LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Bitcoin, Ethereum, Monero und Ripple faszinieren Terry Niesen, der nach Stationen als Sprachkurslehrer und Olympia-Organisator nun zum Krypto-Consultant werden könnte

Es ist warm an diesem Abend im Besprechungsraum eines Luxemburger Möbelhauses. Zehn junge Leute um die 30 sitzen hier, nippen gelegentlich aus ihren kleinen, gekühlten Plastikwasserflaschen und hören Terry Niesen zu. Der 29-Jährige hat die Freunde und Bekannten zu einer Präsentation über Bitcoin eingeladen, jener digitalen Währung, die seit Jahresbeginn von tausend Dollar auf über 4.600 Dollar gestiegen ist. „Es gibt kein Schwarzgeld bei Bitcoin und auch keine totale Anonymität, man kann alles zurückverfolgen“, erklärt Niesen. Niemand bezahlt ihn dafür, dass er zwei Stunden lang eine Währung erklärt, die vor zehn Jahren entstand. Angeblich stammt sie vom Japaner Satoshi Nakamoto. „Aber das ist ein Pseudonym, man weiß nicht, wer dahinter steckt. Man kann also nicht sagen, ob es ein Japaner ist. Einige Experten meinen, es wäre eine Zusammenarbeit mehrere Personen gewesen“, gibt Niesen zu bedenken. Niesen ist selbst von der Sache überzeugt und will seine Leidenschaft, aber auch sein Wissen teilen. „Ich könnte mir ein Leben als Kryptomanager gut vorstellen“, sagt er.

Dabei sorgte er Ende 2016 noch für Schlagzeilen als ziviler Attaché für die Olympischen Spiele in Rio. Dort lebte Niesen zu diesem Zeitpunkt mit seiner Frau. „Nach dem Studium in Berlin und Barcelona wollten wir eine Auszeit. Meine Frau hat Familie in Rio und so sind wir dorthin“, berichtet er. Die beiden Luxemburger arbeiteten zunächst als Selbständige in einer Sprachschule, dann für die Olympischen Spiele. Seine Krypto-Leidenschaft begann allerdings schon früher.

Kurs an der Uni

„Das erste Mal habe ich 2013 von einem Mann gelesen, der seine Festplatte nicht mehr hatte, auf der seine Passwörter waren. Sonst wäre er heute Millionär“, erinnert er sich. „Aber damals wusste ich noch nicht, was Bitcoin ist, für mich persönich war das damals eine Art Nerd-Ding.“ Ende 2014 postete ein Freund von Niesen, dass er eine Weltreise antreten werde, bei der er nur mit Bitcoin bezahlen wolle. Auf dem Weg kam er im Juli 2016 auch in Rio vorbei und erzählte vom Konzept. „Damals habe ich mir einen Bitcoin gekauft und mich nicht mehr damit beschäftigt“, sagt Niesen. Doch als der Olympia-Stress abebbte, googelte er mehr und stieß auf einen Vortrag an der Uni in Rio. Niesen ging samt Frau hin, war interessiert und beschloss, einen Kurs bei den zwei vortragenden Professoren mitzumachen.

„Das war ganz schön aufwendig, zwei Mal in der Woche drei Stunden, wir haben viel über die Geschichte und die Technologie gelernt“, erzählt Niesen. „Manche der 30 Teilnehmer waren bei einem Kurs von sieben Dollar eingestiegen!“ Er selbst ist felsenfest davon überzeugt, dass der Wert von Bitcoin weiter steigen wird. „Das liegt schon allein daran, dass es eine Grenze gibt. Bis etwa 2140 können noch rund 4,5 Millionen Bitcoins neu generiert werden, danach nicht mehr. Bislang gibt es rund 16,5 Millionen.“ Bitcoin, erklärt Niesen, funktioniert relativ einfach. „Jeder erhält einen private key, sein Passwort, dazu einen public key, seine öffentliche Mailadresse.“ Die Nutzer benutzen ihren Private Key, um die Bitcoins, die sie auf ihrem Public Key haben, zu versenden. Es gibt drei Arten von Nutzern: Nodes, also normale Nutzer, Full Nodes, die die Blockchain verifizieren und aktualisieren, und Miners. „Die investieren in Computer Power, um Transaktionen zu verifizieren. Für eine bestimmte Anzahl verifizierter Aktionen gibt es dann als Belohnung Bitcoins, die durch diese Tätigkeit generiert werden“, erklärt er. Und grinst. Niesen hat schnell verstanden, wie interessant das Geschäft ist. So hat er sich an einem „Miner“ beteiligt.

Volatiles Vergnügen

Hat er keine Sorgen, dass die stark volatile Währung wieder abstürzen könnte? „Wir haben schon Bewegungen von 1.000 Dollar auf 200 Dollar gesehen. Aber die Währung steigt seit langem. Dennoch würde ich niemandem raten, mehr als ein Prozent seiner verfügbaren Mittel dort hinein zu investieren. Fünf Prozent wären schon ein hohes Risiko“, meint der Krypto-Fan. Niesen setzt längst nicht nur auf Bitcoin. „Ich kaufe auch andere Kryptos und kann mir gut ein Krypto-Consulting vorstellen“, lächelt er. „Es gibt ja über tausend Kryptowährungen.“ Dass die nicht alle risikolos sind, wie zuletzt die Finanzaufsicht CSSF mit ihrer Warnung vor Onecoin gezeigt hat, weiß er nur zu gut. „Vielleicht überleben zehn Währungen. Egal ob Dash, Ethereum oder andere: Man sollte immer das white paper lesen und im Netz recherchieren“, rät er. Und hofft trotzdem: „In zehn Jahren habe ich zehn Bitcoins, mit denen ich ein Haus kaufen kann.“ Bitcoin sei seriös. „Visa und Master haben schon Abkommen mit Bitcoinfirmen geschlossen.“

Noch aber ist es nicht soweit. Zurzeit lebt Niesen zwischen Luxemburg und Rio de Janeiro und arbeitet an verschiedenen Projekten. Er hätte es auch einfach haben und das gut gehende Geschäft seines Vaters übernehmen können. Aber ausgetretene Pfade liegen ihm nicht. Er will etwas Eigenes aufbauen. Darin gleicht er seinem Vater, der an diesem Abend am Tisch sitzt und sichtlich stolz auf seinen Sohn ist. Der blickt nach zwei Stunden Vortrag in die Runde und fragt: „Habe ich euch überzeugt?“ Als einige am nächsten Tag Bitcoins kaufen wollen, freut er sich.

Cash oder virtuell? Digitale Währungen erfreuen sich regen Interesses

Bitcoin ist derzeit in aller Munde: Denn die virtuelle Währung hat in den letzten Jahren und erst recht den letzten Wochen rasant an Wert gewonnen. Bitcoin als sogenannte Kryptowährung wurde als Zahlungsmittel im Internet erdacht, ist längst aber zum Spekulationsobjekt geworden. Dabei gibt es noch unzählige mehr solcher Kryptowährungen: Laut bitmakler.net sind es mehr als 700, die auf verschiedenen Algorithmen aufbauen. Die bekannteste und eine der ältesten dieser virtuellen Währungen ist aber die 2009 ins Leben gerufene und auf Blockchain-Technologie beruhende Bitcoin.
Da Währungen, also gesetzliche Zahlungsmittel, eigentlich nur von Zentralbanken ausgegeben werden dürfen, beäugen die natürlich kritisch die Entwicklung solchen „alternativen Geldes“. Die Technologie, die dahintersteht, ist dennoch auch für sie interessant, und Alternativen zum traditionellen Banken- beziehungsweise Geldsystem werden von ihnen analysiert. Bei der Europäischen Zentralbank (EZB) ist Yves Mersch, der einstige Gouverneur der luxemburgischen Zentralbank, für diesen Bereich zuständig; zusammen mit der Bank von Japan testet die EZB den möglichen Einsatz von virtuellem Geld.
Da Luxemburg besonders an jungen Finanzunternehmen, Fintechs, interessiert ist, bleibt es nicht aus, dass auch das Thema virtuelle Währungen im Land eine immer wichtigere Rolle spielt, denn viele Fintechs wie beispielsweise „Holy Transaction“, das Kryptowährungen handelbar macht, beschäftigen sich mit dieser neuen Art von Geld. Francesco Simonetti, einer der Gründer des Unternehmens, sprach unlängst in einem Interview mit dem „Journal“ von der „Demokratisierung des Geldes“ durch virtuelle dezentrale Währungen. Er glaubt, „dass Kryptowährungen die Welt noch mehr verändern werden, als es das Internet bisher getan hat.“ Da steht er nicht allein, denn viele, die sich mit dem Thema beschäftigen, argumentieren, eine Währung ohne Staat sei längst überfällig. Der Vorteil, den sie in virtuellem Geld sehen: Es ist grenzenlos und nicht manipulierbar. Blockchain ist wie ein dezentrales Datenbanksystem, und das, was in der Blockchain steht, kann weder gelöscht noch manipuliert werden.
Andererseits dürfte auch jedem klar sein, dass dem nichts Nachhaltiges zugrunde liegt, wenn Bitcoin im Mai 2.135 Euro Wert sind und jetzt mehr als 4.000 – zum Vergleich: Eine Feinunze Gold kostete gestern um die 1.120 Euro. Der Run auf Bitcoin sorgte für eine Wertsteigerung innerhalb von drei Jahren um tausend Prozent. Hinzu kommt, dass in den letzten Monaten mehr Unternehmen Bitcoin als Zahlungsmittel akzeptierten. Das ist durchaus im rechtlichen Rahmen, denn die Nutzung von Bitcoins als Zahlungsmittel unterliegt keiner Erlaubnispflicht. So erfreut sich die in Luxemburg lizenzierte Bitcoin-Börse Bitstamp, einer Zunahme des Handels auf ihrer Plattform.
Demgegenüber warnen andere vor der Spekulationsblase, und die Credit Suisse weist darauf hin, dass sich die Anzahl der Bitcoins etwa alle vier Jahre halbiert. Irgendwann würden neue Bitcoins so wenig wert sein, dass sich der Betrieb der Bitcoin-Software nicht mehr rechne. Die Suche nach alternativem Geld läuft aber weiter. Im Februar haben Wissenschaftler des SnT der Universität Luxemburg einen für digitale Währungen wichtigen Algorithmus entwickelt: Equihash, zentrale Komponente der neuen digitalen Währung „Zcash“. Die Technologie verspreche besseren Datenschutz und mehr Gleichheit bei der Generierung der digitalen Münzen als Bitcoin, teilen die Wissenschaftler mit. Zcash - eine Art Update des Bitcoin-Protokolls - hat als experimentelle Technologie ihren Betrieb Ende 2016 aufgenommen.
Marco Meng