LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Über die Eigenleistung der Vorstellungskraft

Bei der Frage, was das Besondere der Literatur ist, wird man sich größtenteils einig. Es ist die Eigenleistung, die der Leser mit einbringt, die Vorstellungskraft, die er aufwenden muss – korrekter wäre zu sagen: darf – um sich das, was er liest, vor seinem „inneren Auge“ zu vergegenwärtigen. Literatur entsteht erst, wenn der Text des Autors und das Bild, das sich der Leser macht, zusammenfließen.

Die menschliche Essenz

Besonders spannend finde ich es, mich mit literarischen Figuren zu befassen. Mein Eindruck von den Figuren ist meistens weder begrifflich noch in sonstiger Weise klar zu fassen, in vielen Fällen sind es nur vage Empfindungen und Eindrücke, die ich mit ihnen verbinde. Vertrauen. Empathie. Der Wunsch, sie seien wahrhaftig. Möglicherweise auch Abneigung oder Unverständnis. Visuell habe ich wenn dann nur eine Art Standbild im Kopf, irgendeine konkrete, aber traumartige Szene, die sich mir immer wieder ins Bewusstsein drängt, wenn die Figur in Erscheinung tritt.

Ebenso mache ich mir ein Bild vom Autor des jeweiligen Werkes. Eigentlich ist es mir am liebsten, wenn ich gar nicht weiß, wer dahintersteckt, was er beruflich macht, wie sein Beziehungsstatus ist und erst recht nicht, wie er aussieht. Völlig unvoreingenommen bin ich trotzdem nicht. Ich betrachte den Text keineswegs völlig losgelöst von seinem Verfasser, sondern ich mache mir nach und nach ein Bild von ihm, je nachdem, was Thema, Aufbau, Stil und Erzählweise des Textes sind.

Bücher lesen bedeutet, etwas über andere Menschen zu erfahren, über ihre Denkweise. Es gibt keinen Text, bei dem ich mir nicht die Frage stelle, was für ein Mensch das ist, der ihn verfasst hat und zwar genau auf diese Weise. Ich brauche das, die Freiheit, das Buch als zwischen zwei Buchdeckeln geklapptes „Tor zur Seele“ zu sehen und sei es nur aus dem Wunsch heraus, dort jemanden zu finden, mit dem ich so manchen Gedanken teile, denn das ist wahrlich das Schönste, das Literatur einem bieten kann.

Der Reiz des Abstrakten und der Lücken

Wenn ich nun aber ein Foto von dem Autor sehe, wenn ich einige Fakten über ihn kenne, macht das mein eigenes Bild von ihm kaputt, das nur funktioniert, wenn ich es mir selbst aus dem Text, ohne weiteren Input von außen, zusammenbasteln kann. Die wahre, reale Person interessiert mich als Leser nicht, sie geht mich nichts an. Ich brauche nicht zu wissen, welche Haar- oder Augenfarbe sie hat, was sie morgens zum Frühstück isst oder Ähnliches. Diese Informationen sind für den Leser überflüssig und vor allem viel zu fassbar. Das Bild des selbst zusammengebastelten Autors muss abstrakt bleiben, weil es sonst seinen Reiz verliert. Nur um dessen Gedanken geht es, nicht um seine Erfahrungen oder seine Lebensweise. Andernfalls könnte uns das bei unserer Lektüre beeinflussen und das ist es nicht, was mir vorschwebt. Der Text soll unser persönliches, wohlgemerkt unauthentisches, weil bewusst von der Realität abweichendes und unvollständiges Bild des Autors, beeinflussen und nie umgekehrt.

Doch wenn das Bild unauthentisch ist, warum brauchen wir es dann? Ich behaupte, dass wir es brauchen, weil die Worte ansonsten in einem luftleeren Raum schweben und ihren Wert verlieren würden. Sie könnten ihre Funktion, Toleranz und Neugierde zu wecken für fremde Standpunkte, Sichtweisen und Gedankengänge, nicht erfüllen. Der Text würde jegliche Realität und damit jegliche Relevanz verlieren. Der Leser interessiert sich nicht für reine Sprache, für reine Wortkunst. Er interessiert sich für den Menschen und das Menschliche und dessen wäre Literatur ohne Autor beraubt.

Was wir als Leser schaffen

Eventuell kann ich dies mit einem vergleichbaren Beispiel veranschaulichen. Wenn wir Radio hören, dann hören wir einen Moderator, einen Nachrichtensprecher. Wir hören dieser Person gerne zu, es ist, als würde sie zu uns persönlich sprechen, wir entwickeln einen Bezug zu ihr – und wir machen uns ein Bild. Das Radio würde nicht funktionieren, wenn es keinen Menschen gäbe, der mit uns reden würde und wenn wir nicht eine bestimmte Vorstellung hätten, wie das Gesicht zu der Stimme aussehen könnte. Doch auch hier ist es so, dass wir Familienstand oder Ähnliches nicht zu wissen brauchen. Was uns als Zuhörer interessiert, ist die Vorstellung von Wärme, Freundlichkeit, von guter Laune, selbst, wenn sie nicht wirklich ist. Und sobald wir „zu viel“ über den Nachrichtensprecher erfahren, sobald wir eine Augenfarbe vor Augen haben und einen konkreten Namen, entgleitet uns etwas.

Es ist der gleiche Zauber, der auch dann entflieht, wenn uns unser Bild von unseren Buchfiguren entrissen wird und sie plötzlich in der körperlichen Gestalt eines Filmschauspielers auf der Leinwand erscheinen. Im Possessivpronomen dürfte in der Tat der Schlüssel liegen. Wir wollen unsere Figur, unseren Autor, unseren Moderator, denn das Lesen von Büchern oder Hören von Radiobeiträgen macht uns zu Schöpfern.