MONT ST. MICHEL
HELMUT WYRWICH

Impfstoff nur für die USA? - Was hinter dem Aufschrei über Sanofi steckt

Der Aufschrei insbesondere in den Medien war unüberhörbar. Der Pharmariese Sanofi deutete an, dass ein möglicher Impfstoff gegen das Corona-Virus zunächst in den USA zur Verfügung gestellt werden sollte. Der französische Staatspräsident Macron bestellte die Verantwortlichen des Konzerns für kommenden Montag zu sich in den Präsidentenpalast. Seine Haltung war vorab deutlich: Impfstoffe und Medikamente werden nicht mit Markt-Mechanismen betrachtet.

Das sieht man in den USA anders. Sanofi arbeitet dort mit Translate Bio zusammen an der Entwicklung eines Impfstoffes gegen das Virus. Die US Regierung unterstützt die Forschungen mit einem Zuschuss von 28 Millionen Dollar. In den USA laufen zwei weitere große Forschungsvorhaben: Moderna erhält 480 Millionen Dollar Unterstützung, Johnson&Johnson 500 Millionen. Auch hier gibt es Vor-Reservierungen für ein mögliches Ergebnis.

Die US-Philosophie geht noch weiter. In der Forschung gibt es in der Regel die Stadien der Grundlagenforschung, der Entwicklung, des Tiertests, dann des klinischen Tests mit Menschen, schließlich die Zulassung als Medikament oder Impfstoff. Die Produktion wird häufig schon während der Testphase vorbereitet. Zeit wird auch bei den einzelnen Etappen nicht verloren. Bis zu den klinischen Tests dauert die Genehmigungsphase in der Regel 30 Tage.

Die enormen Mittel, die in die Forschung gesteckt werden, zahlen sich später aus. Wer den Impfstoff hat, kann ihn verkaufen und kann ihn per Lizenz an andere Produzenten weitergeben. Arzneimittel sind in den USA nicht billig. Hinter den enormen Forschungsgeldern verbirgt sich ein Milliardengeschäft für die Pharmakonzerne und ein gutes Geschäft für die Aktionäre, die auf steigende Kurse und auch Dividenden hoffen dürfen.

Diese geschäftliche Sicht der Dinge mit der Sicherung des Marktes für die eigene Bevölkerung ist zumindest nicht die in Frankreich. Bei einer Pandemie mit hunderttausenden von Toten rund um den Erdball, bei Milliarden staatlicher Zuschüsse, die allerdings in diesem Bereich in Frankreich gerade mal 50 Millionen betragen, muss ein Impfstoff gegen das Virus allgemein zugänglich sein, ist die Forderung.

Allerdings braucht Europa sehr lange um für seine über 400 Millionen Menschen die Gelder locker zu machen, die die Forschung benötigt. Gut 7,5 Milliarden Euro sind bei einer Sammelaktion unter den Regierungen zusammen gekommen. Das Geld muss nun gezahlt werden.

Die EU-Kommission muss die Projekte prüfen, dann bezuschussen. Europa braucht zu viel Zeit für Entscheidungen. Wo die USA in 30 Tagen zum Ziel kommen, braucht man in Europa 90 und anschließend gibt es noch Länder, die ihrerseits noch einmal national prüfen wollen. Das dauert.

Es gibt europäische Unternehmen wie das deutsche Forschungslabor Biontech, die ohne Aufsehen arbeiten. Es kooperiert mit dem US-Pharmariesen Pfizer. Es beginnt nun den Kliniktest für einen Impfstoff. Die Tübinger Firma Curevac will im Sommer mit Kliniktests für ihren Impfstoff finden.

120 Forschungsvorhaben im Rennen gegen das Virus

Curevac hatte in Deutschland ebenfalls kurz für einen Aufschrei gesorgt, als der US Präsident im Sinne des „Amerika zuerst“ die Firma wegen ihrer Impfstoff Entwicklung kaufen wollte. Als die Aktionäre kurz und trocken abwinkten, war der Spuk beendet. In der Welt gibt es derzeit etwa 120 ernstzunehmende Forschungsvorhaben im Rennen gegen den Virus. Im Kliniktest befinden sich derzeit eine Impfstoff-Entwicklung in Großbritannien, vier in China und eine in Deutschland. Die Sanofi-Entwicklung, um die es in Frankreich viel Wirbel gab, steht noch vor dem Kliniktest.

Die Pharma-Industrie selbst hat sich angesichts der ungeheuren Aufgabe, in kürzester Zeit die Rettung vor dem Virus zu entwickeln, zu einem ungewöhnlichen Schritt zusammengetan. „Covid 19 Therapeutics Accelerator“ heißt eine Gruppe von 15 weltweit wichtigen Pharma-Unternehmen und akademischen Institutionen, die nun kooperieren. Sie haben sich gegenseitig – eine außergewöhnliche Aktion – ihre Molekül-Archive geöffnet und forschen gemeinsam.

Mit Hilfe der Bill und Melinda Gates-Stiftung, dem Finanzdienstleister Mastercard und dem Wellcome Trust wollen Konzerne wie Novartis, Sanofi, Glaxo-Smithkline, Eli Lilly oder auch Merck innerhalb von zwei Monaten Medikamente und Stoffe entwickeln, die dann an lebenden Organismen ausprobiert werden sollen. Bill Gates ist in diesem Bereich Vordenker.

Er hat lange vor dem Auftauchen des Virus vor einer Pandemie gewarnt und wurde nicht gehört. Jetzt hat er vorgeschlagen, an sieben Orten quer über den Globus verteilt vorab Fabriken zu bauen, in denen die neu entwickelten Medikamente und Impfstoffe dann sofort in Milliarden Auflage produziert werden sollen. Denn es hat keinen Sinn, wenn die Stoffe existieren aber nicht genügend Fabriken zur Produktion vorhanden sind. Er hofft, dass er nun gehört wird. Sanofi hat übrigens am Freitag erklärt, dass es keine Vorzugsbehandlung geben und der geplante Impfstoff allen gleichermaßen zur Verfügung stehen werde.