LUXEMBURG
LUC SPADA

Es geht um die Beschimpfung. Einen Schuldigen finden. Der Ton wird rauer. Das unausgesprochene Projekt Frieden scheint immer mehr in den Hintergrund zu rücken. Immer mehr im Vordergrund: Projekt Selbsterhaltung. Mensch ahnt, unbewusst oder nicht, dass alles, so, wie es derzeit ist, nicht wirklich lange noch funktionieren kann. Die Aggression steigt.

Der Konsumwahn, die vielen Möglichkeiten, da kommt er sich selbst nicht mehr hinterher. Und auf der Suche nach dem Schuldigen wird der Fehler selten bei einem selbst erforscht und erst recht nicht gefunden.

Auf der einen Seite, eine neue Welle des Protests, für mehr Frieden, für mehr Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Auf der anderen Seite mehr Ungerechtigkeit, mehr Ausbeutung, mehr Egoismus, der schön verpackt als Individualität und Selbstverwirklichung vermarktet wird. Das kann nicht aufgehen. Genau so wenig, wie es aufgehen kann, dass nur wohlhabende Menschen sich für eine bessere Welt einsetzen. Weil sie die Zeit haben. Weil sie das Geld haben. Plakatives Beispiel: Ein reicher, bekannter Mensch fährt in ein Land der Dritten Welt, macht Fotos mit hungernden Kindern, erklärt ein paar Journalisten, dass die Politiker endlich wach werden müssen, etwas gegen diese schrecklichen Verhältnisse unternehmen müssen und kehrt anschließend zurück in sein Fünf-Sterne-Bett. Und was gibt es auch dagegen zu sagen? Der Reiche hatte Glück, die Kinder nicht. Die Fragen, die sich aufdrängen: Ist Gerechtigkeit ein Synonym für „Glück gehabt“? Ist fair eine Frage des Preises? Wahrscheinlich schon.

Ein Fahrradfahrer ist gerade mit seinem teuren Fahrrad an mir vorbei gedüst. Er war auf dem Fahrradweg unterwegs. Auch auf seinem Fahrradweg, ein paar Fußgänger, „aus dem Weg, das ist ein Fahrradweg“, fast kollidieren sie. Der Fahrradfahrer weicht aus, und zwar so, dass er den Fußgängern ein bisschen Angst macht, sie erschrecken, „Wichser“, beschimpft der Radfahrer sie, Mittelfinger als Reaktion einer der Fußgänger. Ein paar Meter weiter hält ein Auto auf dem Fahrradweg, „scheiß Autos!“. „Arschloch“, schreit der Autofahrer zurück.

Und wieder. Beschimpfen ist so einfach. Der Umgang mitei-nander eher nicht. Das hängt für mich alles zusammen. Erst mal auf sein Recht bestehen, ist der Tod jeder Kommunikation, jeder Entwicklung für ein besseres Miteinander.

Wenn es nicht einmal möglich ist, in Ländern, wo wir nicht Tag für Tag ums Überleben kämpfen müssen, aneinander vorbei zu kommen, wie sollen wir es dann je schaffen, jedem ein Fünf-Sterne-Bett zu ermöglich? Es ist ein Wunder, dass der Mensch sich bis dato noch nicht selbst ausgerottet hat. LUC SPADA