LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Bericht eines „jungen Menschen von heute“

Ich mag es nicht, irgendwo die Jüngste zu sein. Denn in dem Fall muss ich jeden Moment damit rechnen, dass jemand auf mich zukommt und mich fragt: „Na, was sagt denn die junge Generation dazu?“. Wenn irgendwo nach der nervigsten Frage überhaupt gesucht werden würde, würde ich genau dafür abstimmen.

Mythos Generationenkonflikt

Mir läge auf der Zunge zu antworten: „Das weiß ich doch nicht!“ Denn ich kann etwas darüber sagen, wie ich zu einer Sache stehe, aber warum in aller Welt sollte ich daraus schließen, dass meine Meinung die einer gesamten Generation repräsentiert? Es wäre ja einerseits sehr schön, wenn es so wäre, denn das würde mir den Umgang mit allen Altersgenossen erheblich erleichtern, ja, es würde eine nahezu perfekte Harmonie zwischen allen jungen Menschen versprechen.

Auf der anderen Seite: Haben wir nicht auch ein Anrecht auf Individualität, auf eigene Ansichten? In anderen Fällen verurteilen wir doch auch das Schubladendenken. Beispielsweise hinterfragen wir „die Frau“ und „den Mann“ als soziale Kategorie. Von „dem jungen Menschen“ und dem „alten“ zu sprechen, erscheint uns aber ganz und gar nicht widernatürlich. Völlig selbstverständlich unterstellen wir erstens klar erkennbare Unterschiede zwischen „jung“ und „alt“ in Hinblick auf Denkweise und Charakterzüge, zweitens eine absolute Homogenität unter „den Jungen“ einerseits und „den Alten“ andererseits.

Wenn „Jung“ und „Alt“ sich nicht einig werden, kann es nur durch den Generationenkonflikt begründet sein. Doch worin dieser genau besteht und ob die Meinungsverschiedenheiten wirklich am Altersunterschied liegen, dem scheint man nicht auf den Grund gehen zu wollen.

Paradoxon der Beobachterposition

Nein, ich vermag wirklich nichts über „die jungen Menschen“ zu sagen. Das nämlich mündet in ein Paradoxon. Ich kann „meine Generation“, wo auch immer sie anfängt und aufhört, beobachten. Aber wenn ich beobachten soll, muss ich aus ihrem Kreis heraustreten. Wenn ich aber nun von außen beurteile, nehme ich automatisch eine distanzierte und kritische Haltung dazu ein. Als Beobachter ist man im Grunde dazu gezwungen, sich eben nicht mit dem zu identifizieren, das man beobachtet. Nur, wer sich noch innerhalb des Kreises befindet, weiß ganz genau, wie es ist, ein Teil davon zu sein. Ihm fehlt aber wiederum die distanzierte Reflektiertheit, es anderen zu erklären.

Würde man, analog dazu, ein Eichhörnchen danach fragen, wie es ist, ein Eichhörnchen zu sein, würde man auch von ihm verlangen, zum Menschen zu werden, um sich eine Antwort überlegen und sie auf den Begriff bringen zu können. Doch in dem Moment wäre es eben kein Eichhörnchen mehr und müsste seine Sicht als Mensch wiedergeben, weil ihm der Blick und das Lebensgefühl eines Eichhörnchens verloren gegangen wären.

Respekt vor dem Alter

Es fällt mir nicht schwer, mich mit Menschen anzufreunden, die älter sind als ich. Warum auch? Ob man sich gut versteht, hängt meiner Ansicht nach nicht am Alter. Selbstverständlich ist es aber nicht ganz unproblematisch, den Altersunterschied völlig zu ignorieren. Denn dem Alter gebührt Respekt. Doch wie sollte dieser Respekt am besten gezollt werden?

Mit Ausnahmen, beispielsweise, wenn zu dem Altersunterschied noch ein hierarchisches Arbeitsverhältnis dazukommt, glaube ich, dass das zwischenmenschliche Verhältnis am ehesten davon profitiert, wenn man sich natürlich gibt und so, wie man ist. Ich glaube kaum, dass Menschen sich geschmeichelt fühlen, wenn man sich ihnen gegenüber verstellt, und dass das mit Respekt gemeint sein kann. Gegenseitiger Respekt sollte sowieso selbstverständlich sein, ganz gleich, mit wem wir es zu tun haben.

Mich jedenfalls stört es sehr, wenn ich das Gefühl habe, dass eine ältere Person nicht weiß, wie sie sich in meiner Gegenwart verhalten soll, oder mich gar von oben herab betrachtet. Warum darf ein Gespräch mit ihr niemals auf Augenhöhe stattfinden? Es stimmt absolut, dass mein Wissen und meine Lebenserfahrung nicht auf dem gleichen Stand sind wie bei jemandem, der doppelt so alt ist wie ich. Dessen bin ich mir bewusst. Doch warum muss dieser Umstand jeglichen sozialen Umgang bestimmen?

Kontradiktorisches Stereotyp

Problematisch finde ich darüber hinaus, dass es ein Stereotyp des „jungen Menschen“ gibt und uns dementsprechend immer bestimmte, oftmals kontradiktorische Eigenschaften unterstellt werden. So sind wir stets gesund, aber labil, wir sind faul, aber dynamisch, wir sind rebellisch, aber leidenschaftslos. Wir wissen einerseits nicht, was wir wollen, und sind andererseits für unser junges Alter schon zu „festgefroren“, wir sind zu schüchtern, überschätzen uns aber gleichzeitig, wir stellen zu viele Forderungen, verhalten uns aber auch zu passiv, wir haben keine Hobbies, haben aber die illusorische Vorstellungen, von unserem Steckenpferd leben zu können.

Der Widersprüche zum Trotz wird an diesen Vorurteilen festgehalten. Absolute Sicherheit vorgebend werden sie geäußert nach dem Muster: „Die jungen Menschen von heute sind soundso und nicht mehr soundso“. „Nicht mehr“ bezieht sich dabei auf die „bessere Jugend“ von früher. Wir dürfen, um dem ansonsten unvermeidbaren Vorwurf der jugendlichen Selbstüberschätzung zu entgehen, nur stumm danebenstehen und zusehen, wie man sich ein Bild von uns macht, ohne uns zu kennen. Der Wunsch, ein Individuum ohne Alter zu sein: Eine unerhörte, eine ungleich hochmütige Forderung. Oder vielleicht doch nicht?