Das Foto zeigt eine grüne Wiese, etwas rote Erde und einen Soldat mit der Waffe im Anschlag. Der Fotograf ist offenbar kurz hinter ihm. „Zwei Minuten später wäre ich fast im Gras erstickt, weil ein Fremdenlegionär mit voller Ausrüstung auf mich fiel“, erzählt Edouard Elias. „Er wog fast 100 Kilo.“
Im Saal ist es still. Hier sitzen rund 150 Zuschauer, die meisten Mitglieder eines Metzer Vereins für Hobbyfotografen, der heute Abend einen Gast eingeladen hat: Edouard Elias. Der 23-Jährige hat mehr Erfahrung als die meisten von ihnen. Als Kriegsfotograf hat er das Grauen gesehen, Kollegen verloren, in syrischen Hospitälern geweint, mit Fremdenlegionären in Zentralafrika gesoffen, aber auch Waisenkinder in Birma und Vergewaltigungsopfer im Kongo abgelichtet.
Wie kommt ein Student im zweiten Semester an der Ecole Condé in Nancy dazu, sein Fotografie-Studium hinzuwerfen und nach Syrien zu fahren? „Ich wollte Fotos machen. Ich glaube, es ist die Einsamkeit, die mich berührt“, sagt Elias. Er ist unprätentiös, mit Jeans, grauem Sweatshirt, Ringelschal, längeren braunen Locken und einem zarten Vollbart. Im Gemeindezentrum eines Stadtteils von Metz zeigt er an diesem Tag seine Fotos.
Es sind Bilder, die berühren. Ein schwer Verletzter, der wie ein vom Kreuz genommener Heiland wirkt. Krieger beim Gebet, Porträts von Fremdenlegionären, aber auch ein glutroter Himmel über Alep. „Eigentlich ist das kein wichtiges Foto. An diesem Abend wollte ich mir nur beweisen, dass ich noch lebe“, erzählt der junge Kriegsfotograf.
In der Schule ein Außenseiter
Elias kommt eigentlich aus dem Gard, hat aber zehn Jahre in Ägypten gelebt und spricht ein bisschen Arabisch. Aufgewachsen ist er bei den Großeltern. „In der Schule war ich immer ein Außenseiter. Da habe ich gelernt, daneben zu stehen und zu warten, bis sich eine Möglichkeit ergab“, sagt er. „Jetzt hilft mir das sehr.“ Er weiß, dass er geduldig sein muss, warten, sich unsichtbar machen. Dann kann er Fotos von großer Intimität schießen. Oft nimmt er eine Leica, mit der er ganz nah ran muss.
Als der Student 2009 bei seinem ersten Einsatz in syrischen Kriegsgefangenenlagern an der türkischen Grenze war, wartete er. Eines Tages fragte ihn ein Schlepper, ob er nicht nach Syrien wolle, wie die anderen Journalisten. „Ich wollte schon.
Aber ich hatte keine 150 Dollar pro Tag“, erzählt Elias. Der Schlepper nahm ihn trotzdem mit. Und Elias fotografierte das Leid und die Angst. „Auf diesem Foto vom Krankenhaus sieht man nicht, dass ich zehn Minuten später weinend auf der Treppe saß“, sagt er. Die Bilder zeigen nicht, wie er abends mit den Syrern beim Tee Worte austauschte: Englische gegen Arabische; ein Sprachkurs im Krieg. Aber sie sind nah dran. „Es ist sehr wichtig, dass ich meine Begleiter nicht in Gefahr bringe. In ihrer Kultur würden sie immer alles tun, um mich zu schützen. Das muss ich respektieren“, sagt er und streicht sich das Haar aus der Stirn. „Heute habe ich dort Freunde.“
Irgendwann hat der Schutz der Begleiter nicht mehr gereicht. Im Juni 2013 wurde er nördlich von Alep zur Geisel; zehn Monate lang. „Das Schwierigste war für mich, dass sich meine Großeltern so viele Sorgen gemacht haben“, bemerkt Elias entschuldigend, der vor allem eines nicht will: Sich als Opfer groß raus bringen. In Gedanken ist er schon beim nächsten Auftrag, diesmal sind es die Boko Haram.
„Ich bin immer unterwegs, Zeit habe ich sehr wenig“, sagt er. Gerade hat er die Tänzerinnen vom Lido im Auftrag von „VSD“ fotografiert. Für „Paris Match“ war er beim Elvis Contest in Großbritannien. Und im Kongo nahm er vergewaltigte, verstümmelte Frauen auf, die Dr. Denis Mukwege in der einzigen Klinik dieser Art operiert. „Ich erspare Ihnen die Einzelheiten dessen, was mit den Frauen gemacht wird“, meint Elias. Er weiß, wann er aufhören muss, wann es nicht mehr erträglich ist.
Elias kann erzählen. Er könnte schreiben. Aber er will nicht. „Redaktionen bitten mich oft darum. Ich schreibe viel. Aber nicht für die Öffentlichkeit“, sagt er. Auch Filme soll er aufnehmen; alles soll aufs Internet. „Aber ich arbeite jetzt lieber mit Tonspuren, die man unter die Bilder legen kann.“ Videoclips sind nichts für ihn.
Fotograf, weil er nicht anders kann
Ob er glauben würde, dass seine Fotos etwas ändern? Fragt einer seiner ehemaligen Professoren. „Nein“, sagt Elias. Er ist Fotograf, weil er nicht anders kann. Nach Syrien hat er seine Fotos angeboten. Es war schwer, erst wollte keiner. Schließlich konnte er sie an die Agentur Getty Images verkaufen. Heute drucken selbst der „Spiegel“ oder „The Sunday Times“ die verstörenden Bilder.
Auch wenn er jetzt die Redaktionen von „Le Monde“ oder „Europe1“ kennt, auch wenn AFP ihn erneut nach Syrien geschickt hat: Leicht ist sein Job nicht. „Man muss kämpfen“, sagt Elias. Noch hat er keine feste Anstellung, lebt vom einen Auftrag zum anderen.
Einige sucht er sich selbst. So wie Zentralafrika. „Als ich aus Syrien zurückkam, wusste ich nicht so richtig, wohin ich wollte. In der Ukraine waren schon so viele Kollegen.“ Elias wählte die Zentralafrikanische Republik und ihren vergessenen Konflikt. Er flog ohne Auftrag, schaffte es mit seinem Jungengesicht, von den Fremdenlegionären akzeptiert zu werden. Und verkaufte schließlich seine Fotos.
Seither geht er seinen Weg. Einen anderen gibt es scheinbar nicht für ihn. Wenn er Zeit hat, liest Elias oder schaut durch Bildbände der Fotoagentur Magnum. Um all´ die Eindrücke selbst zu verarbeiten, braucht er viel Zeit, sagt er. Und erzählt gleich darauf von den neuen Freunden unter den Fremdenlegionären, mit denen er in Frankreich Weihnachten gefeiert hat bis morgens um vier. „Dann war das Bier alle.“
Der Vortrag ist vorbei. Elias muss am nächsten Tag in den Tschad. Diesmal sind die Fotos bestellt und der Flug bezahlt. Der junge Kriegsfotograf will noch eine ganze Weile mit der Kamera in der Hand kämpfen. Auch noch, wenn er eine Freundin hat. „Aber wenn ich mal Vater bin, höre ich auf. Denn ein Kind wählt nicht den Beruf seines Vaters.“




