LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Über das Streben nach Ruhe

Wenn es eine Tugend gibt, die ich an anderen schätze und die ich mir gerne zu Eigen machen würde, dann ist es Ruhe. Ich meine damit nicht zwangsläufig akustische Stille – im Gegenteil! Ich liebe es, Menschen zuzuhören, die eine Stimme besitzen, die mich trägt, die langsam und gleichmäßig fließt wie „Die Moldau“ von Smetana.

Von der Stimme spreche ich deshalb, weil sie nicht lügt. Die Stimme verrät genau, ob die Ruhe nur vorgespielt oder authentisch ist. Die Stimme verrät genau, ob auf der scheinbar so ruhig fließenden Moldau heimlich ein kleiner headbangender, sich an gutturalem Gesang versuchender Zwerg paddelt.

Weiser Opa im Schaukelstuhl

Ich kenne ihn, diesen Zwerg, er schlummert auch in mir, wie ein Hausgeist, den ich mit den gängigen Methoden nicht zu vertreiben weiß. Die gängigen Methoden, das sind zum Beispiel autogenes Training oder Yoga. Gut möglich, dass ich etwas falsch mache, aber je forcierter ich mich im gestressten und gereizten Zustand beruhigen möchte, desto weniger gelingt es mir. Autogenes Training vertreibt meinen inneren, Unruhe stiftenden Zwerg nicht, es lässt ihn auch nicht schlafen, es kitzelt ihn an den Füßen und unter den Achseln, es weckt ihn auf und er rächt sich, immer. Autogenes Training regt mich auf, macht mich nervös, es zerfrisst mich eine immer größer werdende, innerliche, eine unerträgliche Ungeduld. Wann darf ich endlich wieder ein-, wann wieder ausatmen, wann wieder aufstehen und mich beweeeeegen?

Ich dachte lange Zeit, der Zwerg würde sich, je älter sein Wirt wird, immer weiter zurücknehmen. Das dachte ich deshalb, weil meine Vorstellung von Ruhe zugegebenermaßen sehr stereotyp und plakativ war. Ich verband Ruhe zuvorderst mit älteren, weisen und gebildeten Herren, mit gemütlichen Geschichtenerzählern. Wie Albus Dumbledore aus „Harry Potter“. Und ich traf, im wirklichen Leben, auf reale Personen, die genau dieser klischeebehafteten Idee von Ruhe entsprachen. So zum Beispiel meinen Philosophie-Professor, der ein Seminar zum Thema Glück hielt. Ich erinnere mich genau, wie ich plötzlich die Wunschvorstellung entwickelte, den gemütlichen, fast kahlköpfigen Professor mit nach Hause zu nehmen und ihn zu bitten, mir auf einem Schaukelstuhl ein paar Stündchen lang zu erzählen über das Leben von Diogenes in der Tonne und anderen spannenden Dingen. Ich habe das dann schön sein gelassen, erstens hatte ich keinen Schaukelstuhl und zweitens hatte ich ein wenig Bedenken, dass das falsche Assoziationen wecken würde.

Gefühl oder Tugend?

Seither habe ich Bekanntschaften gemacht, die an den Fundamenten meiner stereotypen Vorstellungen gerüttelt haben. Ich habe Barcarolle-Kinder mit ihren Rock 'n' Roll-Großeltern getroffen. In der Rolle, von der Rolle, das hat, das weiß ich jetzt, mit ergrauten Haaren und Geschlechtsteilen nichts zu tun.

Ich bin mir mittlerweile auch gar nicht mehr so sicher, ob Ruhe tatsächlich eine Tugend ist. Zum einen frage ich mich, ob Ruhe überhaupt in jedem Fall möglich und angebracht ist. Das Verehren der Ruhe widerspricht eigentlich meiner Überzeugung, dass Schweigen nicht Gold ist und dass heftigere Wortgefechte und Streits manchmal nötig sind, um zueinander zu finden und ein Problem gemeinsam zu lösen. Zudem ist nicht außer Acht zu lassen, dass die Ataraxie, die Seelenruhe, ein Ideal der griechischen Antike gewesen ist. Wir können es uns zwar auch heute zu Herzen nehmen, uns von Schicksalsschlägen nicht unterkriegen zu lassen, allerdings haben wir, im 21. Jahrhundert, meistens viel mehr Möglichkeiten zur Konfliktbewältigung. Und wenn wir diese haben, dann obliegt uns auch die Verantwortung, sie auszunutzen, anstatt in einer trägen Akzeptanzhaltung zu ruhen. Wenn Ruhe Passivität, Faulheit oder gar Resignation bedeutet, dann ist sie natürlich nicht erstrebenswert. Zwischen dem Umstand, über den Dingen zu stehen, und der Tatsache, sie tatenlos zu ertragen, liegt ein schmaler Grat.

Zum anderen ist eine Tugend etwas, das man sich aneignen kann. Doch trifft das auf die Ruhe zu? Liegt sie in meiner Hand? Ist Ruhe ein kontrollierbarer Gemütszustand oder vielleicht doch Teil unseres auf genetische und damit unveränderbare Prädispositionen zurückzuführenden Charakters?

Waage im Gleichgewicht

Ich persönlich glaube, dass Ruhe beides ist: ein Gemütszustand und eine Charaktereigenschaft, dass ersteres aber auf zweiteres abfärben kann. Ich glaube, wer dazu fähig ist, sich in bestimmten Situationen zurückzuhalten und seine Emotionen auf gesunde Weise in Schach zu halten, der wird mit der Zeit eine allgemeine Gelassenheit, eine Ruhe als Grundgefühl und -einstellung entwickeln. Warum ich davon überzeugt bin? Ich habe in letzter Zeit Freizeitaktivitäten für mich entdeckt, die mir die Ruhe, die ich beim autogenen Training vergeblich gesucht habe, doch geben konnten. Endlich hatte ich das Gefühl, auf Knopfdruck die Entspannung zu bekommen, die eine Waage wie mich wieder ins Gleichgewicht bringt. Und ich hoffe, damit eines Tages die Ruhe spüren und ausstrahlen zu können, die ich in dem weisen Albus Dumbledore und meinen Philosophieprofessor vermute. So könnte und kann ich nicht nur die Hektik und den Trubel meines Alltags leichter bewältigen, sondern auch andere, hoffentlich, damit anstecken.

Doch Vorsicht: Irgendwo lauert er noch, der von mir vertriebene headbangende Zwerg. Denn auf jede Ruhe folgt stets der Sturm...