LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Begleiter bei Trauer, Krankheit und Tod: Omega 90 bringt Tabuthemen zur Sprache

Bei der Vereinigung Omega 90 steht nicht der Tod im Mittelpunkt, sondern das Leben. Die Mitarbeiter und ehrenamtlichen Helfer begleiten schwerkranke Menschen auf ihrem letzten Weg und versuchen letztendlich ihre Lebensqualität sowie die ihrer Angehörigen zu verbessern. Omega-Direktor Henri Grün und die Verantwortliche der Weiterbildungsabteilung, Marie-France Liefgen, gehen im Interview auf die Philosophie der Organisation ein und erklären, wo es noch hapert.

Können Sie eingangs kurz auf die Grundpfeiler von
Omega 90 eingehen?

Henri Grün Omega 90 hat sich die Förderung der Palliativpflege auf die Fahne geschrieben. Wir sind kein Verein für oder gegen Euthanasie, genauso wenig wie wir katholisch oder antikatholisch sind. Unsere Trägermitglieder und Mitarbeiter haben diesbezüglich ebenfalls verschiedene Haltungen. Menschen, die zu uns kommen, bieten wir verschiedene Dienstleistungen, wichtig ist beispielsweise unser psychologischer Beratungsdienst für todkranke Personen aber auch für Trauernde. Daneben haben wir ein Ausbildungszentrum, in dem Professionelle aus Pflege- und Gesundheitsberufen in „Palliative Care“ ausgebildet werden, aber auch ehrenamtliche Mitarbeiter werden geschult. Von besonderer Wichtigkeit ist das Haus Omega, das wie eine kleine Klinik funktioniert. Dort werden Menschen aufgenommen, die sich am Lebensende befinden. Die Struktur ist bewusst klein gehalten und soll auch nicht vergrößert werden, weil sonst der Charakter verloren geht. Die Atmosphäre sollte anders sein als in einem Krankenhaus, nämlich familiärer.

Todkranke Menschen werden im Haus Omega aufgenommen, um dort möglichst angenehm zu sterben. Kann man es so ausdrücken?

Marie-France Liefgen Um möglichst angenehm zu leben, demnach die letzte Lebensphase so gut wie möglich zu verbringen. So sehen wir es.

Grün Würde man sagen, Sie kommen, um hier zu sterben, wäre alles auf den Tod bezogen. Das würde bedeuten, dass der erste Gedanken am Morgen und der letzte am Abend das bevorstehende Sterben wäre. Im Haus Omega sollen die Patienten die letzten Tage ihres Lebens genießen. Natürlich sollen sie sich auch auf den Tod vorbereiten, Dinge erledigen, die noch zu erledigen sind, Zeit mit der Familie verbringen, Dinge verarbeiten… Es ist aber keine Sterbeanstalt.

Wie bewältigt das Personal die ständige Konfrontation mit dem Tod?

Liefgen Wir beschäftigen hauptsächlich Krankenpfleger und Pflegehelfer. Eine gute Ausbildung im Palliativbereich ist unerlässlich. Während dieser Zeit setzt man sich auch mit der eigenen Endlichkeit auseinander und lernt, eine gesunde Distanz gegenüber dem Sterbenden zu wahren.

Grün Intern können die Mitarbeiter unseren Beratungsdienst in Anspruch nehmen. Permanente Weiterbildungen sind selbstverständlich. Es ist eine Arbeit, die belastend ist, deshalb ist es umso wichtiger, im Gleichgewicht zu bleiben.

Im Bereich Palliativpflege fordert Omega 90 einen nationalen Aktionsplan. Was genau erwarten Sie?

Grün Im Jahr 2012 wurde den Abgeordneten ein Bericht über die Palliativpflege vorgelegt. Dieser war aber rein deskriptiv. Darin beschrieben ist der Ist-Zustand: Welche Gesetze und Regelungen es gibt, das Angebot in den einzelnen Krankenhäusern... Das reicht für die weitere Entwicklung natürlich nicht. Die Situation ist sehr disparat. Jeder macht sozusagen, was er will. Es gibt natürlich viele gute Initiativen. Was aber fehlt ist eine Vision. Das momentane Gesetz gesteht jedem Patient das Recht auf eine gute palliative Betreuung zu. Es gibt aber keinen genauen Rahmen, der beschreiben würde, wie sich das Ganze entwickeln soll und wie diese Betreuung aussehen sollte. Es gibt drei Bereiche, in denen Palliativpflege gewährleistet sein soll: In den Krankenhäusern, zu Hause und in den Pflegeheimen. Wie soll das organisiert werden, was sind die Normen, wie soll das Personal ausgebildet sein, wer zahlt und wofür? Das ist bisher uneinheitlich oder nicht zufriedenstellend geregelt. Strategische Ziele gibt es nicht, die die Entwicklung steuern sollten.

Liefgen Dringend tun müsste sich beispielsweise etwas im Umgang mit dem „Carnet des soins palliatifs“. Viele Patienten werden oft nicht als „palliativ“ gemeldet, weil dieses Instrument von den Ärzten aus verschiedenen Gründen abgelehnt wird. Das Pflegepersonal trägt meist nichts in diesen „Carnet“ ein. Die Idee ist gut, jedoch ist das Instrument wohl nicht angepasst. In wenigen Fällen wird der „Carnet“ zwar ausgefüllt und an das zuständige Ministerium weitergeleitet, dort passiert dann aber nichts damit, weil es sich um eine verschwindende Minorität handelt.

Welcher Punkt sollte Priorität haben?

Liefgen Wie bereits erwähnt, muss ganz einfach ein Rahmen geschaffen werden. Die Normen müssen festgelegt werden, angefangen bei der Architektur bis hin zu den Kriterien, die nötig sind, um überhaupt Palliativpflege leisten zu können. Genauer definiert werden sollte auch, ab wann ein Patient „palliativ“ ist, sowie die verschiedenen Stadien davon.

Ist der Tod eigentlich immer noch ein Tabuthema?

Liefgen Rückblickend auf die 25-jährige Geschichte von Omega 90 habe ich das Gefühl, dass sich das ein klein wenig gebessert hat. Im Allgemeinen bleibt der Tod aber doch ein Tabu. Wir tragen unseren Teil durch Konferenzen und unseren Internetauftritt zur Aufklärung bei. Ein wichtiges Projekt in diesem Kontext ist „Omega mécht Schoul“, das wir in der Grundschule anbieten. Sowohl die Kinder als auch ihre Eltern und gleichzeitig das Lehrpersonal werden angesprochen. Ein Lehrer, der einmal an diesem Projekt teilgenommen hat, geht künftig ganz anders mit dem Thema um.

Ist der Tod nicht doch ein zu schwieriges Thema für Grundschulkinder?

Grün Das Ganze muss altersgerecht verpackt werden. Im Alter von acht bis zehn Jahren beginnen Kinder, Interesse an den Gesetzmäßigkeiten des Lebens im Allgemeinen zu zeigen. Positiver Nebeneffekt davon ist, dass sie Empathie erlernen und darüber hinaus erfahren, wie sie mit schwierigen Situationen umgehen können. Es ist wichtig, in einem gewissen Alter damit anzufangen. Wir überlegen momentan, ein ähnliches Projekt in Lyzeen zu starten. Jugendliche werden oft mit dem Tod - durch Suizid oder Autounfälle - konfrontiert. Ab diesem Alter beginnt eine etwas andere Thematik mit einzufließen.

Warum tun sich Erwachsene so schwer mit dem Thema?

Liefgen Über den Tod spricht man ganz einfach nicht gerne, und schon gar nicht über den eigenen. Wenn eine ältere Person sagt, sie habe das Gefühl, bald zu sterben, kommen vom Gegenüber meist die Standardantworten: „Aber nein, das wird wieder“. Diese Menschen machen dann dicht und reden nicht mehr darüber. Dabei wäre es sehr wichtig.

Sie haben das Thema Euthanasie eingangs kurz angesprochen, warum bezieht Omega 90 diesbezüglich keine klare Stellung?

Grün Es ist nicht unsere Aufgabe, den Leuten zu sagen, ob Euthanasie gut oder schlecht ist. Während einer Beratung wird natürlich darüber geredet, vor allem aber danach gefragt, wie der Patient sich sein Sterben vorstellt. Gleichzeitig klären wir über Palliativpflege auf, zeigen deren Möglichkeiten auf, sagen aber nicht, das eine sei besser als das andere. So lange die Patienten fähig sind, selbst zu entscheiden, sollten sie das tun. Es ist ihr Recht. Viele sehen aktive Sterbehilfe nach wie vor als letzte Notlösung. Jeder hat Angst davor, zu viel zu leiden. In der Palliativmedizin gibt es auch Möglichkeiten zur Schmerzlinderung. Werden die Schmerzen zu schlimm oder die Atemnot zu groß, wird zum Beispiel eine Sedierung vorgenommen, wodurch das Bewusstsein des Sterbenden gedämpft wird. Tiefe und Dauer der Sedierung hängen vom Zustand des Patienten ab.

Der Patient spürt dann die negative Symptomatik nicht mehr. Es kann sein, dass er dadurch ein paar Tage früher stirbt. Euthanasie ist aber etwas anderes. Entscheidet man sich dafür, entscheidet man sich gleichzeitig für den Zeitpunkt. Es ist ein kleiner, aber wesentlicher Unterschied.


Weitere Informationen unter www.omega90.lu