BRÜSSEL
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Zwei Jahre nach dem Terror in Brüssel - Bericht eines Überlebenden

Wofür es sich zu leben lohnt? Die Liebe, sagt einer, der vor zwei Jahren die Wahl hatte: aufgeben oder kämpfen. „Ich habe mich für den Kampf um das Leben entschieden, weil ich meine Tochter liebe.“ Heute jähren sich die Terroranschläge von Brüssel zum zweiten Mal. Walter Benjamin verlor damals sein rechtes Bein. Er verlor auch, was bis dahin sein Leben war. Und kämpft bis heute - auch für gesellschaftliche Verständigung.

Benjamin, heute 49, wartet am 22. März 2016 um kurz vor acht am Check-in-Schalter des Brüsseler Flughafens. Er ist voller Vorfreude, weil er auf dem Weg zu seiner Tochter Maurane ist. Die damals 17-Jährige lebt mit ihrer Mutter in Israel, Benjamin besucht sie regelmäßig. Es knallt, erst denkt er an einen Silvesterböller - dann sieht er einen orangefarbenen Feuerball in der Mitte des Terminals.

Menschen rennen auf ihn zu. „Aber um zu verstehen, dass es ein Bombenanschlag war, hatte ich nur neun Sekunden.“ Dann geht die zweite Bombe hoch, diesmal wenige Meter entfernt. Eine gute Stunde später wird in der Metrostation Maelbeek noch eine Bombe explodieren. 35 Menschen sterben bei den Explosionen, darunter drei islamistische Attentäter. Mehr als 300 Menschen werden verletzt.

Regelmäßige Besuche in Molenbeek

Nach solch einer Erfahrung könnte man Hass entwickeln. Benjamin, belgischer Jude, pflegt stattdessen den Kontakt zu Muslimen. Hassan Elouafi, Techniker am Flughafen und Muslim, habe ihm nach dem Anschlag das Leben gerettet. „Er war der Erste, der zu mir kam, und mich fragte, ob ich jemanden anrufen will.“ Benjamin rief seine Mutter an und bat sie, seine Ex-Frau und Tochter zu informieren. Im Krankenhaus besuchte Elouafi ihn fast täglich.

Oussama, ein heute 19 Jahre alter Muslim aus der Brüsseler Gemeinde Molenbeek, sucht über Facebook Kontakt zu Benjamin. „Er wollte mir im Namen der Jugendlichen Molenbeeks sagen, dass Ihnen leidtut, was geschehen ist.“ Benjamin besucht Molenbeek regelmäßig, das vielen als Islamistenhochburg gilt. Der Top-Terrorist Salah Abdeslam ist nur einer von vielen, deren Spur hierher führt. „Ich wollte den Jugendlichen zuhören und verstehen, was in ihnen vorgeht.“

Oussama? Ein cleverer Bursche, weltoffen und neugierig. Nur von der belgischen Geschichte habe er keine Ahnung. „Der Staat sollte diese belgischen Muslime fördern und europäische Bürger aus ihnen machen“, sagt Benjamin. Ihre Eltern seien häufig ungebildet, sie selbst orientierungslos. „Sie sind völlig verloren.“

Ein Buch darüber, wie man lernt zu kämpfen

Benjamin, der eine Partnervermittlung führt, wollte das Erlebte nicht vergessen, sondern verarbeiten. Deshalb notierte er seine Erinnerungen noch während er auf der Intensivstation lag. Vor kurzem ist sein Buch „J’ai vu la mort en face - Une vie après l’attentat“ („Ich habe dem Tod ins Gesicht gesehen - Ein Leben nach dem Anschlag“) erschienen. Es ist seiner Tochter Maurane gewidmet. „Sie ist immer noch sehr wichtig für mich. Ihretwegen wollte ich nicht sterben“, sagt Benjamin heute, während er auf der Kante seines Sofas im Brüsseler Stadtteil Ixelles sitzt. Sein kleiner Hund Dobby begrüßt Gäste an der Tür.

Doch aus den Erinnerungen ist kein Werk über den Terror entstanden. Es sei ein Buch darüber, aufzuwachen und zu kämpfen. Das könne genauso gut nach einem Autounfall sein, sagt Benjamin. „Wenn du kämpfst, gibt es ein Leben nach einem Unfall.“

Bleibende Schäden

Einfach ist dieses Leben allerdings auch zwei Jahre danach nicht. Benjamin kann mit seiner Prothese zwar gehen, aber ist noch unsicher auf den Beinen. Die 26 Stufen, die in seine Wohnung im ersten Stock führen, kosten viel Kraft. Richtig wird er wohl erst in ein bis zwei Jahren wieder gehen können. Öffentlichen Nahverkehr nutzt er gar nicht mehr - aus Angst vor weiteren Anschlägen. „Es wird wieder passieren“, sagt Benjamin. Unklar sei nur, wann und wo.

Und noch etwas macht ihm und den anderen Opfern zu schaffen. Sie fühlten sich vom Staat allein gelassen, sagt Benjamin. „Es ist, als würden wir nicht existieren.“ Mittlerweile habe er zwar etwas Geld von der Flughafen-Versicherung bekommen, aber nicht vom Staat. Es gebe auch keinen Plan, die Menschen wieder in die Gesellschaft zu integrieren. „Nichts in Belgien ist organisiert.“

Philippe Vansteenkiste vom Opferverein V-Europe sieht das ähnlich, drückt sich aber verhaltener aus. Wichtig sei eine konstruktive Zusammenarbeit mit der Regierung. „Bisher gibt es keinen großen Fortschritt. Aber mittlerweile kennen sie unsere Probleme und arbeiten daran.“ Das dauere allerdings extrem lang.

Entschädigungen zu beantragen, sei nach wie vor kompliziert. „Sie zwingen uns, in der Opferrolle zu bleiben. Dabei sollte das Ziel sein, uns in die Gesellschaft zu integrieren“, sagt Vansteenkiste. Damit würde man auch den Terroristen entgegnen: Ihr könnt uns nicht spalten. Ein Sprecher des Justizministeriums verweist darauf, dass die Kommission für finanzielle Hilfe der Opfer in den vergangenen zwei Jahren reformiert worden sei. Mittlerweile sei bessere und schnellere Hilfe möglich. Die Soforthilfe sei auf 30.000 Euro aufgestockt worden. Außerdem sei ein direkter Kontakt per Telefon und Mail zur Kommission eingerichtet worden. Bislang seien mehr als 2.500 Anrufe und 9.000 Mails eingegangen. Außerdem seien bislang mehr als 2,3 Millionen Euro Hilfe von der Kommission ausbezahlt worden. Der Sprecher sagt jedoch auch: „Für jedes Opfer bedeutet Anerkennung etwas anderes.“

Anschläge noch nicht verhandelt

Und auch rechtlich sind die Anschläge noch lange nicht aufgearbeitet. Abdeslam, der die Anschläge in Brüssel 2016 und in Paris 2015 mitvorbereitet haben soll, steht zwar derzeit in der belgischen Hauptstadt vor Gericht. Dort wird ihm und einem Komplizen allerdings zunächst versuchter Polizistenmord wegen einer Schießerei Mitte März 2016 vorgeworfen. Die Anschläge von vor zwei Jahren werden längst noch nicht verhandelt.

Premierminister Charles Michel wird heute den Kontakt zu den Opfern und ihren Angehörigen suchen. Zusammen werden sie am Flughafen und in der Metrostation Maelbeek Blumen niederlegen und eine Minute schweigen. Für Walter Benjamin ist das nicht genug: Michel komme nur für eine Minute und nehme sich nicht die Zeit, auch nur einen Moment bei den Opfern zu verweilen, beklagt er. Walter Benjamin wird deshalb nicht dabei sein.