdong Hua, Vizepräsident und Schatzmeister der Weltbank | „Entscheidende Rolle nachhaltiger Finanzierung“

„Luxemburg hat sich als internationaler Hub für Finanzen entwickelt. Wir als Weltbank sind froh über die langjährige Kooperation – auch, wenn wir immer darüber streiten, wer den ersten Green Bond begeben hat. Wir glauben, dass wir das waren. Wir sind alle hier, weil wir die entscheidende Rolle von nachhaltiger Finanz sehen. Wir können damit die Lebensbedingungen verbessern, eine bessere Umwelt und Jobs schaffen. Wir haben Finanzzentren weltweit verbunden, damit sie sich über Projekte austauschen. In den vergangenen zehn Jahren haben wir rund 60 Milliarden Dollar im Bereich nachhaltige Finanzen mobilisiert und einen White Label emittiert. Die „International Development Association“ (IDA), die Teil der Weltbank ist und die ärmsten Länder unterstützt, hat 2018 die erste Anleihe ihrer 60jährigen Geschichte begeben. Das hat bislang 1,5 Milliarden Dollar gebracht und wird für Aufmerksamkeit sorgen. Im gleichen Jahr haben wir Katastrophen-Anleihen begeben, damit Länder besser mit den Folgen zurechtkommen. Auch der japanische Regierungsfonds GPIF konzentriert sich auf ESG. In den vergangenen 18 Monaten haben wir Investoren auf unsere Programme aufmerksam gemacht, vor allem auf solche, die sich auf Ozeane, Nahrung und ähnliche Themen beziehen. Dadurch können sie hier ESG-Strategien anwenden.“

Lëtzebuerger Journal

Gregory H. Kats, Präsident von Capitale | „Mit Mythen aufräumen“

„Es gibt eine Menge Mythen in Bezug auf nachhaltige Produkte. Damit muss man aufräumen. Weniger Kohlendioxid bedeutet mehr Jobs, nicht weniger. Investments in saubere Energie führen nicht zu höheren, sondern zu niedrigeren Kosten. In den USA subventionieren wir immer noch fossile Quellen – und verhindern so einen Strukturwandel. Nicht umsonst haben Apple und andere Unternehmen langfristige Verträge über grüne Energie abgeschlossen. Ein weiterer Mythos lautet: Grünes Bauen ist teuer. In meinem Buch „Greening our built world“ schreibe ich beispielsweise über das Unternehmen Blue Planet, das CO2 in Bausteinen neutralisiert. Wir wollen solche Dinge fördern. Auf der Leasing-Seite klappt das ganz gut. Luxemburg ist ein global führendes Land bei nachhaltigen Finanzen. Es sollte eine Quelle der Inspiration für andere sein. Denn die Zukunft gehört dem Klimawandel, den Marken, der Fähigkeit, Mitarbeiter anzuziehen und zu halten und auch das Risiko zu senken. Luxemburg sollte die Welt dabei inspirieren.“