ESCH / ALZETTECORDELIA CHATON

Brice Appenzeller kann Haare zum Reden bringen -

Wenn jemand so viel getrunken hat, dass er den Führerschein verliert, muss er in den meisten europäischen Ländern nachweisen, dass er über eine längere Zeit weder Alkohol noch Drogen zu sich nimmt. Das wird getestet. Was die wenigsten wissen: Den europaweit genutzten Test hat ein Wissenschaftler aus Luxemburg entwickelt.

Dr. Brice Appenzeller hat über Haare promoviert. Er ist Senior Researcher am „Human Biomonitoring Research Unit“ des Luxembourg Institute of Health in Esch/ Alzette. Der Forscher ist international renommiert, nimmt an Kongressen teil und arbeitet regelmäßig für französische Medien, die ihn mit Aufträgen eindecken. Nur in Luxemburg ist er noch nicht so recht bekannt. Wir haben mit ihm über Haare und ihre Geheimnisse gesprochen.

Herr Appenzeller, warum sind Haare besonders interessant für Sie?

Brice Appenzeller Haare können eine Entwicklung über einen längeren Zeitraum zeigen. Bei Urin oder Blut hat man immer nur einen kurzfristigen Eindruck, denn viele Stoffe bleiben nicht im Körper, sondern werden wieder ausgeschieden. Haare hingegen wachsen mit der Person und zeigen, wie sie gelebt hat. Ein Zentimeter steht dabei für einen Monat. Außerdem ist die Entnahme einer Probe viel unproblematischer. Kinder beispielsweise mögen keine Spritzen.

Sie haben auch den europaweit genutzten Test entwickelt, der bei Menschen benutzt wird, die ihren Führerschein wegen Alkoholkonsums verloren haben und nachweisen müssen, dass sie eine Zeitlang nichts getrunken haben.

Appenzeller Ja, der wird jetzt international genutzt. Ich bin Mitglied der internationalen Society of Hair Testing und dadurch ist er bekannt geworden. Er funktioniert auf drei Stufen. Jemand, der weniger als 6 Piktogramm hat, trinkt sehr wenig. Jemand mit 6 bis 30 Piktogramm ist ein „social drinker“ und jemand mit mehr als 30 Piktogramm trinkt zu viel. Danach richtet sich jetzt der internationale Standard. Obwohl der Test schon 2007 veröffentlicht worden ist, war Luxemburg übrigens eines der letzten Länder, das ihn verpflichtend gemacht hat - und das, obwohl er hier entwickelt wurde. Da gilt der Prophet nichts im eigenen Land… In anderen Ländern spielt der Test übrigens nicht nur für das Fahrverhalten eine Rolle, sondern auch für das Sorgerecht, besonders in den USA und Kanada. Der Vorteil ist auch hier der Langzeitnachweis.

Worüber forschen Sie noch?

Appenzeller Im Moment laufen viele Studien über Zusammenhänge: Ernährung und Diabetes, Krebs und Herz/ Kreislauf-Erkrankungen. Beispielsweise konnte man bei trächtigen Ratten nachweisen, dass Ernährung und Luftqualität eine Rolle spielen. Eine Gruppe atmete Abgase ein und aß dann Junk Food. Die zweite atmete Abgase ein und ernährte sich normal. In der zweiten Gruppe gab es trotz der Abgase keine Schäden, in der ersten schon. Wir konnten auch einen Zusammenhang zwischen Umweltverschmutzung und Diabetes nachweisen. Pestizide spielen überhaupt eine große Rolle. Derzeit forschen wir zu Nikotin und Hyperaktivität.

Sie arbeiten regelmäßig für französische Medien. Was machen Sie da?

Appenzeller Ja, das „Journal de Dimanche“ und der „Nouvel Observateur“ beauftragen mich regelmäßig. Kürzlich habe ich für das „Journal de Dimanche“ untersucht, in wieweit Kinder auf dem Schulweg Nikotin ausgesetzt sind. Vor allem bei Kindern unter zehn Jahren war das nachweisbar. Je länger der Schulweg, desto stärker die Belastung - einfach, weil heute jeder draußen vor dem Bürogebäude raucht. Ich bin regelmäßig in Paris und froh, dass meine Kinder da nicht zur Schule gehen.

Warum machen Sie solche Tests nicht in Luxemburg?

Appenzeller Das würde ich gern. Aber bislang hat mich niemand beauftragt. Wir könnten beispielsweise Tests zum Thema Metazachlor oder Salz in der Mosel machen. Aber auch zum Bereich Plastik ließe sich noch viel erforschen. Das ist eine ganz neue Problematik, da gibt es bislang nur Projekte. Seit Jahresanfang habe ich sechs Projekte vorgeschlagen, aber der Geldmangel scheint ein Problem zu sein. Und dann fehlt noch das Lobbying.

Warum vermuten Sie diese Zurückhaltung?

Appenzeller Ich will nicht zu viel sagen. Aber häufig gibt es einen Zusammenhang zwischen Industrie und Arbeitsplätzen. Das ist aber nichts Neues.

Haben Ihre Ergebnisse Auswirkung auf Gesetze?

Appenzeller Das hoffen wir. Zumindest zeigen wir, dass eine Belastung existiert. Das ist ein erster Schritt. Jetzt gibt es beispielsweise biologische Parameter bei Frühchen. Das ist neu und beruht auf unserer Forschung.