COLETTE MART

Im Jahre 2014, in dem die Medien auf das Kriegsjahr 1914 zurückblicken, wurde an der Schnittstelle zwischen Ost und West der Kriegsreflex erneut ausgelöst, scheinbar unerwartet, aber im Endeffekt doch der Logik eines imperialistischen Weltbildes folgend. Inmitten der Eskalation der Geschehnisse in der Ukraine besetzten die Russen die Krim, unter dem Vorwand der Verbundenheit mit den dort angesiedelten Russen. Die Referenz auf eine gemeinsame Geschichte mit der Krim ist wieder ein Argument, obwohl es seit 1914 eigentlich keines mehr sein dürfte, da sowohl der erste als auch der zweite Weltkrieg bewiesen haben, dass imperialistische Machtansprüche, die von der Geschichte abgeleitet werden, zwar Blutbäder anrichten können, aber auf Dauer keine Unterstützung in der modernen Welt mehr finden.

Mit der UNO konnte sich nämlich das Prinzip der Selbstbestimmung der Völker schüchtern einen Platz auf der weltpolitischen Bühne schaffen. Das Streben nach Selbstbestimmung prägt dann auch die Nachkriegsgeschichte der Ukraine, die seit der Unabhängigkeit im Jahr 1991 ihren Platz in der internationalen Staatengemeinschaft sucht. Während ab 2004 eine Hinwendung zu westlichen Werten angestrebt wurde, mussten die Ukrainer feststellen, dass ihr Land zu einer korrupten wirtschaftlichen Oligarchie wurde.

Die Überzeugungskraft der EU, die für demokratische Werte, Wohlstand und für den Anschluss an die moderne Welt steht, hat dazu geführt, dass die Menschen in der Ukraine wieder einmal rebellieren, und einen Platz in einem modernen Europa beanspruchen. Hier und jetzt, wo also das Volk sich wehrte, und zwar mit unterschiedlichen Zielsetzungen, schlug das alte Imperium Russland wieder zu, genau nach der Vorlage wie 1914, genau nach jenen Denkschemen um Machterhalt, jedoch auch um verletzte Gefühle.

Während sich die Staatengemeinschaft der UNO, die EU, und die Weltpresse seit Jahrzehnten vehement für den politischen Dialog und Verhandlungen einsetzen, stellte sich heraus, dass ehemalige Imperien wie Russland einfach noch anders ticken. Dieser Kriegsreflex auf die Geschehnisse in der Ukraine hin entstammt nämlich nicht aktualitätsbezogenen politischen Erwägungen, sondern einer unbewältigten gemeinsamen Vergangenheit.

Zu dieser gehört vor allem die ungenügend aufgearbeitete Geschichte des Zweiten Weltkriegs: Russland wurde nämlich hier Opfer eines aggressiven Besatzungskrieges der Deutschen, der durch die europäische Integration mit und um Deutschland, sowie den Kalten Krieg gegen den russischen Kommunismus aus dem kollektiven europäischen Unbewussten verdrängt werden musste.

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte kann also in der Interpretation der aktuellen Ereignisse nicht ausgeschlossen werden. Die diplomatische Lösung der aktuellen Problemlage, die gefährlich ist, impliziert also eine genau Analyse und Berücksichtigung historischer Befindlichkeiten, sowie unterschiedlicher Werte und Interpretationen der Lage in der Ukraine. Hier sollte ein Augenmerk darauf gerichtet werden, dass Krieg in Europa durchaus noch möglich ist, und dass man vor einem Flächenbrand nie wirklich in Sicherheit ist.