CORDELIA CHATON

Meine Freundin war leicht irritiert. Ihr Mann, Jurist und Mitarbeiter einer großen europäischen Institution auf Kirchberg, hatte ihr eine Nachricht nach Hause geschickt: Vielleicht solltest Du noch Nudeln kaufen?

Da war sie, die Angst, nichts mehr zu haben, nicht mehr zu können im Falle des Coronavirus, der nicht nur in Luxemburg für eine Absage nach der anderen sorgt, sondern auch für eine zunehmende Panik, selbst unter Menschen, die es besser wissen sollten.

Das zeigte sich schon am Wochenende, als Aldi Desinfektionsmittel für die Hände verkaufte. Es gab einen Ansturm auf die Filialen, die weit vor 11.00 schon nichts mehr hatten. Seitens des Discounters war das kein Marketingcoup, sondern eine vor Monaten geplante Aktion, die im Zusammenhang mit der zu dieser Zeit üblichen Grippe steht. Der Run auf das Desinfektionsmittel ist übertrieben, denn Seife reicht bei vernünftigem Händewaschen wirklich aus. Doch es erhebt sich die Frage: Was brauchen wir wirklich, wenn wir mal zehn Tage lang zu Hause bleiben müssten?

Sind es kiloweise Nudeln, wie uns Bilder leerer Supermarktregale auf den sozialen Netzwerken glauben machen? Oder Chips? Oder doch Rosinen? Die Antwort findet sich in Form eines „Ratgebers für Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsituationen“ auf der Internetseite des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in Deutschland. Derzeit ist sie nur herunterladbar, weil die gedruckte Form vergriffen ist. Das Bundesamt, von dessen Existenz selbst die meisten Deutschen kaum etwas geahnt haben dürften, hat diese Liste übrigens nicht speziell für den Virus zusammengestellt, sondern für alle möglichen Situationen, in denen man gezwungen ist, zu Hause zu bleiben; von Hochwasser bis zu Unwetter. Sie bezieht sich auf einen Vorrat für eine Person.

Dort ist zu lesen, dass zwei Liter Getränke, am besten Wasser, pro Tag und Person angemessen sind. Von allen Getreideprodukten - Brot, Kartoffeln, Nudeln und Reis - werden 3,5 kg benötigt. Vier Kilo sind dagegen an Gemüse und Hülsenfrüchten notwendig, 2,5 kg an Obst und Nüssen, 2,6 kg an Milch und Milchprodukten und nur 0,37 kg an Fetten und Ölen. Ein ganz wichtiger Rat: Persönliche Vorlieben berücksichtigen und nichts kaufen, was man sonst auch nicht isst.

Wer sich die Liste genauer durchschaut, merkt schnell: Das habe ich ohnehin alles im Schrank. Wahrscheinlich sogar mehr. Und dann ist die Tiefkühltruhe noch nicht mal berücksichtigt...

Epidemien sind nichts Neues. Aber wir haben den Umgang damit verlernt. Wer erinnert sich noch an die Cholerapandemie, die von 1826–1841 in Luxemburg wütete? Oder die Pest im späten Mittelalter? Jetzt müssen wir ihn wieder lernen, nicht nur beim Hamstern, sondern vor allem in der Kommunikation. Damals wie heute hatten Verschwörungstheorien Hochkonjunktur. Früher sollten Juden die Krankheiten gebracht haben, heute Chinesen, Bill Gates oder die internationale Finanz, je nach Weltbild. Vielleicht hat sogar eine internationale Hamster-Sippe ihre Finger im Spiel. Oder Nudelhersteller. Ab Mitte Mai läuft im City Museum die Sonderausstellung „Gleef dat net! Verschwörungstheorien, gestern und heute“. Eine Erinnerung daran, dass Aberglaube immer Konjunktur hat.