PATRICK WELTER

Mutti kann Krise. Mutti war vor drei Monaten noch am Ende, angeblich herrschte Kanzlerinnendämmerung in Berlin. Das merkelsche Zeitalter schien, wie das von Helmut Kohl, in einer zähen Pampe zu enden. Nur dass der dicke Überkanzler keinen Nachfolgekandidat hatte. Dafür darf sich Gerhard Schröder immer noch bedanken. Erst sieben Jahre später war die CDU mit Glück wieder da, wo sie am liebsten sitzt: Im Kanzleramt. Keiner der üblichen Verdächtigen aus den christ-demokratischen Männerbünden, sondern die langweilige Frau aus dem Osten hatte Schröder mit drei Sitzen Vorsprung geschlagen. Was Edmund Stoiber drei Jahre vorher nicht geschafft hatte. Von wegen Zählkandidatin. Lange her, aber man darf es nicht vergessen. Frau Merkel hat zunächst die CDU-interne Konkurrenz erledigt, danach ihre jeweiligen Koalitionspartner, zuerst die SPD, dann die FDP und schließlich wieder die SPD. Die Sozis mussten weitermachen, als die FDP aus den Jamaika-Verhandlungen ausstieg. Nach der Selbstzerfleischung der SPD, stieg auch die CDU in die Diadochenkämpfe ein. Auf der Strecke blieb als erstes die neue CDU-Vorsitzende, Merkels Wunschnachfolgerin AKK.

Es schlug die Stunde der Merz, Roettgen und Laschets – alles schien auf Friedrich Merz als neuen Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten hinauszulaufen. Aber - erstens kommt es anders, zweitens als man denkt.

Als das böse „C“ über die Welt hereinbrach, war Merkel plötzlich wieder da. Nach der italienischen Katastrophe war Schluss mit entrücktem Regieren. Merkel, von Haus aus Physikerin, hatte jetzt Naturwissenschaftler an ihrer Seite. Im Gegensatz zur Flüchtlingskrise 2015 regierte jetzt nicht der Bauch, sondern der kühle Kopf: „Wir müssen das schaffen!“

Der konservative Phoenix Friedrich Merz war plötzlich abgemeldet, Roettgen in der Versenkung verschwunden – in der Krise ist es einfach blöd, kein Amt zu haben. Der NRW-Ministerpräsident Armin Laschet zog erst im Merkel-Geleitzug mit, bis er sein Alleinstellungsmerkmal entdeckte: Die weiche Linie. Wenn Merkel an der Schraube der Einschränkungen drehte, hielt Laschet dagegen. Gleichzeitig profilierten sich zwei unerwartete Hardliner. Der saarländische Ministerpräsident Hans, eigentlich ein bis dahin unbeschriebenes Blatt, setzte sich in Szene und aus München meldete sich der als politischer Lautsprecher verschriene Markus Söder. Nicht mit Geschrei, sondern klug, zurückhaltend und überlegt. Söder macht eine ziemlich gute Figur. Mit so hohen demoskopischen Zuwachsraten, das jetzt linke Journalisten an Söder die deutsche Sehnsucht nach dem starken Mann festmachen. Bullshit.

Allerdings haben jetzt die Möchtegernkanzlerkandidaten der CDU ein Problem – mit Söder ist ein neuer Player im Spiel.

Trotz des weltweiten Lobs als Anti-Trump hat Merkel zwei Fehler gemacht. Sie hat den Kettenhund Seehofer mit seinen Grenzschließungen gewähren lassen und sie hat mit ihrer protestantischen Grundhaltung immer noch keinen Draht zu den Südländern gefunden – in Sachen Corona-Bonds ist sie unfähig, nachzugeben. Europa war noch nie ihr Ding.

Wenn sie schlau ist, geht sie nach der Corona-Krise auf dem Höhepunkt ihres Ansehens in Rente.